Lebensfragen – Rachel Cusk: Transit

Zu Beginn bekommt Faye, eine Autorin, eine Email, vermeintlich von einer Astrologin. Man prophezeit Faye, dass sie sich in einer Übergangsphase befinde und sich in ihrem Leben viele Dinge ändern werden. Faye ist gerade nach der Trennung von ihrem Mann mit ihren Söhnen vom Land zurück nach London gezogen, aus einem Impuls heraus hat sie ein Haus gekauft, in dem noch viele Arbeiten zu erledigen sind. So lebt sie wie auf einer Baustelle. Ihre unmittelbaren Nachbarn scheinen aus unerfindlichen Gründen beschlossen haben, sie zu hassen und zu verabscheuen, es will Faye nicht gelingen, die Wogen zu glätten und zu einem besseren Verhältnis zu finden.

Dieser kurze inhaltliche Abriss zu Rachel Cusks Roman „Transit“ beschreibt zwar die Situation der Protagonistin, vermittelt aber wohl trotzdem einen falschen Eindruck von diesem Roman, der nach dem im letzten Jahr erschienenen Roman „Outline“ den zweiten Teil einer Trilogie darstellt, einer „weiblichen Odyssee im 21. Jahrhundert“, wie es im Buchumschlag heißt. Wobei „Transit“ als Titel natürlich ganz wunderbar auf Fayes derzeitiges Leben passt – glaubt man der astrologischen Vorhersage, doch es bestätigt sich, dass Faye sich wohl wirklich in einer Übergangsphase befindet.

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Ein Konglomerat an Wissen – Mathias Enard: Kompass

„Die Orientalen haben nicht den geringsten Sinn für den Orient. Den Sinn für den Orient, den haben nur wir Westler, […].“ S. 210

Das vorangestellte Zitat der Dichterin und Romanautorin Lucie Delarue-Mardrus, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgedehnte Reisen im Orient unternahm, wirft ein denkenswertes Schlaglicht auf das Thema von „Kompass“, den im Jahr 2015 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman von Mathias Enard. Weiter wird erläutert:

„Für Sarah fasst allein diese Passage den Orientalismus zusammen, den Orientalismus als Träumerei, den Orientalismus als Beweinung, als stets enttäuschende Erforschung.“

Sarah, eine kluge und belesene Orientalistin, ist die große und unglückliche Liebe des Ich-Erzählers, des Wiener Musikwissenschaftlers Franz Ritter. Es ist schon einige Jahre her, dass beide sich begegneten, Zeit auf Forschungsreisen in Syrien und im Iran miteinander verbrachten. Beide teilten die Faszination für den Orient (und teilen sie noch), kamen sich näher, letztendlich wurden sie kein Paar, hielten aber mehr oder weniger sporadisch Kontakt in Briefen und Emails.

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Dem Leid ein Gesicht geben – Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern

Eigentlich, so sagte Olga Grjasnowa vor kurzem auf einer Lesung, eigentlich habe sie ein Buch über Gastronomie schreiben wollen. Ihre Ausführungen über ihr schon spleeniges Interesse an Kochbüchern, die sie von vorn bis hinten studiert, an Kochtöpfen und deren Funktion und an allem, was mit guten Restaurants zu tun hat, sorgten für Erheiterung an einem Abend der sonst sehr ernsten Themen. Zuvor hatte die Autorin aus ihrem neuen Roman „Gott ist nicht schüchtern“ gelesen. Dass ihr drittes Buch eines über syrische Kriegsschicksale wurde, habe sich eher ergeben, so Grjasnowa, auch weil in ihrem privaten Umfeld der syrische Bürgerkrieg und seine Folgen immer wieder Themen waren – Grjasnowas Ehemann ist Syrer.

Nach nunmehr 6 Jahren sind wir gegenüber Nachrichten aus Syrien ein wenig abgestumpft. Nachrichten wie die über den Giftgasangriff und seine Folgen vor einigen Tagen rütteln auf, rufen uns das Leid der Menschen in Syrien in Erinnerung, letztendlich aber haben wir uns an die Nachrichten aus dem Nahen Osten gewöhnt, ja, vielleicht wollen wir auch gar nicht so intensiv darüber nachdenken. Über der Flüchtlingsdebatte, die nach wie vor geführt wird, vergessen wir gern, dass hinter jedem der Menschen, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um herzukommen, ein Einzelschicksal steht, eine ganz persönliche Geschichte. Olga Grjasnowa gibt in „Gott ist nicht schüchtern“ dem Leiden ein Gesicht, indem sie zwei Figuren erschafft, deren ganz persönlichen Weg aus einem „normalen“, aus einem guten Leben in eines des Chaos und der Angst sie Schritt für Schritt schildert.

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Ein Jahr Letteratura

Heute vor einem Jahr erschien auf letteratura die erste Besprechung. Inzwischen sind es 91, wenn ich mich nicht verzählt habe – eine Zahl, die mich selbst überrascht. Ein Blick in die Statistik verrät außerdem, dass die meistgeklickte Rezension die zu Sabine Grubers „Daldossi oder das Leben des Augenblicks“ ist, gefolgt von der zu Hanya Yanagiharas „Ein wenig Leben“ – ein Text, den ich heute, nachdem ich viele kritische Rezensionen zu dem Roman gelesen habe, wahrscheinlich anders schreiben, bestimmte Punkte näher erläutern würde, meine Begeisterung für den Roman ist aber ungebrochen. Auf dem dritten Platz ist – wiederum überraschend für mich – „Keine Experimente“ von Markus Feldenkirchen.

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Begegnungen – Ali Smith: Freie Liebe und andere Geschichten

Unter dem Titel „Freie Liebe und andere Geschichten“ erschienen vor kurzem Erzählungen der schottischen Autorin Ali Smith. Die Originalausgabe kam bereits 1995 heraus und hierzulande hat man sich für eine Taschenbuchausgabe entschieden – möglicherweise ein Zeichen dafür, dass die Kurzgeschichte bei uns immer noch die ungeliebte kleine Stiefschwester des Romans ist. Und ich nehme mich auch nicht ganz aus: Vor die Wahl gestellt, ist auch mir die längere Form lieber, fühle ich mich wohler, wenn das Lesen von Literatur ein längerer Prozess ist, wenn ich mit den Figuren zusammenwachsen und sie begleiten darf über mehr als wenige Seiten.

Ein Kriterium für eine gute Kurzgeschichte aber kann sein, sie so zu erzählen, dass der Leser am Ende trotzdem das Gefühl hat, er habe einen Roman gelesen. Ali Smith gelingt das in ihren Geschichten sehr gut. Ihre Figuren erwachen in kürzester Zeit zum Leben und sie lässt uns unmittelbar teilhaben an dem, was sie erleben. Smiths Erzählungen sind sehr dicht, und man erfährt viel mehr über ihre Figuren als das, was sie uns direkt mitteilt, wobei bei Smith Vieles entweder wie nebenbei angedeutet wird oder gänzlich unausgesprochen bleibt. Literatur zum Mitdenken also, die man aber auch genauso gut genießen kann, ohne weitere Ebenen aufzuspüren oder aufspüren zu wollen.

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