Schreiben als Lebensziel – Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River

Die Zwanziger Jahre in den USA: Vance Weston, junger Spross aus gutem Hause, will unbedingt Schriftsteller werden. Jedoch hat er weder schon viel zu Papier gebracht, noch kennt er sich mit dem gängigen Literaturkanon aus, es fehlt ihm an literarischer Bildung. So fühlt er sich wie im Paradies, als er nach einer langen Krankheit zur Erholung zu Verwandten geschickt wird und sein Cousin Upton ihn mitnimmt in ein altes Haus, das eine große Bibliothek besitzt. Vances Cousin und seine Familie geben auf das Haus Acht, das schon seit einiger Zeit leer steht. Hier lernt Vance auch die junge Halo kennen, die ihn immer wieder sacht in die richtige Richtung stößt und später seine Schreibversuche kritisch unter die Lupe nehmen wird. Vance gelingt es schließlich, bei Halos Ehemann Lewis und seiner Zeitung unter Vertrag zu kommen. Er heiratet seine Cousine Laura Lou, die zwar eine herzensgute Frau ist, ihm aber intellektuell unterlegen und mit der Vance nicht über seine Arbeit reden kann. Sowohl seine als auch Laura Lous Familie heißen die überstürzte Hochzeit nicht gut, und seine Schwiegermutter lässt ihn immer wieder spüren, dass sie ihm nicht vertraut.

Edith Wharton (1862-1937) widmet sich in ihrem Roman „Ein altes Haus am Hudson River“ (erschienen erstmals 1929), der Frage nach der Bedeutung von Kunst und Literatur in den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Ihr Protagonist Vance Weston strebt danach, das journalistische Schreiben, das er vor allem als Broterwerb betreibt, hinter sich zu lassen, um ein erfolgreicher Romanschriftsteller zu werden, ohne wirklich zu wissen, wie genau er dies angehen soll. Durch Halo (eigentlich Héloise Spear – sie selbst sagt, Name und Spitzname seien beide gleich lächerlich) gelangt er in die Kreise der Society, wo er sich zunächst einmal zurechtfinden und lernen muss, welches Verhalten von ihm erwartet wird.

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Verfall einer Familie – Arundhati Roy: Der Gott der kleinen Dinge

„Die Dinge können sich an einem einzigen Tag verändern.“

Im Herbst wird der neue, der zweite Roman der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy erscheinen, die mit „Der Gott der kleinen Dinge“, ihrem Debütroman, den Booker Prize gewann und durch ihn weltberühmt wurde. Roy ist seit Erscheinen ihres Erstlings hauptsächlich als politische Aktivistin in Erscheinung getreten, hat aber in den letzten Jahren an einem neuen Roman gearbeitet. 20 Jahre ist es her, dass „Der Gott der kleinen Dinge“ erschien und dass ich das Buch mit Begeisterung gelesen habe. Die Ankündigung des neuen Werkes der Autorin war für mich Grund genug, den Erstling erneut zu lesen. Es ist ein großartiger Roman.

Auch wenn die Familie, um die es im Roman geht, verfällt bzw. auseinander fällt – Ähnlichkeiten zu den Buddenbrooks, auf die die Überschrift dieser Besprechung anspielt, sind bei genauerem Hinsehen sicherlich zu finden, wenn auch nicht unbedingt auf den ersten Blick, aber sie sind nicht eigentliches Thema dieses Textes. Hier wie dort geht eine Familie kaputt, hier wie dort (und vermutlich auch überall sonst in vergleichbarer Literatur und letztlich auch in der Wirklichkeit) sind es gesellschaftliche Konventionen, die dazu beitragen. Über „Der Gott der kleinen Dinge“ ist viel geschrieben worden, zumeist positiv. Ich reihe mich ein.

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Geld macht nicht glücklich – Naja Marie Aidt: Schere, Stein, Papier

Als Jacques stirbt, haben Thomas und seine Schwester Jenny schon länger keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater. Vor allem Thomas ist eher erleichtert, sind die Erinnerungen an seine Kindheit doch mehr schlecht als alles andere. Er und Jenny wurden vom Vater grausam behandelt, die Mutter verließ Mann und Kinder. Jacques war ein Krimineller und starb schließlich im Gefängnis, als er gerade auf seinen nächsten Prozess wartete. Auf der Trauerfeier erfährt Thomas von einem der Gefängniswärter, dass Jacques dieses Mal wohl für länger hinter Gitter gekommen wäre, da sein Vergehen offenbar so gravierend war, dass es keine kurze Strafe zuließ. Was der Vater getan hatte, darf der Wärter Thomas nicht mitteilen. Ebenfalls auf der Trauerfeier trifft er einige alte Freunde seines Vaters, die er lang nicht gesehen hat bzw. die er gar nicht kennt, zum Beispiel dessen langjährigen Freund Frank und den noch recht jungen Luke, für den Jacques so etwas wie eine Vaterfigur zu sein schien, was Thomas sehr verblüfft.

Eigentlich will Thomas seinen Vater und alles was mit ihm und seinem Tod zusammenhängt, schnell hinter sich lassen und sein Leben weiterleben. Er wohnt mit seiner Freundin Patricia zusammen, allerdings ist die Beziehung schwierig, auch deshalb, weil sie sich ein Kind wünscht, er aber nicht. Mit seinem Freund Maloney führt Thomas einen Papierwarenladen. Das Einzige, was Thomas aus Jacques’ Wohnung mitnimmt, ist ein alter Toaster, den seine Schwester Jenny unbedingt haben will – Thomas hält sie für übertrieben sentimental und ist oft genervt von ihren dramatischen Auftritten und den vielen Tränen, die sie seiner Meinung nach gern vergießt. Der Toaster allerdings hat es in sich: In ihm ist eine große Menge Geld versteckt – vermutlich stammt es aus Jacques’ letztem Coup. Thomas beschließt, das Geld an sich zu nehmen und eine weitere Filiale des Papierladens zu eröffnen. Er erzählt niemandem, wovon er dies bezahlen will und woher er plötzlich so viel Geld hat.

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Unterdrückte Liebe – Margaret Mazzantini: Herrlichkeit

„Splendore“, so der Originaltitel des vorliegenden Romans von Margaret Mazzantini, lässt sich wie hier geschehen übersetzen mit „Herrlichkeit“, ebenso mit Glanz, Pracht oder Strahlen. Starke Worte, die ebenso starke Bilder schaffen, Bilder, die sich zunächst nicht so einfach mit der Geschichte, die ich gelesen habe, in Einklang bringen lassen.

Es ist die Geschichte von Guido, die dieser selbst erzählt, aus der Perspektive des Erwachsenen, der an der Schwelle zum Alter steht, als er sein Leben Revue passieren lässt. Und es ist die Geschichte von Costantinos und Guidos verbotenen Liebe zueinander. Beide wachsen in Rom irgendwann mitten im 20. Jahrhundert auf. Sie leben im gleichen Haus, Costantino ist der Sohn des Portiers, Guido lebt mit seiner exzentrischen Mutter und dem dagegen eher beständigen Vater in einem der oberen Stockwerke. Er ist ein einsamer Junge, aber um Geld muss er sich keine Sorgen machen. Guido und Costantino gehen in die gleiche Klasse, werden so etwas wie Freunde, entdecken aber mit der Zeit noch andere Gefühle füreinander, Gefühle, die sie nicht wahrhaben wollen und die gesellschaftlich alles andere als akzeptiert sind. Sie versuchen, ihre Homosexualität zu unterdrücken und das Leben zu führen, das von ihnen erwartet wird.

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Unvernünftige Welt – Salman Rushdie: Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte

Die Welt gerät aus den Fugen. Nicht gleich wird den Menschen klar, was eigentlich los ist. Völlig Ungewöhnliches geschieht, doch welche Ausmaße die Unruhe haben wird, die sich ausbreitet, das ahnt erstmal niemand. Der Gärtner Mr. Geronimo schwebt plötzlich ein paar Zentimeter über der Erde und es gelingt ihm nicht, wieder Bodenhaftung zu bekommen. Also muss er eine Krankheit haben, so beschließt sein Umfeld, und man meidet ihn fortan. Ein Baby, das im Büro der Bürgermeisterin ausgesetzt wird, hat die merkwürdige Fähigkeit, jeden korrupten Menschen entlarven zu können, der ihm zu nahe kommt. Und ein junger Graphic-Novel-Autor hat nachts eine surreale Begegnung mit einer Kreatur, die er selbst zumindest so ähnlich erschaffen hat.

All dies passiert, so lesen wir, weil die Schlitze zwischen den Welten sich geöffnet und die Dschinn den Weg zu den Menschen gefunden haben – nur, dass es unter ihnen einige gibt, die nichts Gutes im Schilde führen. Doch eine weibliche Dschinn, die Dschinnya Dunia, entschließt sich, den Kampf gegen die bösen Dschinn aufzunehmen. Sie möchte den Menschen, denen all diese Merkwürdigkeiten widerfahren, helfen, denn es gibt eine Verbindung zwischen ihnen und ihr: Sie sind ihre Nachfahren. Vor ein paar Hundert Jahren hatte sich Dunia in einen Menschen verliebt und viele Nachkommen mit ihm gezeugt. Diejenigen, die von ihr abstammen, zeichnen sich allesamt durch ihre angewachsenen Ohrläppchen aus – und dadurch, dass auch sie eine übermenschliche Dschinnseite haben, von der sie aber bisher noch nichts wussten. Die Lage wird immer bedrohlicher und am Ende steht die alte Frage, wer siegen wird: Das Gute oder das Böse.

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