Camille Laurens: Es ist ein Mädchen

Es ist ein MädchenEin Mädchen sein, dabei geht es immer um ein Defizit, um das Fehlende, das lernt die Protagonistin früh. Es steht im Mittelpunkt, das Fehlende ist der Makel. Ob es dabei rein körperlich um das Geschlechtsteil geht oder man es umfassender betrachtet: Es ist ein Mangel. Warum sonst müssten immer alle sich selbst und den anderen schnell versichern, dass ein Mädchen „auch gut“ sei?

Der Vater will unbedingt einen Jungen. Ein Mädchen hat er schon, die große Schwester von Laurence. Weil der Vater einen Jungen will, will das auch die Mutter, und es ist ihr Versäumnis, wieder nur ein Mädchen zur Welt gebracht zu haben. Und als das dritte Kind zur Welt kommt: Wieder nur ein Mädchen. Aber ein Mädchen ist ja auch gut.

Camille Laurens erzählt in ihrem Roman „Es ist ein Mädchen“ von nicht mehr und nicht weniger: Dem Aufwachsen und dem Leben als Mädchen und später als Frau. Es ist eine Kindheit, in der die Erwachsenen kaum etwas erklären, in der Laurence irgendwie „mitläuft“, doch sehr aufmerksam registriert, was um sie herum passiert, was von ihr erwartet wird, was ihre Aufgabe ist. Da es keine Antworten gibt, muss sie sich das Meiste selbst zusammenreimen. Als sie bei einem Familienbesuch von ihrem Großonkel sexuell missbraucht wird und später Mutter und Großmutter seltsam verhalten reagieren, als sie ihnen von dem Vorfall berichtet, und ihr nicht viel mehr mit auf den Weg geben als die Aufforderung, nie wieder darüber zu sprechen, ist sie nicht nur verängstigt, sondern auch verwirrt. War es denn normal und in Ordnung, was der Onkel getan hat?

Die Autorin schreibt sich durch das Leben von Laurence, verarbeitet vermutlich auch eigene Erfahrungen. Dabei erzählt sie jeweils Episoden, konzentriert sich einerseits auf Einschneidendes wie den erwähnten sexuellen Missbrauch und später die Schwangerschaft und Mutterschaft der Protagonistin, andererseits auf die alltägliche Misogynie, die wir gar nicht immer bemerken, da wir so an sie gewöhnt sind. Das ist vor allem in seiner Geballtheit erschütternd: Wenn man ein Leben bewusst auf diesen Punkt reduziert bzw. es entsprechend ausleuchtet, wenn immer noch eins obendrauf gesetzt wird, dann ist man irgendwann wie erschlagen von all den kleinen und größeren Ungerechtigkeiten, der Feindseligkeit, der Abwertung. In dieser Hinsicht ist „Es ist ein Mädchen“ so hart wie augenöffnend.

Camille Laurens zeigt eindrücklich auf, wie sehr ihre Protagonistin das von klein auf Gelernte aufgesogen und verinnerlicht hat, als sie selbst schwanger wird, als auch sie selbst unbedingt einen Jungen haben will und sich als längst Erwachsene nicht von diesem Wunsch und der an sie gesetzten Erwartung freimachen kann. Ihrem Vater konnte sie nie genügen, vielleicht kann sie mit einem Enkelsohn etwas „wiedergutmachen“. Wie lang sie braucht, um zu verinnerlichen, was sie längst weiß, um zu lernen und anzunehmen! Und der Roman lässt dankenswerterweise nicht aus, dass auch Jungs und Männer unter den patriarchalen Strukturen leiden, an einem (veralteten) Männerbild, dem nicht zu entsprechen mit Ausgrenzung begegnet wird.

„Es ist ein Mädchen“ war für mich ein echtes Highlight. Die Autorin schreibt in feiner Sprache, wechselt elegant die Perspektiven von Du zu Ich zu Sie, malt treffende Sprachbilder, trifft auf den Punkt und manchmal mitten ins Herz. Und nach all der Erschütterung lässt sie ein wenig Hoffnung aufkeimen. Der Roman bündelt so viel Gesehenes und Gefühltes und manchmal blitzt ein wohldosierter Humor durch, der alles etwas besser ertragen lässt. Große Leseempfehlung.

Camille Laurens: Es ist ein Mädchen, aus dem Französischen von Lis Künzli, dtv Verlag, 2022, 256 Seiten