Bernardine Evaristo: Manifesto

ManifestoÜber Bernardine Evaristos autobiographischem Buch „Manifesto“ steht als Leitgedanke das Nichtaufgeben. Die Autorin, die den Booker Prize 2019 für ihren Roman „Mädchen, Frau, etc.“ erhielt, schreibt schon sehr lange, jedoch sind bei uns außer besagtem Roman und eben „Manifesto“ noch keine weiteren Werke erschienen. Vielleicht – hoffentlich –  wird sich das bald ändern.

Evaristo baut ihr Memoir nicht chronologisch auf, zumindest nicht nur, sondern unterteilt thematisch. Nach Ausführungen zu Kindheit und Herkunft widmet sie sich zunächst im weitesten Sinn Orten, danach Menschen und schließlich ihren Erfahrungen an Theatern und als politische Autorin. Dann geht es noch um das Geschriebene an sich, um Lyrik und Prosa, und gegen Ende wird es etwas abstrakter, wenn die Autorin über Einflüsse und Sprache, aber auch über das Ich, über Ehrgeiz und Wandlung schreibt.

Mir hat diese Aufteilung des Memoirs gut gefallen, das Konzentrieren auf verschiedene Aspekte, anstatt „einfach“ das gelebte Leben vom Anfang bis zur Gegenwart Revue passieren zu lassen. Und natürlich ist die gewählte Struktur auch durchlässig, kommen die wichtigsten Themen Evaristos, als da wären Rassismus, Sexismus und Klassizismus, immer wieder zur Sprache.

Obwohl die Autorin bereits in Kindheit und Jugend als Tochter einer englischen Mutter und eines nigerianischen Vaters immer wieder die Erfahrung machen musste, „anders“ zu sein, ist ihr Ton niemals klagend, sondern im Kern optimistisch. Evaristo wuchs als eins von acht Kindern auf, die innerhalb von zehn Jahren zur Welt kamen. So war die Aufmerksamkeit der Mutter nie ungeteilt, und seitens des unterkühlten Vaters gab es kaum Zeichen der Zuneigung. Im Erwachsenenalter weiß Evaristo sein Verhalten besser einzuschätzen und sieht auch die Schwierigkeiten einer Ehe zwischen zwei Liebenden, die völlig unterschiedlich sozialisiert wurden und kulturell sehr verschiedene Backgrounds haben, mit anderen Augen.

Ehrlich und offen ist auch das Kapitel in „Manifesto“, in dem es um Liebe und Sexualität geht. Evaristo führt heterosexuelle, aber auch verschiedene queere Beziehungen, darunter die zu einer Frau, die alles versucht, um sie zu erniedrigen und ihr mit der Zeit jegliches Selbstbewusstsein, auch und gerade in Bezug auf ihre Lyrik, zu nehmen. Was ihr letztlich nicht gelingt.

Sehr interessant empfand ich außerdem die Ausführungen Evaristos zur Suche nach ihrem eigenen, charakteristischen Stil. Es braucht lange und mehrere, durchaus anstrengende Versuche, bis sie zu ihrer eigenen Stimme findet, dieser Prosa mit dem lyrischen Rhythmus, der auch „Mädchen, Frau, etc.“ auszeichnet.

„Manifesto“ ist ein im besten Sinne leicht geschriebenes und verständliches Buch, das den Lebensweg der Autorin nachzeichnet, das anprangert, wo es nötig ist, das erläutert und erklärt, das von Mut und politischem Aktivismus erzählt. Und das außerdem die gesellschaftlichen Veränderungen in Großbritannien seit der Kindheit der Autorin bis heute nachzeichnet. An einigen wenigen Stellen hatte ich das Gefühl, dass Evaristo zu sehr herausstellt, dass jede*r an ihr/sein Ziel kommen kann und wird, wenn man sich nur genug anstrenge, und dabei außer acht lässt, dass sie offenbar über eine Resilienz verfügt, die nicht jeder*m gegeben ist, der schwierige Erfahrungen aufgrund von Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht etc. macht. Aber vielleicht möchte die Autorin mit ihrer Geschichte ja auch einfach nur Mut machen. So oder so ein lesenswertes Buch.

Bernardine Evaristo: Manifesto. Warum ich niemals aufgebe, aus dem Englischen von Tanja Handels, Tropen bei Klett-Cotta Verlag, 2022, 256 Seiten