Familienzusammenkunft – Tessa Hadley: Damals

Erst einmal geht es gar nicht um das „Damals“ und um die Vergangenheit in Tessa Hadleys gleichnamigen Roman. Fran, Alice, Roland und Harriet sind alle in ihren Vierzigern und frühen Fünfzigern. Ihre Mutter starb früh an Krebs, der Vater ließ die Kinder allein in dem Haus, in das sie nun für drei Wochen zurückkehren, um darüber zu entscheiden, ob sie es verkaufen oder instand setzen sollen, was mit viel Arbeit und finanziellem Aufwand verbunden wäre.

Der Leser folgt den Geschwistern in das alte Haus, in das auch noch Frans Kinder Ivy und Arthur mitgekommen sind sowie Rolands jugendliche Tochter Molly und der junge Kasim, Sohn eines Freundes bzw. Ex-Geliebten von Alice, so richtig klar wird dies nicht. Roland hat außerdem zum dritten Mal geheiratet und seine Frau Pilar, eine Argentinierin, mitgebracht, die zum ersten Mal auf Rolands Schwestern trifft und die sowohl in ihrer makellosen äußeren Erscheinung als auch in ihrem geradlinigen und offenbar eher unterkühlten Charakter nicht in die Familie zu passen scheint.

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Archaische Welt – Michela Murgia: Accabadora

Die Accabadora ist in vielen sardischen Legenden eine Frau, die todkranken Menschen beim Sterben hilft. Sie wird von den Familien desjenigen, der sich im Todeskampf befindet, gerufen. Ob es sie wirklich gegeben hat oder es sich um eine mythologische Figur handelt, ist unklar.

„Accabadora“ ist der Titel des schmalen Romans der sardischen Schriftstellerin Michela Murgia, die den Leser in ihre Heimat, nach Sardinien, mitnimmt, irgendwann mitten im 20. Jahrhundert. Es ist die Geschichte der alten Bonaria Urrai, die spät in ihrem Leben ein junges Mädchen, Maria Listru, als fill’e anima („Kind der Seele“, als Unterschied zum leiblichen Kind) zu sich nimmt. Maria kam als vierte Tochter einer sehr armen Familie zur Welt, ihre Schwestern waren zum Zeitpunkt ihrer Geburt schon im Jugendalter. Marias Mutter und Bonaria Urrai einigten sich auf diese alte Form der Adoption, die allein auf Vertrauensbasis stattfindet und auf Freundschaft basiert, wobei das adoptierte Kind im Kontakt zum Elternhaus bleibt.

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Wenn die Amerikaner kommen – Hédi Kaddour: Die Großmächtigen

Ein Ausflug in die frühen 1920er Jahre: Der französisch-tunesische Schriftsteller Hédi Kaddour nimmt uns in seinem gerade im Aufbau Verlag erschienenen Roman „Die Großmächtigen“ mit in die nordafrikanische Stadt Nahbès, wo Einheimische und französische Kolonialisten friedlich nebeneinanderher leben. Mit der Ruhe ist es aber vorbei, als ein amerikanisches Filmteam eintrifft, um dort einen Film mit dem Titel „Die Wüstenkrieger“ zu drehen.  Man trifft aufeinander und beäugt sich zunächst misstrauisch, aber fasziniert. Und man nimmt miteinander Kontakt auf, wobei die unausgesprochenen Regeln des Zusammenlebens irgendwann überschritten werden.

Dabei böten die Figuren auch ohne die Amerikaner schon Potential für eine interessante Geschichte. Zum Beispiel die junge Rania, die früh Witwe wurde und deren Vater und Bruder sie bald erneut standesgemäß verheiraten möchten. Vor allem ihrem Bruder ist ein Dorn im Auge, dass Rania liest, und zwar gefährliche Bücher, die sie auf dumme Gedanken bringen könnten, so seine Befürchtung. Ein schlechter Einfluss ist in seinen Augen aber wohl auch die junge Schauspielerin Kathryn, deren westlicher Lebensstil und freizügiges Verhalten – vor allem im Vergleich zu Rania – diese interessiert zur Kenntnis nimmt. Rania weiß, ihre Zukunft sieht anders aus. Kathryn indes freundet sich mit dem jungen Araber Raouf an, der ihr bald mehr bedeutet, obwohl sie mit Neal verheiratet ist, Regisseur des grade zu drehenden Films. Weitere Hauptfiguren sind die Journalistin Gabrielle und der konservative Kolonialist Ganthier, der für eben diese Gabrielle eine Schwäche hat, aber nicht recht weiß, wie er sich ihr nähern soll.

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Shakespeare im Gefängnis: Margaret Atwood: Hexensaat

Margaret Atwoods Roman „Hexensaat“ ist ihr Beitrag zum Hogarth Shakespeare Projekt: Acht Stücke Shakespeares werden neu erzählt und in die heutige Zeit versetzt. Erschienen sind neben Atwoods Roman schon die Romane von Anne Tyler (Die störrische Braut, nach Der Widerspenstigen Zähmung), Howard Jacobson (Shylock, nach Der Kaufmann von Venedig) und Jeannette Winterson (Der weite Raum der Zeit nach Das Wintermärchen). Romane von Tracy Chevalier, Jo Nesbo, Edward St Aubyn und Gillian Flynn sollen noch folgen.

Für mich war es die erste Begegnung mit dem Projekt. Ich bin (leider) nicht besonders Shakespeare-affin – im schulischen Englischunterricht kam er nicht vor, danach war der Reiz, Dramen zu lesen, wohl einfach nicht groß genug. Die Idee, die Stücke Shakespeares in ein neues, modernes Gewand zu hüllen, erschien mir interessant, sicherlich hat er uns auch heute noch etwas zu sagen.

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Liebe ist eine Zumutung – Bodo Kirchhoff: Wo das Meer beginnt

Es ist bestimmt kein Zufall, dass der dtv Verlag mit Bodo Kirchhoffs Roman „Wo das Meer beginnt“ im Mai einen älteren Roman des noch aktuellen Buchpreisträgers neu herausgegeben hat, bevor bald die Longlist des aktuellen Jahrgangs erscheinen wird und die Aufmerksamkeit sich auf die nächste Runde im Rennen um den Deutschen Buchpreis konzentrieren wird. Der Roman erschien erstmals 2004.

Es geht um Viktor Haberland, der diesmal kein älterer Herr ist, wie es in den neueren Romanen Kirchhoffs meist der Fall war, sondern gerade einmal Anfang 30. Haberland lebt und arbeitet in Lissabon für ein deutsches Kulturinstitut. Hier bereitet er gerade eine Veranstaltung vor, die den Titel „Das traurige Ich“ trägt. Gedanklich ist er jedoch an einem anderen Ort, in seiner Vergangenheit: Es war um die Zeit des Abiturs am Hölderlin-Gymnasium, als er nach einer Theaterprobe für den Sommernachtstraum mit seiner Bühnenpartnerin Tizia in den Heizungskeller verschwand. Was dort genau passierte? Darüber gibt es verschiedene Versionen. Tizia jedenfalls beschuldigt Viktor am nächsten Tag der Vergewaltigung. Daraufhin gab es eine Lehrerkonferenz, die darüber entschied, ob Haberland von der Schule verwiesen werden sollte. Einer seiner Lehrer lud ihn später zu sich ein, um ihm zu erzählen, was auf der Konferenz besprochen wurde – allerdings wollte er im Gegenzug Haberlands Geschichte hören und die Wahrheit darüber, was wirklich geschah. In diesem Lehrer, dem alten Branzger, finden wir dann doch noch einen älteren Herren, – einen, der die Liebe und das Begehren kennt, er ist so etwas wie das Gegenstück zum jungen, unerfahrenen Viktor.

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