Die Unvorhersehbarkeit des Lebens – Elizabeth Strout: Alles ist möglich

Über Elizabeth Strouts Bücher, die in den letzten Jahren bei uns erschienen ist, lässt sich eines verallgemeinernd und doch treffend sagen: Sie schreibt über das Leben. Sie schreibt über uns, über Menschen und ihre Unzulänglichkeiten, über Alltäglichkeiten, in denen so viel steckt, über das, was wir uns wünschen, über die Suche nach dem Glück.

Das trifft in besonderem Maße auf ihren neuen Roman „Alles ist möglich“ zu, ein Titel, der dankenswerterweise direkt aus dem Englischen übersetzt wurde, nachdem einige ihrer früheren Bücher bei uns unter eher nichtssagenden Titeln erschienen, wie „Das Leben, natürlich“ für „The burgess boys“ oder „Die Unvollkommenheit der Liebe“ für „My name ist Lucy Barton“. Titel, mit denen man sich meiner Meinung nach keinen Gefallen tat, sondern diffuse, falsche Erwartungen weckte, die den Romanen, die sich dahinter verbargen, nicht gerecht wurden. Denn Strout ist eine ausgezeichnete Autorin, die ein Talent dafür hat, ihre Figuren in Szene zu setzen. Sie beobachtet genau und benötigt nur wenige Sätze, um die Protagonisten zum Leben zu erwecken.

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Meine Highlights 2018

Als ich anfing, mir Gedanken über meine Lieblingsbücher im fast vergangenen Jahr zu machen, hatte ich zunächst das Gefühl, dass es kaum echte Highlights gab. Das stimmt zwar so nicht, aber es war dennoch einfacher, diese Top Ten zusammenzustellen, als in den letzten Jahren. Es gab sie, die Bücher, die mich mitgerissen, begeistert, berührt und beeindruckt haben, aber es waren weniger als sonst. Hier sind also meine Lieblingsbücher 2018, die Reihenfolge ist völlig zufällig.

Mir ist übrigens bewusst (und vielleicht nur mir), dass ich hier vor nun schon längerer Zeit Rezensionen zu älteren Büchern angekündigt habe, die immer noch ausstehen. Ich habe einiges besprochen, was schon etwas älter ist, aber eben nicht das, was ich mir selbst vorgenommen habe. Ich mag Pläne und Listen, aber genauso gern lese ich spontan und nach Gusto. Dennoch habe ich meine Ankündigung im Hinterkopf, – und von Murakamis 1Q84 zum Beispiel habe ich das erste Buch längst gelesen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben… Doch nun erst einmal zu meinen Favoriten 2018:

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Menschenfreundlichkeit und ein bisschen Wehmut – Dörte Hansen: Mittagsstunde

Ingwer Feddersen ist schon lange weggezogen aus dem kleinen nordfriesischen Dorf Brinkebüll, weg nach Kiel, weg an die Uni. Dort lebt er seit 25 Jahren in der gleichen Wohngemeinschaft, zusammen mit Ragnhild und Claudius, die drei verbindet eine seltsame Dreiecksbeziehung, die sich dem Außenstehenden nicht recht erschließen mag. Ingwer geht auf die 50 zu, hat das Gefühl, in einer Sackgasse zu stecken und irgendwie auch, dass er den Zurückgebliebenen in seinem Heimatdorf noch etwas schuldig ist.

Zurückgeblieben, das sind seine betagten Großeltern, Ella und Sönke, die ihn wie einen Sohn aufzogen, da seine Mutter, Marret, aufgrund einer psychischen Behinderung nicht dazu in der Lage war. Ja, eigentlich wäre es Ingwers Pflicht gewesen, den Hof der Großeltern zu übernehmen, das machte man früher schließlich so, und das wurde nicht in Frage gestellt. Doch Ingwer wollte weg, er taugte nicht zum Bauern und Gastwirt. Aber irgendwie treibt ihn das schlechte Gewissen zurück, und so nimmt er sich an der Uni eine Auszeit, um Ella, die inzwischen dement ist, und den gebrechlichen Sönke zu pflegen.

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Ein Abend unter Freunden – Michael Kleeberg: Der Idiot des 21. Jahrhunderts

Michael Kleebergs „Der Idiot des 21. Jahrhunderts“ wird nicht als Roman bezeichnet, sondern als „Divan“. Das lässt natürlich als erstes an Goethes West-östlichen Divan denken, allerdings legt Kleeberg keine Gedichtsammlung vor, sondern eine Zusammenstellung von Geschichten und Berichten, die teils für sich stehen, grob und übergeordnet aber alle zusammenhängen. „Divan“ ist dabei nicht nur als Sammlung von Texten zu verstehen, sondern auch als Zusammenkunft von Menschen, denn es ist eine Gruppe, die sich im Haus eines der Freunde trifft und sich Geschichten erzählt, aus dem eigenen Leben oder aus dem anderer.

Dabei gibt es eine weitere wichtige Referenz, nämlich die Geschichte um Leila und Madschun, eine orientalische Liebesgeschichte, deren früheste bekannte Version aus dem 7. Jahrhundert stammt, von der es aber zahlreiche Varianten gibt. Im Grunde geht es dabei um zwei Liebende, die nicht zusammen sein dürfen, woraufhin der männliche Part sich auf viele Jahre an einen einsamen Ort ohne Kontakt zur Außenwelt zurückzieht. Diese alte Geschichte hat in „Der Idiot des 21. Jahrhunderts“ ein heutiges Pendant.

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Baum und Mensch – Richard Powers: Die Wurzeln des Lebens

„Die Wurzeln des Lebens“ ist ein gewichtiges Werk. Und das nicht nur ganz wörtlich, denn die über 600 Seiten wiegen ordentlich. Nein, Richard Powers hat sich in seinem neuen Roman, der für den Man Booker Prize nominiert war, auch eines schweren, eines wichtigen Themas angenommen. Es geht um nicht weniger als um den Planeten, auf dem wir, wie es immer so schön (und wahr) heißt, nur zu Gast sind, und dabei vor allem um die Bäume. Darum, wie die Wälder auf dieser Welt aus Profitgier einfach abgeholzt werden, ohne auf jene zu hören, die uns sagen, dass wir sie brauchen, dass wir sie nicht töten dürfen. Dass wir längerfristig denken müssen. Die Bäume waren lange vor uns da, doch wir hören ihre Botschaften nicht.

In Powers’ neuem Roman tummeln sich eine Reihe Menschen, von der Studentin, die ein ausschweifendes Leben führt bis zum Soldaten, von der einzelgängerischen Forscherin bis zur Geschäftsfrau, vom angehenden Professor bis zur Schauspielerin, und noch einige mehr. Sie alle kommen irgendwann, zu verschiedenen Punkten in ihrem Leben, wie vorherbestimmt wirkend oder doch ganz zufällig, mit Bäumen in Berührung. Sie begegnen sich und werden einander wichtig oder hören nur voneinander, sie sind auf unterschiedliche Art miteinander verbunden.

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