Kleiner Bruder – Heinz Helle: Die Überwindung der Schwerkraft

„Bald bin ich so alt, wie mein Bruder war, als er starb.“ S. 7

Der Beginn von Heinz Helles neuem Roman „Die Überwindung der Schwerkraft“ machte gleich deutlich, mich erwartete eine Geschichte der Schwere und der Melancholie, es würde ans Eingemachte gehen, wenn sich auch zeigen würde, dass es nicht um einen ausnahmslos deprimierenden Roman handelt. Es ist ein Satz, der mich gleich hineingezogen hat in die Geschichte, der auf den Sog vorbereitete, der mich schnell erfassen sollte.

Die Erinnerung an den um etwas mehr als zehn Jahre älteren Bruder, der eigentlich ein Halbbruder ist, ist für den Ich-Erzähler vor allem mit einer durchzechten Nacht verbunden, die beide miteinander verbrachten, einige Monate, bevor der Bruder dann starb. In dieser Nacht sahen die beiden sich zum letzten Mal, was zu dem Zeitpunkt noch niemand wissen konnte. Der große Bruder hatte Alkoholprobleme, er hatte diverse, ernste Krankheiten, wie ich im Laufe des Romans erfahre, doch er hatte auch sehr präzise Wünsche und Vorstellungen das Leben betreffend. Er war einer, der viel nachdachte, der nach Lösungen suchte für Probleme, die andere gar nicht sahen.

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Die Herkunft des Anderen – Elizabeth McKenzie: Im Kern eine Liebesgeschichte

Veblen verdankt ihren ungewöhnlichen Namen dem norwegischen Ökonom und Soziologen Thorstein Veblen, nachdem ihre Mutter sie benannt hat und dessen Anhängerin sie dann auch wie zwangsläufig schon im Kindesalter wird. Sie ist eine junge Frau, naturverbunden, tierlieb und gibt wenig auf Äußerlichkeiten. Paul ist Assistenzarzt und arbeitet an einer medizinischen Studie, die für ihn einen gewaltigen Karriereschritt bedeuten kann, aber aus dem Ruder zu laufen droht. Obwohl die beiden recht unterschiedlich sind, werden sie schnell ein Paar, erkennen eine innere Wesensverwandtschaft und beschließen, zu heiraten.

Nicht nur heißt es nun, sich zu einigen, in welchem Rahmen genau die Hochzeit stattfinden soll, tausende kleine Entscheidungen zu treffen – und dabei den anderen noch näher kennenzulernen, wobei auch Unerwartetes zutage gefördert werden wird – auch den Eltern muss man den bzw. die Zukünftige vorstellen. Und was sie angeht, hat McKenzie in die Vollen gegriffen und Figuren geschaffen, die teils so überzeichnet sind, dass sie wie Karikaturen daherkommen. Allen voran Veblens Mutter Melanie, eine Hypochonderin, die Veblen ihr Leben lang manipuliert hat, um stets von ihr zu bekommen, was sie will. Melanie ist eine Egozentrikerin, unerträglich selbstgerecht, die an allem und jedem etwas auszusetzen hat und sich gern in jeder erdenklichen Situation als Opfer sieht. Es ist unmöglich, ihr etwas recht zu machen. Von Paul ist sie nicht überzeugt – vermutlich will sie aber auch einfach ihre Tochter nicht „hergeben“. Von Veblens Vater ist sie schon lange getrennt, und ihr Mann Linus erträgt Melanies Launen stoisch, weil er sie so liebt, wie es heißt, wobei man sich als Leser fragt, wie es jemand ernsthaft über eine so lange Zeit neben Melanie aushalten kann. Linus wirkt wie ein Waschlappen ohne eigene Meinung, ohne eigenes Leben. Alles davon ist zu dick aufgetragen, ist einfach zu viel.

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Von Sehnsucht und Zerrissenheit – Angelika Overath: Ein Winter in Istanbul

Der Schweizer Religionslehrer Cla verbringt drei Monate in Istanbul, wo er über den Philosophen und Theologen Nikolaus von Kues, genannt Cusanus, forscht. Dieser hatte im Spätmittelalter eine Reise von Konstantinopel nach Venedig unternommen, um die christlichen Religionen zu einen, was am Ende aber scheiterte. Der Leser folgt Cla sowohl durch die Straßen von Istanbul als auch hinein in seine Lektüre, in seine Gedanken zu Cusanus. Und vor allem ist er dabei, als Cla dem Kellner Baran begegnet, der sowohl griechische als auch türkische Wurzeln hat und der einige Jahre in Deutschland gelebt hat, so dass die beiden sich auf Deutsch unterhalten können.

Cla hat im Engadin seine Schweizer Freundin Alva zurückgelassen, mit der er seit ca. zwei Jahren zusammen ist und die er aufrichtig mag und zu lieben glaubt, zu der er sich bisher aber nicht völlig bekennen kann. Alva ist Mitte 30, Cla zehn Jahre älter, und er sehnt sich nach einem intensiveren Leben, was immer das genau heißen soll.

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Verbrechen und Strafe – Nino Haratischwili: Die Katze und der General

Es ist ein Kriegsverbrechen, geschehen im Ersten Tschetschenienkrieg in den 90er Jahren, das die Katze und den General überhaupt erst zusammenführt. Der General war damals beteiligt an Vergewaltigung und Mord einer jungen Tschetschenin, ein Verbrechen, das ihn und sein Leben komplett verändert hat, eine Schuld, für die er nie gebüßt hat und die schwer auf ihm lastet. Damals noch ein Niemand, so hat er sich inzwischen, wir schreiben das Jahr 2016, zu einem schwerreichen und einflussreichen Oligarchen entwickelt, und er hat sich in den Kopf gesetzt, seine Mittäter – und sich selbst –  zur Rechenschaft zu ziehen.

Katze ist eine junge Schauspielerin, die in die Geschichte nur deshalb hineingezogen wird, weil sie dem damaligen Opfer ähnlich sieht. Alexander Orlow, der General, sieht sie auf einem Plakat und bietet ihr viel Geld dafür an, dass sie ein Video dreht, das den anderen dreien von damals zugespielt werden soll, und in dem er sie mit Hilfe von Katze zu einem Treffen zitiert. Der General versetzt seine Mittäter in größte Unruhe, eigentlich wollen sie nur vergessen, was damals geschah, immer mit der Rechtfertigung nicht zuletzt vor sich selbst, dass schließlich Krieg war und andere Regeln galten.

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Sich freischwimmen in New York – Chris Kraus: Sommerfrauen, Winterfrauen

Filmstudent Jonas soll einen Film drehen. Dafür reist er nach New York, wo er auf Freunde und Künstlerkollegen seines Lehrers Lila von Dornbusch trifft. Er lebt in der versifften und zugemüllten Wohnung von Lilas Freund Jeremiah Fulton, einem exzentrischen und launischen Professor. Er soll die Lage sondieren, bis „Dieanderenfünf“, seine Mitstudenten, eintreffen, auch sie sollen hier ein Projekt umsetzen. Wir schreiben das Jahr 1996, eine Zeit also, in der Jonas mit seiner Freundin Mah, die in Deutschland zurückgeblieben ist, noch nicht über SMS geschweige denn Smartphone rund um die Uhr in Verbindung sein kann, sondern noch zum Telefon greifen muss.

Jonas hatte einen Unfall, der bleibende Schäden hinterlassen hat und ist überzeugt, dass er nicht alt werden wird, und auch Mah ist nicht gesund, zumindest wird sie wahrscheinlich keine Kinder bekommen können. Nun jedoch sind die beiden erst einmal zwangsläufig getrennt und Jonas ist viel zu sehr eingenommen von New York, den Menschen dort, der Atmosphäre, dem Gefühl weit weg von zu Hause zu sein, als dass er Mahs Sehnsuchts- und Eifersuchtsanrufen den Raum geben könnte, den sie sich wünscht. Mah ist auch diejenige, die Frauen in Sommerfrauen und Winterfrauen einteilt und dem neuen Roman von Chris Kraus so zu seinem Titel verhilft, allerdings betrifft diese Klassifizierung nur einen kleinen Teil der Geschichte, die genauso gut einen anderen Titel hätte tragen können, der auf einen anderen Schwerpunkt des Romans verweisen würde, denn davon gibt es einige.

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