Berliner Milieustudie – Sven Regener: Wiener Straße

Sven Regener hat mit seiner Lehmann-Trilogie einen eigenen kleinen Kosmos geschaffen und eine Zeit wieder aufleben lassen. Von „Neue Vahr Süd“ einmal abgesehen, denn dieser Roman erzählt die Vorschichte zu den späteren Geschehnissen und spielt in Bremen, entführte er uns seinerzeit in das Berlin der 80er Jahre: in die Zeit vor und vor allem zum Mauerfall. Damals war Frank Lehmann derjenige, um den sich alles drehte. In „Wiener Straße“ nun ist es eine Gruppe von Menschen, teilweise bekannt, teilweise nicht, aus deren ganz normalen Leben Regener uns erzählt.

Viele der Szenen spielen im bereits bekannten Café Einfall, das Erwin führt und in dem seine Nichte Chrissie und Frank Lehmann arbeiten, was nicht ohne Diskussionen vonstatten geht. Erwins Freundin Helga ist schwanger, worauf zu Beginn des Romans die Wohnverhältnisse neu geordnet werden. Die Künstler H. R. Ledigt und der bereits aus vorherigen Romanen bekannte Karl Schmidt treten auf. Und ein weiterer Schwerpunkt der Geschichte dreht sich um das Künstlerkollektiv der ArschArt Galerie um P.Immel.

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Trauer und Zuversicht – Colm Tóibín: Das Feuerschiff von Blackwater

Es gibt Autoren, deren Romane bei mir bei jeder Begegnung mit einem neuen Werk ein Gefühl von Nachhausekommen auslösen – egal, welche Geschichte erzählt wird. Nach meiner Lektüre des dritten Romans des irischen Schriftstellers Colm Tóibín bin ich sicher, dass er sich endgültig in die Reihe derer einfügt, bei denen mir das so geht. Andere Beispiele sind die Romane Hanns-Josef Ortheils, die stets von einer ruhigen, lebensbejahenden Atmosphäre getragen sind, in der ich mich wohlfühle, und auf völlig andere Weise ist jeder neue Eintritt in die Welt Haruki Murakamis ein bisschen so, als würde ich eine bekannte, eine befreundete Welt betreten (obwohl die Welt bei Murakami paradoxerweise ja meist so gar nicht „bekannt“ ist, aber das ist ein anderes Thema). Auch Tóibíns Romane sind im Kern optimistisch und lebensbejahend, obwohl seinen Protagonisten oft Schweres widerfährt oder sie zumindest nicht immer ein leichtes Leben haben.

So ist es auch in seinem 1999 erschienenen Roman „Das Feuerschiff von Blackwater“. Hauptfigur ist Helen, verheiratet, Mutter von zwei Söhnen. Sie führt ein Leben, mit dem sie im Großen und Ganzen zufrieden ist. Das Verhältnis zu ihrer Mutter ist kompliziert und sie hält sie auf Distanz. Ihre Kinder haben die Großmutter noch nicht einmal kennengelernt. Nun aber erfährt Helen, dass ihr Bruder Declan todkrank ist und sich wünscht, ins Haus seiner Großmutter gebracht zu werden. Dort sitzen nun abwechselnd Helen, ihre Mutter und Großmutter, sowie zwei Freunde Declans um sein Bett, im Wissen, dass ihm nur noch wenig Zeit bleibt. Die alten Wunden werden aufgerissen, vor allem zwischen Helen und ihrer Mutter ist Einiges ungeklärt. Persönliche Geschichten kommen auf den Tisch, auch Paul und Larry haben dazu etwas beizutragen.

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Zweite Heimat – Christopher Kloeble: Home made in India

Christopher Kloeble, Jahrgang 1982, veröffentlichte bereits einige Romane und Erzählungen, zuletzt im letzten Jahr den Roman “Die unsterbliche Familie Salz”. In diesem Jahr nun kam mit „Home made in India. Eine Liebesgeschichte zwischen Delhi und Berlin“ ein biographisches Werk auf den Markt.

Kloeble wuchs als Sohn eines Schauspielers und Produzenten in Bayern auf und studierte am Deutschen Literaturinsitut Leipzig. Im Rahmen seiner Schriftstellerei lernte er seine spätere Frau Saskya Jain kennen, Tochter einer deutschen Mutter und eines indischen Vaters. Jain ist ebenfalls Autorin. Die beiden verliebten sich, wurden ein Paar, heirateten und leben inzwischen jeweils zur Hälfte in Delhi in Berlin.

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Was uns eint – Christoph Peters: Selfie mit Sheikh

Christoph Peters Erzählband „Selfie mit Sheikh“, vor kurzem im Luchterhand Verlag erschienen, umkreist in verschiedenen Episoden, die sich in unterschiedlichen Ländern abspielen, nicht nur die islamische Welt an sich, sondern vor allem das, was geschieht oder geschehen kann, wenn die so genannte westliche Welt und die „orientalische“, die muslimische, aufeinander treffen.

Während ich zu Beginn noch etwas unsicher war, was ich von Peters’ Erzählungen halten sollte, und nicht genau wusste, wohin mich der Autor mit seinem Buch führen würde, nahm er mich mehr und mehr gefangen, als ich mich irgendwann einfach mitnehmen ließ zu den unterschiedlichen Begegnungen seiner Protagonisten.

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In der Schwebe – Anne von Canal: Whiteout

Jans E-Mail besteht aus wenigen Worten: „Lieber Amundsen, Scott ist tot. Melde Dich. Wildson“. Was erst einmal zusammenhanglos und schwer verständlich auf den Leser von Anne von Canals neuem Roman „Whiteout“ wirkt, wird sich bald klären: Als Kinder lernten Hanna und ihr Bruder Jan Friederike, genannt Fido, kennen und waren bald unzertrennlich. Sie verband eine große Faszination für die großen Forscher am Südpol und so wurden ganz zu Beginn ihrer Freundschaft die Rollen von Amundsen, Scott und Wildson verteilt. Später dann, als Jugendliche, schmiedeten sie Pläne, wollten gemeinsam nach Hamburg gehen, studieren, selbst in die Forschung gehen. Doch Fido verschwand ohne ein Wort, machte eine Ausbildung und meldete sich nie wieder. Hanna blieb allein mit ihrer Ungewissheit. Mit den Jahren hat sie sich daran gewöhnt, doch Jans Nachricht bringt alles mit Wucht zurück.

Als seine E-Mail eintrifft, ist sie gerade auf einer Expedition in der Antarktis – sie allein hat ihre Pläne aus der Kindheit und Jugend schließlich in die Tat umgesetzt und wurde Glaziologin. Auf engstem Raum arbeitet sie mit einer kleinen Gruppe anderer Forscher am Rande der Zivilisation zusammen und versucht, die Fassade aufrecht zu erhalten, sich nichts anmerken zu lassen, während die Erinnerungen an Fido zurückkommen. Diese Erinnerungen teilt sie mit dem Leser.

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