Katerina Poladjan: Zukunftsmusik

ZukunftsmusikEs ist der 11. März 1985, ein Tag nach dem Tod des sowjetischen Staats- und Parteichefs Konstantin U. Tschernenko und außerdem der Tag, an dem Michail Gorbatschow sein Nachfolger wird. Es ist der Beginn einer Zeitenwende, von der die Protagonist:innen in Katerina Poladjans Roman „Zukunftsmusik“ noch nichts ahnen. Im Radio wird Chopins Trauermarsch gespielt. Das Stück läutet das Ende einer Epoche ein.

Im Mittelpunkt des schmalen Buchs stehen vier Generationen von Frauen einer Familie: Janka ist sehr jung Mutter geworden und zieht Tochter Kroschka allein bzw. mit Hilfe ihrer Mutter Maria groß. Mit Warwara, der Mutter Marias und Großmutter Jankas, leben sie in einer Kommunalka zusammen mit mehreren anderen Familien auf engstem Raum. Janka arbeitet nachts und sieht Kroschka daher nicht oft, Mutter Maria bringt sie meist in den Kindergarten. Janka schweigt sich über den Vater ihrer Tochter aus. Am Abend des 11. März, dem Tag, an dem der Roman ausschließlich spielt, möchte Janka in der Küche der Wohngemeinschaft ein Konzert geben, wäre da nicht das Problem mit ihrer kaputten Gitarre, das sie bis zum Abend lösen muss.

„Zukunftsmusik“ folgt den Frauen durch ihren Tag, beobachtet sie und erzählt die Begegnungen untereinander. Poladjan erzählt oftmals sehr knapp, bringt das Geschehen stets präzise und elegant auf den Punkt, entwirft starke Szenen und schreibt lebendige Dialoge. So  zieht sie ihre Leser:innen schnell hinein in ihren Roman. Neben Janka, Maria und Warwara nimmt dabei Nachbar Matwej einen größeren Raum in der Geschichte ein. Er hat den Luxus eines eigenen Zimmers, lebt zurückgezogen und will mit den anderen wenig zu tun haben. Außerdem hat er einen wichtigen Job, über den er sich hauptsächlich ausschweigt und der ihm offenbar ein Stück weit Status und Macht verleiht.

Es ist äußerst gelungen, wie die Autorin ihre Figuren miteinander und übereinander reden lässt, wie sie die Beziehungen vor allem zwischen den Frauen in all ihrer Ambivalenz darstellt. Die gehässig wirkenden Aussagen Warwaras über ihre Tochter Maria, die ihrerseits von der Mutter genervt ist, sie aber sofort verteidigt, wenn andere schlecht über sie reden. Die gemischten Gefühle der älteren Generationen gegenüber Janka. Gemeinsam haben sie, dass keine von ihnen einen Ehemann, eine feste Beziehung hat – und die Überzeugung, lieber allein zu leben, statt mit einem Taugenichts.

Vor allem zu Beginn lesen wir eine sehr realistisch erzählte Geschichte, was auch durch den eher reduzierten Stil nochmals unterstrichen wird. Irgendwann im Laufe des Romans beginnen sich die Dinge zu verschieben, phantastische Elemente tauchen auf, die Grenzen der Realität werden oft nur kurz und minimal, aber eben doch überschritten. Mir haben diese Stellen gut gefallen, wer aber eindeutige Antworten sucht, wird es mit dem Roman vielleicht schwerer haben.

Insgesamt ist „Zukunftsmusik“ eine liebevolle und auch humorvolle Geschichte, auch wenn sich beides nicht sofort aufdrängt, sondern sich ein wenig zwischen den Zeilen versteckt. Auch die Hinweise auf Veränderungen, auf die neue Zeit, die anbrechen wird, sind subtil und immer ein Stück weit der Interpretation der Lesenden überlassen. Wie spannend wäre es, über die gleichen Figuren nach einem Zeitraum von vielleicht zehn Jahren erneut zu lesen! Ich wusste einige Kapitel lang überhaupt nicht, was ich da lese und wo Poladjan mich hinführen würde, doch nach und nach wurde ich heimisch in ihrer Geschichte und mochte sie am Ende sehr.

Katerina Poladjan: Zukunftsmusik, S. Fischer Verlag, 2022, 192 Seiten


4 Gedanken zu “Katerina Poladjan: Zukunftsmusik

  1. Kann ich nachvollziehen, ich war am Anfang auch etwas verloren, aber dachte dann, ich schau einfach mal… generell bin aber auch der Meinung, dass man sich nicht quälen soll, wenn es einem nicht gefällt 😊

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  2. Für mich lebte der Text mit seinem eigenen Rhythmus und Wortfärbungen, und dieser suspendierten Zeitlichkeit. In diesem Sinne gleicht er mehr einem als Roman verpackten Gedicht, und Gedichten ist ja oft sehr schwer auf den Pelz zu rücken. Ich habe mir auch „Hier sind Löwen“ gekauft und bin sehr gespannt.

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    1. Hier sind Löwen mochte ich, für detaillierte Erinnerungen ist die Lektüre aber schon etwas zu lange her…

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