Gary Shteyngart: Landpartie

LandpartieIm März 2020, als die Pandemie gerade erst richtig losgeht und noch niemand so recht weiß, was genau die Welt da eigentlich bedroht und wie gefährlich diese Bedrohung letztlich sein wird, lädt der russischstämmige Schriftsteller Sasha Senderovsky einige Freund:innen auf seinen Landsitz ein. Dabei sind Karen und Vinod, die Senderovsky noch aus der Highschool kennt, ein weiterer Freund namens Ed und seine ehemalige Studentin Dee, ebenfalls Schriftstellerin. Sie alle warten gespannt auf „den Schauspieler“, der stets nur so bezeichnet und dessen Name nie verraten wird, und mit dem Sasha hofft, bald zusammen zu arbeiten. Außerdem sind noch Sashas Frau Masha und Nat, ihre (Adoptiv-)Tochter mit dabei.

Shteyngart erzählt nun vom Ankommen der Gäste und ihrem Zusammensein, von ihren Freundschaften, davon, dass Vinod sein halbes Leben in Karen verliebt war. Die wiederum baut ein besonderes Verhältnis zu Nat auf. Nat, eigentlich Natasha, ist, was man ein aufgewecktes Kind nennen würde, sie bekommt genau mit, was zwischen den Erwachsenen passiert und macht sich ihren eigenen Reim auf die Dinge. Sicherlich eine Figur, deren pfiffig-naive Art dem Roman zugute kommt.

Karen ist durch die Entwicklung einer App zu Geld gekommen, die angeblich dafür sorgt, dass zwei Menschen sich ineinander verlieben. Der Schauspieler und Dee probieren das halbernst aus und tatsächlich entwickelt er Gefühle für die junge Autorin. Nebenbei wird gegessen und getrunken, es wird geredet und sich zerstreut, alte Geheimnisse werden enthüllt, Freundschaften auf die Probe gestellt und neue Liebschaften entstehen.

Die Pandemie bleibt zunächst einmal im Hintergrund, sie ist der Grund des Zusammenseins der Freunde auf dem Land, denn man versucht so, ihr aus dem Weg zu gehen, was aber nur vorübergehend gelingt. Das kann auch Senderovskys Frau Masha nicht verhindern, die großen Wert darauf legt, dass bestimmte Regeln eingehalten werden.

Shyengart nennt seine Kapitel Aufzüge, an den Anfang des Romans stellt er ein Personenregister: Alles wirkt wie ein Theaterstück und ist auch als Film oder Serie gut vorstellbar. Und vielleicht hätte die Geschichte so zumindest für mich besser funktioniert, denn leider gefiel sie mir im Laufe der Lektüre immer weniger. Der Roman lebt von den Begegnungen miteinander, die Beziehungen der Protagonist:innen stehen im Vordergrund, doch mit der Zeit habe ich mich immer weniger für sie interessiert. Alles in allem wirkten sie auf mich recht oberflächlich. In verschiedenen Rezensionen habe ich über die Trauer im Romans gelesen, davon, dass man ihn aufgrund der vielen tragikomischen Pointen leicht unterschätzen könne, immer wieder wird auch an Boccaccios Decamerone und an Anton Tschechow erinnert. Doch meine Lesart hat nicht dazu geführt, dass mir die Sorgen und Nöte der Figuren besonders nahegegangen wären. Für mich war „Landpartie“ hauptsächlich die Geschichte des Aufeinandertreffens einiger Personen, in der geredet, gestritten und angebandelt wird, wobei ich den Eindruck hatte, dass die Gefühle der Figuren oftmals vor allem behauptet wurden. Das hat sicher System, doch mir fehlte der Zugang zu den Protagonist:innen, sie blieben mir fern, was vermutlich daran liegt, dass Shteyngarts Art, immer auf die nächste Pointe hinzuschreiben, einfach keine ist, die mir entgegenkommt. Die positiven Stimmen beweisen, dass viele Leser:innen seinen Stil mögen, dass sie in „Landpartie“ mehr von der Tiefe finden, die sich mir nicht offenbart hat. Daher möge sich jede*r ein eigenes Urteil bilden und sich von meinem nicht von der Lektüre abhalten lassen.

Gary Shteyngart: Landpartie, aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl, Penguin Verlag, 2022, 480 Seiten