Weiterziehen – Hala Alyan: Häuser aus Sand

„Häuser aus Sand“, im Original „Salt Houses“, Titel des Debütromans der jungen palästinensisch-amerikanischen Autorin Hala Alyan, ist zugleich ein sehr passendes Bild, das im Prinzip zum kompletten Roman passt. Alle Protagonisten der Familie, die im Mittelpunkt des Romans steht, sind Heimatlose, die von Ort zu Ort ziehen, deren Häuser eben nur vorübergehend ihre sind.

Alyan, deren eigene Geschichte der ihrer Protagonisten nicht unähnlich ist – sie wurde zwar in den USA geboren, doch auch ihre Familiengeschichte ist von einer Art Ruhelosigkeit und vom Weiterziehen geprägt – erzählt eine Geschichte über Generationen hinweg. Sie beginnt in den 60er Jahren in Nablus, als Salma ihrer Tochter Alia, die bald heiraten wird, aus dem Kaffeesatz liest und ihr nicht die komplette Wahrheit über das, was sie sieht, sagen kann und will. Von hier aus verfolgt der Leser die Familie über vier Generationen hinweg und um die halbe Welt: nach Kuwait und Jordanien, aber auch in die USA und nach Europa.

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Aus dem Leben eines stillen Superstars – Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller

Eigentlich ist Haruki Murakamis Essaysammlung, die erstmals 2015 und in Deutschland 2016 erschien, keine Anleitung zum Bücher- bzw. Romaneschreiben, keine Guideline an angehende Autoren, obwohl man das denken könnte. Vielmehr ist der Band eine Mischung aus autobiographischen Texten und Beobachtungen des Literaturbetriebs und der Personen, die dort agieren.

„Von Beruf Schriftsteller“ gliedert sich in elf Kapitel, in denen der Autor sich verschiedenen Aspekten des Schriftstellerberufs nähert, und das stets in sehr persönlicher Weise. So sinniert er darüber, was Schriftsteller für Persönlichkeiten sind, welchen Stellenwert Literaturpreise haben und was es für ihn selbst bedeutet hat, den Akutagawa-Preis, einen Preis, der in Japan zweimal jährlich an Nachwuchsautoren vergeben wird, nicht bekommen zu haben. Er beteuert, dass ihm Preise gleichgültig sind, räumt aber auch ein, dass sie einem unbekannten Schriftsteller helfen können, Fuß zu fassen und dass auch er sich natürlich über einen solchen Preis freut. Er beschreibt seinen Tagesablauf, der einem strikten Schema folgt und welche Bedeutung für ihn körperliche Betätigung hat, die seiner Meinung nach wichtig für seine Arbeit als Schriftsteller ist. Er erzählt, wie umfangreiche Romane wie „1Q84“ oder „Mister Aufziehvogel“ entstanden sind, wie lange er in etwa für diese Werke benötigt hat, wie viele Überarbeitungsphasen es dabei gegeben hat.

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Das Geschlecht in der Kunst – Siri Hustvedt: Die gleißende Welt

Siri Hustvedt nennt die Heldin in ihrem 2014 erstmals erschienenen Roman „Die gleißende Welt“ Harriet Burden und wählt damit einen gleich in zweifacher Hinsicht sprechenden Namen. Zunächst einmal ist da die Assoziation zur Bürde, die die Heldin zweifelsohne trägt, und außerdem wird Harriet von ihren Freunden und Verwandten oft mit der maskulinen Version ihres Namens „Harry“ angesprochen, womit wir uns schon mittendrin befinden in diesem komplexen Roman.

Denn Harry ist Künstlerin, stand aber bis zu seinem Tod im Schatten ihres berühmten und sehr beliebten Mannes Felix, eines New Yorker Galeristen. Inzwischen lebt auch Harriet selbst nicht mehr, und ein Journalist möchte ein Buch über sie und ihr großes und ambitioniertes Kunstprojekt schreiben. Harriet hatte sich vorgenommen, der Kunstwelt ihre Frauenfeindlichkeit zu beweisen, indem sie drei männliche Künstler ihre Werke ausstellen ließ – unter deren Namen. Ein Projekt, das zunächst zu gelingen schien, aus dem etwas herzuleiten war, doch der letzte der drei, ein exzentrischer Typ, der sich schlicht „Rune“ nennt, machte ihr einen Strich durch die Rechnung.

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Sehnsuchtsort – Jalid Sehouli: Marrakesch

Jalid Sehouli wurde 1968 im Berliner Stadtteil Wedding geboren, er wuchs mit drei Geschwistern auf und machte früh eine Erfahrung, die die Weichen für seinen späteren Lebensweg stellen sollte: Nach einem Verkehrsunfall verbrachte er mehrere Monate im Krankenhaus, eine schmerzliche, aber auch prägende Zeit, denn er entdeckte, dass er Arzt werden wollte. Der Beruf des Arztes und auch der des Pflegers waren für ihn positiv besetzt, denn Ärzte machten Kranke gesund, so lernte der junge Jalid. Zwar gab es noch einige Hindernisse zu überwinden, bis der Sohn marokkanischer Einwanderer schließlich zum Medizinstudium zugelassen wurde. Inzwischen ist er ein anerkannter Krebsspezialist.

Auf den ersten Blick scheint dieses Bild nicht recht zu dem Autor des vorliegenden Bandes über „Marrakesch“ zu passen. Man stellt sich einen faktenorientierten Naturwissenschaftler vor, sein Buch ist aber sehr nachdenklich, tiefsinnig, manchmal direkt poetisch, wie geht das zusammen? Es geht sehr gut, wie wir auch durch die vielen eingeflochtenen Episoden aus seinem Berufsalltag lernen. Immer wieder erzählt der Arzt von Begegnungen mit seinen Patientinnen – Sehouli ist Experte für Eierstockkrebs – und der Leser spürt, wie sehr es ihm dabei um den einzelnen Menschen und seine Persönlichkeit geht.

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Unsentimentale Rückschau – Robert Seethaler: Das Feld

„Das Feld“, das ist der Friedhof des kleinen Ortes Paulstadt, und die, die in Robert Seethalers neuem Roman die Geschichte oder vielmehr die Geschichten erzählen, sind Tote. Begraben auf dem Friedhof, geht es um ihr Leben. Wo sie sind, wie es da ist, was es heißt, tot zu sein, davon erfährt der Leser nichts. Vielmehr fügen sich die vielen, unterschiedlichen Stimmen zu einem Ganzen, zu einer Art Chor, in der allerdings jede Stimme anders und doch gleich wichtig ist – auch wenn ihre Erzählungen sich in der Länge sehr unterscheiden.

Die Toten erzählen aus ihrem Leben, und das in unterschiedlichster Weise. Sie erzählen von ihren Liebsten, vom geliebten Partner oder vom Ehemann, der Ehefrau, die sie sehr oder eigentlich gar nicht geliebt haben. Vom Beruf, von Wünschen und Sehnsüchten. Die Kapitel sind nicht lang, und es ist jedes Mal wieder spannend zu sehen, was es letztlich ist, das als Quintessenz eines Lebens bleibt.

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