Arundhati Roy: Azadi heißt Freiheit

Azadi

„Indien ist eigentlich kein Land. Es ist ein Kontinent. Komplexer und vielfältiger, mit viel mehr Sprachen – bis zu 780, ohne die Dialekte –, mehr Nationalitäten und Subnationalitäten, mehr indigenen Stämmen und Religionen, als Europa sie aufzuweisen hat.“ S. 114

Literarisch zieht es mich immer wieder nach Indien, und ich finde gerade die Komplexität des Landes so spannend wie verwirrend. Ich liebe Arundhati Roys Roman „Der Gott der kleinen Dinge“ sehr. Bei uns ist sie hauptsächlich für diesen Roman und für „Das Ministerium des äußersten Glücks“ von 2017 bekannt. Nach ihrem literarischen Erstling hat sie sich aber zunächst einmal völlig dem politischen und humanitären Engagement verschrieben. Vor allem wird sie nicht müde, die Missstände ihres Heimatlandes anzuprangern, auf Armut, Korruption und Gewalt hinzuweisen. Der Band „Azadi heißt Freiheit“, der verschiedene Essays vereint, beschäftigt sich mit diesen Themen.

Die Texte sind teils Mitschriften von Vorträgen, die Roy gehalten hat, und die Themen wiederholen sich in ihnen. Als Leserin, die zwar schon einiges aus und über Indien gelesen und das Land auch besucht hat, ist mir das Meiste zwar nicht völlig neu, dennoch empfand ich diese Wiederholungen als hilfreich dabei, die beschriebenen Probleme, die teils nicht ganz unkomplizierten Zusammenhänge, besser zu verstehen. Die ersten Essays beschäftigen sich zunächst mit ihrem Schreiben und auch mit ihrer Wirkung und der Rezeption ihrer Texte. Sie geht auf ihre Figuren und deren Geschichte ein, erläutert sie im Hinblick auf die gesellschaftliche Situation des Landes. Sie macht deutlich, dass ihre Arbeit nicht ungefährlich ist und weist darauf hin, dass Indien der fünftgefährlichste Ort der Welt für Journalist:innen ist. Doch dieses Wissen hält sie nicht zurück.

Ein zentrales Thema in „Azadi“ sind die Gefährlichkeit und Untauglichkeit der Regierung Modi, den sie für unfähig und gefährlich hält. Ein Beispiel dafür ist die offensichtliche Muslimfeindlichkeit des Präsidenten und seines Umfelds, aber auch andere Minderheiten sind betroffen, wie Christen, Sikhs und Dalits. 2019 wurde der so genannte „Citizenship Amandment Act“ verabschiedet, durch den die Religionszugehörigkeit zur Grundlage der Staatsbürgerschaft wird. Roy schreibt über die aufflammende Gewalt und die Lynchmorde an Muslimen, gegen die nichts unternommen wird.

Auch auf den Kaschmirkonflikt geht Arundhati Roy wiederholt ein und erklärt, wie der Region Jammu und Kaschmir ihr Sonderstatus aberkannt wurde, was die Rechte der dortigen Einwohner beschneidet und zu vorhersehbaren Unruhen und wiederum Gewalt führte. Und gegen Ende des Bandes stehen zwei Essays, die sich mit der Corona-Pandemie und ihrer Bedeutung für Indien und die Welt beschäftigen. Roy legt dar, dass Indien etwa 1,25 Prozent seines Bruttoinlandprodukts für Gesundheit ausgibt, was weniger sei als selbst die ärmsten Länder der Welt und dass sogar diese Zahl noch geschönt und realistisch eher ein Wert von 0,34 Prozent sei.

Roys Essayband Band „Azadi“ ist eine Anklage. Über Missstände und ihre Entstehung, die teils weit zurück liegt, darüber, warum sich so wenig ändert oder wenn, dann in eine Richtung, die besorgniserregend ist. Über den Wunsch nach Freiheit und Frieden, die in weiter Ferne zu liegen scheinen. Von einer Autorin, die, so wird ebenso deutlich, ihr Land liebt. Ein manchmal herausforderndes, aber aufschlussreiches Buch.

Arundhati Roy: Azadi heißt Freiheit, aus dem Englischen von Jan Wilm, S. Fischer Verlag, 2021, 256 Seiten.