Anna Burns: Amelia

AmeliaNachdem Anna Burns 2018 für ihren großartigen Roman „Milchmann“ mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde, ist nun bei uns ihr Debüt „Amelia“ aus dem Jahr 2001 erschienen. Auch darin beschäftigt sich die Autorin bereits mit dem Nordirlandkonflikt und stellt mit Amelia ein (anfangs) junges Mädchen in den Mittelpunkt.

Wir Leser:innen begleiten Amelia über ca. 25 Jahre. Zu Beginn des Romans ist sie acht Jahre alt, am Ende in ihren Dreißigern. Anna Burns überschreibt die Kapitel mit Jahreszahlen und taucht jeweils in das Leben Amelias zum genannten Zeitpunkt ein. Manche Kapitel erzählen aber auch von anderen Menschen aus ihrer Umgebung, rücken sie für eine Episode ins Zentrum, bevor sie wieder verschwinden.

Amelia wohnt mit ihrer Familie in Nordirland, am Anfang der Geschichte beginnt der Aufruhr. Häuser werden in Brand gesteckt, Menschen ermordet, jeder ist sich selbst der Nächste. Von ihren Eltern und Geschwistern hat Amelia wenig zu erwarten, alle leben ihre eigenen Leben, Vater und Mutter kümmern sich nicht um die Kinder. So ist Amelia schon früh sehr auf sich gestellt und entwickelt mit der Zeit eigene Überlebensstrategien, wird magersüchtig und beginnt zu trinken. Um sie herum herrscht Gewalt, und das nicht nur draußen vor der Tür, sondern auch innerhalb der eigenen vier Wände. Hier eskaliert Streit schnell.

Alle um Amelia herum sind merkwürdig abgestumpft, aber vielleicht ist das auch die einzig mögliche Überlebensstrategie in Nordirland zwischen den 60er und den 90er Jahren. Daher bleiben die Figuren den Lesenden meist (gewollt) fremd. Und so ist die teils sehr explizite Gewalt, die Burns uns zumutet, vielleicht überhaupt nur auszuhalten. Amelia wird mit den Jahren versuchen, all dem zu entkommen, doch einfach ist das nicht. Die Welt, aus der sie kommt, ist nicht nur eine arme und gewalttätige, sondern auch eine, in der Bildung kein großes Thema ist. Und es ist die einzige, die sie kennt.

Oft war „Amelia“ für mich herausfordernd zu lesen, was neben den nur schwer ertragbaren Gewaltdarstellungen auch daher rührte, dass diese Gewalt in ihrer Häufigkeit so sehr banalisiert wird. Für Amelia ist es normal, dass schon in ihrer Kindheit und Jugend zahlreiche Gleichaltrige sterben. Auch als Leser:in bleibt der Ausweg, mit der Zeit abzustumpfen, um all das zu ertragen. Doch ein ungutes Gefühl lässt sich nicht einfach so abschütteln. Ich habe die einzelnen Kapitel außerdem nicht alle als gleichstark empfunden, gerade wenn die Geschichte sich von Amelia wegbewegt.

Verglichen mit „Milchmann“ ist „Amelia“ um einiges konkreter, wenn auch hier nicht immer alles ausbuchstabiert wird. Burns’ manchmal grotesker Humor gibt dem Roman etwas Überdrehtes, auch das kann dabei helfen, die beschriebenen Abgründe zu ertragen. Und letztlich gelingt es der Autorin, aufzuzeigen, dass ein solches Leben, eine Kindheit und Jugend, wie Amelia sie erlebt, nicht ohne Folgen bleiben kann. In „Amelia“ zeigt sich schon die Klasse, mit der Anna Burns Jahre später dann „Milchmann“ verfasst hat. Ein heftiger, aber lesenswerter Roman.

Anna Burns: Amelia, aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll, Tropen bei Klett-Cotta-Verlag, 2022, 384 Seiten