Im Schatten des Vaters – Tom Rachmann: Die Gesichter

Nachdem ich vor kurzem erst Siri Hustvedts Kunstroman „Die gleißende Welt“ beendet habe, befasst sich Tom Rachmans neuer Roman „Die Gesichter“ (dessen Lektüre bereits einige Wochen zurückliegt) erneut mit der Kunstwelt, setzt aber komplett andere Schwerpunkte. „Die Gesichter“ erzählt das Leben von Charlie, genannt „Pinch“, Sohn eines bedeutenden Künstlers mit Namen „Bear“. Pinch wird sein Leben lang versuchen, sich aus dem Schatten des übermächtigen Vaters zu befreien.

Tom Rachman ist für mich einer der Autoren, deren neue Bücher ich unbesehen lesen möchte, da mich die beiden früheren Romane „Die Unperfekten“ und „Aufstieg und Fall großer Mächte“ seinerzeit gefesselt und begeistert haben. In letzterem widmete Rachman sich einer Frau und ihrer Suche nach ihrem Platz im Leben, nach der Bedeutung ihrer Vergangenheit. Hier steht nun also Pinch im Mittelpunkt, und dabei vor allem die schwierige Beziehung zu seinem Vater.

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Verstehen, was geschah – Michael Ondaatje: Kriegslicht

Der Zweite Weltkrieg ist gerade vorbei, als Nathaniel und seine Schwester Rachel, beide gerade im Teenageralter, von den Eltern in London zurückgelassen werden, angeblich, da diese beruflich in Asien zu tun haben. Ein Mann, den sie bald nur noch den „Falter“ nennen, passt auf sie im Elternhaus auf, während sie ihren alltäglichen Gewohnheiten nachgehen. Nach einiger Zeit wird das Haus von den Freunden des Falters bevölkert, von teils exzentrischen Gestalten, die die beiden Jugendlichen faszinieren. Mit einem von ihnen, dem „Boxer“ verbringt Nathaniel viel Zeit, begleitet ihn auf nächtlichen Touren und zu Hunderennen, mit denen er illegal Glückspiel betreibt. Doch diese manchmal unbeschwert wirkende Zeit ist irgendwann ganz plötzlich vorbei. Nathaniel begreift, dass all die Menschen, die um ihn und seine Schwester herum waren, sie beschützen sollten. Und dass ihre Eltern nicht die Wahrheit sagten, als sie sich so plötzlich von ihnen verabschiedeten.

Später, als diese intensive Zeit längst vergangen ist, all die Menschen aus Nathaniels Leben verschwunden sind, seine Schwester nicht mehr zu seinem alltäglichem Leben gehört, macht er sich auf die Suche nach den Spuren, die zu seiner Mutter führen, nach all dem, was sie ihm nie gesagt hat. Es ist eine beschwerliche, manchmal frustrierende Suche, auf der Nathaniel auf viel Schweigen stößt. Doch nach und nach fügen sich Andeutungen und Ahnungen zusammen, und er zieht seine eigenen Schlüsse.

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Ein Jahrhundert – Inger-Maria Mahlke: Archipel

Ein „Archipel“, so ist es bei Wikipedia zu lesen, „ist eine Region, die aus einer Inselgruppe und den Gewässern zwischen diesen Inseln besteht“. Inger-Maria Mahlke lässt ihren neuen Roman in so einem Archipel spielen. Die Familie, die im Mittelpunkt steht, lebt auf Teneriffa, und so, wie die einzelnen Familienmitglieder miteinander in Verbindung stehen, so gehören auch die umliegenden Inseln zueinander, während sie auf der anderen Seite genauso für sich stehen.

Der Roman beginnt im Jahr 2015 in La Laguna mit Ana, ihrem Mann Felipe und der Tochter Rosa, die eigentlich auf dem Festland „was mit Kunst“ macht, nun aber zurückgekehrt ist, ohne darüber zu sprechen, was der Grund für diese Rückkehr ist. Ana ist Lokalpolitikerin und gerade viel zu sehr eingespannt, um sich für die Tochter zu interessieren, und zwischen ihr und ihrem Ehemann hat sich eine Distanz aufgebaut, die schwer zu durchdringen ist. Anas Vater, der betagte Julio, sitzt an der Pforte einer Seniorenresidenz und schaut die Tour de France. Seine Aufgabe ist, aufzupassen, dass niemand der (anderen) Alten einfach so das Haus verlässt.

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Die Verwirrte – Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses

Peri sitzt seit jeher zwischen den Stühlen, wenn es um Glaubensfragen geht: Ihre Mutter ist streng gläubig, ihr Vater kann der Religion nichts abgewinnen. So war schon Peris Kindheit vom nie enden wollenden Streit zwischen den Eltern geprägt, und dies setzte sich in gewisser Weise fort, als sie ihren Traum verwirklichte, ihre Heimatstadt Istanbul verließ und nach Oxford ging, um dort zu studieren. Dort lernte sie die extrovertierte Shirin kennen, mit der sie schnell Freundschaft schloss, obwohl sie so anders war als sie selbst. Und sie machte Bekanntschaft mit der streng gläubigen Mona. Beide beharrten auf ihrem Standpunkt, Peri befand sich immer irgendwo dazwischen.

Inzwischen ist Peri längst zurück in Istanbul, verheiratet und Mutter zweier Kinder, die schon im Teenageralter sind. Sie lebt ein geordnetes Leben und verkehrt in guten Kreisen, als sie eines Tages überfallen wird und durch einen Zufall ein Stein ins Rollen kommt. Plötzlich sind die Ereignisse zu ihren Zeiten in Oxford wieder sehr nah. Peri verließ die Universität damals sehr abrupt und hat noch eine Schuld offen, die sie nun einholt.

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Weggehen und Ankommen – Dina Nayeri: Drei sind ein Dorf

Nilou floh als Kind mit ihrer Mutter und ihrem Bruder aus dem Iran in die USA. Die Mutter hatte sich dem Christentum zugewandt und war im Iran nicht mehr sicher. Sie und der Vater beschlossen, dass sie mit den Kindern gehen würde, während er zurückblieb. Inzwischen hat Nilou viel erreicht: Sie studierte an einer Eliteuniversität und macht Karriere, sie heiratete einen erfolgreichen Juristen. Sie lebt nun in Amsterdam, hat keine iranischen Freunde, sondern sich dem westlichen Leben weitgehend angepasst, sozusagen versucht, darin aufzugehen. Doch sie beginnt zu spüren, dass sie ihre Wurzeln nicht einfach verleugnen kann, sie sehnt sich nach etwas, das sie nicht recht benennen kann.

Es hat mit ihrem Vater zu tun, mit Brahman, der im Iran blieb und noch zwei weitere Male geheiratet hat. Beide Ehen verliefen unglücklich. Nilou und ihr Bruder Kian haben den Vater, seitdem sie emigrierten, insgesamt nur viermal getroffen. Brahman ist ein heimatverbundener opiumsüchtiger stolzer Mann, der seine Kinder liebt und vermisst, doch die Beziehung zwischen ihnen ist schwierig. Bei ihren kurzen Treffen spüren alle Beteiligten, dass sie die Zeit ohne einander nicht ignorieren oder wegreden können, dass es nicht möglich ist, da anzuknüpfen, wo das gemeinsame Leben geendet hat. Nilou ist nicht mehr das zehnjährige Kind, Brahman nicht der noch junge Mann, der er war, als seine Familie ging. Nilou fühlt sich nach den Treffen mit dem Vater schlecht und leer, und sie verachtet ihn für seine Opiumsucht. Daher reagiert sie auch nicht auf seine Kontaktversuche im Jahr 2009, als Brahman sie treffen und um Hilfe bitten will.

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