Nach dem Überfall – Anna Enquist: Denn es will Abend werden

„Das Leben von früher schlägt die scharfen Reißzähne in das Leben von jetzt.“  S. 151

Carolien, Jochem, Hugo und Heleen haben viele Jahre zusammen in einem Streichquartett musiziert, waren eng befreundet. Carolien und Jochem sind verheiratet und haben vor einigen Jahren ihre beiden Söhne bei einem Unfall verloren. Das gemeinsame Musikmachen hat auch sie beide sie zusammengehalten, doch eines Tages wurden die vier Freunde bei einer Probe auf einem Hausboot überfallen und als Geiseln genommen. Das Geschehene hat sie allesamt traumatisiert und voneinander entfernt. Das Streichquartett gibt es nicht mehr.

Carolien hat bei dem Überfall einen Finger verloren, sie hat ihre Arbeit als Allgemeinmedizinerin aufgegeben und nicht mehr Cello gespielt. Ihr Mann Jochem, der Instrumentenbauer ist, flüchtet sich in eine Art blinden Aktionismus und fühlt sich erst wieder sicher, als er diverse Sicherheitsschlösser und Alarmanlagen in sein Atelier sowie auch in die gemeinsame Wohnung eingebaut hat. Heleen verschwindet fast völlig von der Bildfläche, verändert sich auch äußerlich stark und fängt ein ganz neues Leben an. Und Hugo sucht sein Glück in China, wo er ein neues Business aufzieht, statt sich um seine kleine Tochter zu kümmern, die ebenfalls bei dem Überfall anwesend war und keinen Kontakt mehr zu ihren Vater zulässt.

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Der Verlorene – Sayed Kashua: Lügenleben

„Wenn Menschen etwas glauben wollten, könne sie keine Macht der Welt umstimmen, …“ S. 225

Das Werk Sayed Kashuas, israelischer Schriftsteller und Journalist arabischer Herkunft, begleitet mich schon seit einigen Jahren. Seine Romane, in denen meist die – gerade auch alltäglichen –  Konflikte zwischen Arabern und Israelis im Vordergrund stehen, waren stets unterhaltsame, kluge und erhellende Lektüre für mich. Sein Kolumnenband „Eingeboren“, das letzte Buch des Autors, das 2016 bei uns erschien, beschäftigte sich unter anderem mit Kashuas Entschluss, mit seiner Familie in die USA auszuwandern. Für ihn auch das Eingeständnis einer Niederlage und der Resignation, da er immer die Hoffnung hatte, dass ein Leben ohne größere Probleme und Konflikte für ihn und seine Angehörigen in Israel möglich sei.

Die Auswanderung in die USA hat Kashua mit dem Protagonisten seines neuen Romans „Lügenleben“ gemeinsam. Zu Beginn der Geschichte besucht er zum ersten Mal seit vielen Jahren Israel, um seinen Vater zu besuchen. Dieser liegt nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus, sein Gesundheitszustand ist ernst. Eher zaghaft beginnt der Erzähler, dem Vater von seinem Leben in Amerika zu berichten, von den drei Kindern, die ihre Großeltern nicht kennen, von seiner Frau. Immer deutlicher wird dabei, dass er verstoßen wurde, dass er sich schuldig gemacht haben muss. Seine Heimatstadt darf er nicht betreten, seine Geschwister wollen zum Teil nichts mit ihm zu tun haben. Was ist vorgefallen?

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Gelebtes und erträumtes Leben – Judith Kuckart: Kein Sturm, nur Wetter

Schon der Titel von Judth Kuckarts Roman kommt ein wenig kryptisch daher, und immer wieder habe ich während der Lektüre darüber nachgedacht, wie, und vor allem dass er sehr gut passt in diese und zu dieser Geschichte, die uns da erzählt wird. In mehrerer Hinsicht. Gibt es keinen Sturm, keine Aufregung, keine Erlebnisse (mehr?) im Leben der Protagonistin? Nur das Wetter an sich, Oberbegriff für alles von Sonnenschein bis Schnee und Hagel, neutral wie das Wort Leben. „Kein Sturm, nur Wetter“ ist ein gut gewählter Titel für den schmalen Roman, der gerade im Dumont Verlag erschienen ist.

Sturm, genauer Robert Sturm, das ist aber auch der Name des Mannes, den die Protagonistin am Berliner Flughafen Tegel trifft. Wobei sie nicht dort ist, um irgendwo hinzufliegen. Sie sitzt in einem Café, das macht sie öfter, träumt vielleicht davon, wegzufliegen, zumindest träumt sie sich ein wenig fort aus ihrem Alltag. Sie ist 54, alleinstehend, arbeitet als Lektorin für medizinische Fachbücher, weil sie sich nach Abschluss des Medizinstudiums nicht in der Lage sah, mit Patienten zu arbeiten. Das Wort Einsamkeit fällt nicht, doch im Laufe der Lektüre kriecht es immer deutlicher hervor zwischen den Zeilen, macht sich breit in der Leserin. Es ist ein zutiefst melancholisches Buch, dieser Roman.

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Im Flüchtlingscamp – Mohammed Hanif: Rote Vögel

Der amerikanische Kampfpilot Ellie stürzt über der Wüste ab, irgendwo in einem nicht näher bezeichneten orientalischen Land. Einige Tage kämpft er sich durch die Wüste, bis er schließlich auf Momo trifft, einen rebellischen Teenager, der in einem Flüchtlingscamp in der Nähe lebt. Momo hat einen Hund, Mutt, dem bei einem Unfall angeblich das Hirn „weggeschmolzen“ wurde. Das hindert ihn aber nicht daran, abwechselnd mit Ellie und Momo zu erzählen, was so geschieht im Flüchtlingscamp und in dieser Geschichte. Mohammed Hanifs Roman „Rote Vögel“ hat die meiste Zeit über diese drei Erzähler, die ihre Lage jeweils scharfsinnig kommentieren und analysieren und am anderen oftmals wenig Gutes finden.

Ellies Ehe ist gescheitert, was unter anderem an seinem Beruf und der Tatsache lag, dass er deutlich öfter unterwegs an den Kriegsschauplätzen dieser Welt war, als zu Hause bei seiner Frau. Nun sitzt er fest und ist auf die Hilfe derer angewiesen, die er eigentlich hätte bombardieren sollen. Momo ist trotz seiner jungen Jahre bereits mit allen Wassern gewaschen, ausgestattet mit dem arroganten vermeintlichen Durchblick eines selbstbewussten Teenagers, der alles und jeden durchschaut, und bereits auf dem Weg, ein gewiefter Geschäftsmann zu werden. Letztlich ist sein Leben aber bestimmt von der Tatsache, dass sein großer Bruder „Bro Ali“ seit einiger Zeit verschwunden ist. Seine Eltern, stets „Mother Dear“ und „Father Dear“ genannt, haben sich über den Verlust entfremdet. Im Lager befindet sich gerade außerdem noch eine NGO-Mitarbeiterin, um „die Psyche junger Muslime“ zu studieren. Momo ist sich sicher, dass er klüger ist als sie, immer weiß, was sie denkt und worauf sie hinaus will, und dass er ihr nur das gibt, was er gerade zu geben bereit ist, während Mutt, der Hund, zu wissen glaubt, dass Momo einfach nur scharf auf sie ist.

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Besserungsanstalt – Colson Whitehead: Die Nickel Boys

„Er tröstete sich mit dem Gedanken, nur das tun zu müssen, was er immer getan hatte: sich korrekt verhalten.“ Kapitel 4

Sich korrekt verhalten, das würde Elwood schnell feststellen, würde nicht ausreichen, um die Zeit, die er in der sogenannten Besserungsanstalt Nickel Academy verbringen sollte, schnell herumzubringen und danach einfach dort anzusetzen, wo er unterbrochen worden war: Elwood erbrachte in der Schule gute Leistungen und wollte nach den Ferien ans College, um Literatur zu studieren, fest davon überzeugt, dass ihm alles gelingen werde, was er sich wünschte, wenn er sich nur genug anstrengte und sich richtig verhielte. Doch Elwood ist schwarz und dadurch einem offenen Rassismus quasi wehrlos ausgesetzt.

Dass Elwood überhaupt im Nickel landet, ist nicht nur ein Justizirrtum, sondern auch ein Skandal. Zufällig befindet er sich in einem gestohlenen Auto, das in eine Polizeikontrolle gerät, aber niemand hat Zweifel an Elwoods Mitschuld oder ein Interesse daran, ihm einen fairen Prozess zu machen. Doch er will sich nicht brechen lassen, nicht aufgeben, glaubt, dass er seinen Weg noch gehen werde, wenn er erst wieder draußen ist.

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