Richterleben – Petra Morsbach: Justizpalast

Jeder, der schon einmal eine Anwaltsserie verfolgt oder einen entsprechenden Film gesehen hat, weiß: Recht und Gerechtigkeit sind zwei Paar Schuhe. Zwar ist die „gute“ Seite dort meist auch die, die im Zuschauerempfinden im Recht ist und die die meisten Fälle gewinnt (oder den Fall, wenn es nur einen gibt), dennoch geht es um noch viel mehr als den Sieg der Gerechtigkeit: zum Beispiel darum, wer den besseren, klügeren, vielleicht gerisseneren Anwalt hat. Keinesfalls kann man sich in der Gewissheit zurücklehnen, dass die Gerechtigkeit siegen werde, und am Ende der Geschichte hat man gelernt, dass es um Gerechtigkeit eigentlich nur am Rande geht.

Für Thirza Zorniger, Protagonistin in Petra Morsbachs neuestem Roman „Justizpalast“, ist es dennoch das Streben nach Gerechtigkeit, das sie antreibt, als sie sich für die Juristenlaufbahn entscheidet. Auch viele Jahre später, als sie längst eine angesehene und routinierte Richterin am Justizpalast in München ist, hat sie noch den gleichen Anspruch an sich und somit an die Gerechtigkeit, die in ihrem Gerichtssaal walten soll, auch wenn sie längst gelernt hat, dass dies nicht immer möglich ist.

Weiterlesen

Advertisements
Veröffentlicht unter Roman | Verschlagwortet mit , , , , , | 2 Kommentare

Das Politische im Privaten – Kamila Shamsie: Home Fire

„Home Fire“ ist gerade erst im Original erschienen, eine deutsche Übersetzung ist noch nicht angekündigt (wird aber vermutlich folgen). Der Roman stand auf der diesjährigen Longlist des Man Booker Prize, hat es aber nicht auf die Shortlist geschafft. Da mich bereits einige Romane der britisch-pakistanischen Autorin begeistert haben, las ich ihren neuen Roman im Original. Und wurde nicht enttäuscht.

London. Isma war früh für ihre beiden jüngeren Geschwister, die Zwillinge Aneeka und Parvaiz verantwortlich. Über den Vater und seinen frühen Tod wurde nicht viel geredet, hatte er sich doch kaum um die Familie gekümmert, war fast immer abwesend. Die Mutter starb, als Isma noch sehr jung war, die Zwillinge fast noch Kinder. Nun sind die beiden 19 und Isma möchte sich einen Wunsch erfüllen und in den USA studieren. Zu Beginn des Romans begleitet der Leser sie zum Flughafen, wo sie sich langen Verhören unterziehen muss – Verhöre, auf die sie vorbereitet war, aufgrund derer sie schon befürchtete, ihren Flug zu verpassen. Warum Isma so im Visier der Kontrolleure ist, das erfährt der Leser scheibchenweise. Lange ist man im Unklaren, was es mit dieser Familie und ihren Geheimnissen auf sich hat. Geheimnisse sowohl um den toten Vater, als auch um Aneekas Zwillingsbruder Parvaiz, der England vor ein paar Monaten verlassen hat und zu dem die Schwestern keinen Kontakt haben.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Roman | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Chronik mit bitterem Ende – Leila Slimani: Dann schlaf auch du

Myriam und Paul sind beruflich sehr eingespannt und engagieren daher für die beiden kleinen Kinder das Kindermädchen Louise. Diese erweist sich als Glücksfall: Sie hütet nicht nur Adam und Mila, sondern hält auch das Haus in Schuss. Sie ist gleichzeitig allgegenwärtig und unsichtbar. Bald wird sie für die Familie unverzichtbar. Doch irgendetwas stimmt mit ihr nicht.

Dass die Kinder sterben und dass die Nanny diejenige ist, die sie umbringt, das erfährt der Leser gleich auf der ersten Seite von Leila Slimanis Roman „Dann schlaf auch du“. Auf den verbleibenden gut 200 Seiten wird dann die ganze Geschichte aufgerollt: wie Louise in die Familie kommt, wie sie sich unentbehrlich macht, wie sie fast zu einem Teil der Familie wird, bis die Stimmung irgendwann kippt und sie ihre Arbeitgeber durch merkwürdiges Verhalten irritiert. „Dann schlaf auch du“ ist kein klassischer Psychothriller. Der Roman beschäftigt sich eingehend mit dem Alltag der Familie sowie eher in Schlaglichtern mit der Vergangenheit Louises: Es sind kurze Kapitel, die von ihrem Leben erzählen, ihrem Mann, der starb und ihr einen Berg Schulden hinterließ, der Tochter, zu der sie schon lange keinen Kontakt mehr hat.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Roman | Verschlagwortet mit , , , , | 10 Kommentare

Krippens Krise – Michael Wildenhain: Das Singen der Sirenen

In diesem Jahr ist mein Verhältnis zu den für den Deutschen Buchpreis nominierten Romanen bisher ganz offenbar schwierig. Nachdem ich vor kurzem Mirko Bonnés Roman „Lichter als der Tag“ abbrach, (wobei ich sein „Nie mehr Nacht“ in bester Erinnerung habe) da ich zu den allesamt passiven Charakteren keinen Zugang fand, konnte ich auch mit Michael Wildenhains Roman „Das Singen der Sirenen“ wenig anfangen. Dabei halte ich mich eigentlich für eine recht geduldige Leserin, die bereit ist, Verständnis für schwierige Charaktere aufzubringen, doch in beiden Romanen fand ich die männlichen, mittelalten Hauptcharaktere, die sich in Sinnkrisen befinden und die sich, der eine mehr, der andere weniger, als erstes durch ihren Egoismus auszeichnen, zumindest teilweise schwer zu ertragen.

In „Das Singen der Sirenen“ geht der Literaturwissenschaftler Jörg Krippen nach London, wo er ein Seminar halten soll. Er forscht über Frankenstein. Frau und Sohn lässt er in Berlin zurück, von ihr erhält er erboste Anrufe, in denen sie ihn wüst beschimpft. Krippen lässt es stoisch über sich ergehen. In London lernt er Mae kennen, eine junge Frau indischen Ursprungs, scheinbar zufällig ist die Begegnung, doch es gibt eine Verbindung zu ihr, wie sich bald zeigen wird. Mae forscht über Reproduktionstechnologien: Sie und Krippen verkörpern in Wildenhains Roman, grob gesprochen, die Geistes- und Naturwissenschaften. Die beiden verlieben sich.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Roman | Verschlagwortet mit , , , , , | 2 Kommentare

Vom Scheitern des Menschen – Salman Rushdie: Golden House

„Zu Anfang gilt es immer, ein Leid zu mildern, eine Wunde zu heilen, ein Loch zu füllen. Und am Ende steht immer das Scheitern – das Leid ungelindert, die Wunde nicht verheilt, der Rest melancholische Leere.“ S. 102

Im Golden House wohnt der betagte Nero Golden mit seinen drei erwachsenen Söhnen, Petya, Apu und Dionysos, genannt D. Dies sind nicht ihre echten Namen, sondern die, die sie sich selbst gaben, als sie in das New York des Obama-Amerikas kamen. Namen römischer Helden. Woher sie kamen und warum, das weiß in der Nachbarschaft zunächst niemand, ihre Spuren haben sie gründlich verwischt.

Es ist der junge Dokumentarfilmer René, den Salman Rushdie in seinem soeben erschienenen Roman „Golden House“ die Geschichte um die Goldens erzählen lässt. René wohnt mit seinen Eltern in der Nachbarschaft der Familie, beobachtet sie zunächst fasziniert und findet in ihnen bald das Thema für seinen ersten großen Film. Zunächst ist es eine choral anmutende Wir-Perspektive, aus der er erzählt, die aber bald der Ich-Perspektive weicht, vielleicht schon deshalb weichen muss, weil René nach und nach selbst Teil der Geschehnisse um die Goldens werden wird.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Roman | Verschlagwortet mit , , , , | 9 Kommentare