Kaśka Bryla: Die Eistaucher

Die EistaucherEtwas ist geschehen. Etwas Schlimmes, Radikales, etwas, das Leben verändert. Wir Leser:innen können es nicht einordnen, nur sehr zaghaft sind die Hinweise zu Beginn von „Die Eistaucher“, dem neuen Roman von Kaśka Bryla. Erzählt wird aus der Jugend der Protagonist:innen und alternierend aus heutiger Perspektive.

Das Damals spielt sich an einer katholischen Privatschule ab. Iga ist neu in der Klasse, immer mit ihrem Longboard unterwegs. Sie hat schon einige Schulverweise hinter sich. Sie ist mathematisch hochbegabt, schwänzt oft, was ihre guten Leistungen aber nicht beeinträchtigt. Iga stößt nun bald zu einer Gruppe Jugendlicher hinzu. Da ist die schöne Jess, die sich in ihrem letzten Urlaub verliebt hat und nun darunter leidet, dass die Andere sich bereits neu orientiert hat. Da ist Ras, pummeliger Außenseiter, außerdem der „Rilke-Rainer“ und der „schöne Sebastian“. Mit Poesie wollen sie die Welt retten, sie nennen sich „die Avantgarde“. „Die Eistaucher“, bestehend aus Iga, Jess und Ras sind eine Art geheime Splittergruppe der Avantgarde.

Die Kapitel, die heute spielen, werden aus der Sicht von Saša erzählt. Er ist ein paar Jahre älter als Iga, schon damals waren sie befreundet, er bereits Student. Saša betreibt einen Campingplatz, der auch jetzt noch ein Treffpunkt mit den Freund:innen von früher ist. Doch nun kommt gegen Ende der Saison ein einzelner Gast, der etwas zu wissen scheint über das angedeutete Ereignis. Jenes, das die Protagonist:innen für immer zusammengeschweißt hat. Doch können wir Leser:innen Sašas Version des Erzählten vorbehaltlos glauben?

Bryla gelingt es sehr gut, die Dynamik der Beziehungen ihrer jugendlichen Figuren darzustellen und nachempfindbar zu machen. Dabei geht es zunächst einmal um die zu erwartenden Themen: um Rebellion und Verlorenheit, um Liebe, Begehren und Eifersucht, darum, herauszufinden, wer man eigentlich ist und was man will. Dass die Jugendlichen zum Großteil queere Beziehungen führen (bzw. führen wollen), wird wohltuenderweise nicht weiter kommentiert.

Die Beziehungen innerhalb des Freundeskreises verändern sich, doch schon bevor sie Zeug:innen eines Verbrechens werden, das allem Anschein nach nicht gesühnt werden wird, sind die Bande zwischen ihnen sehr stark. So können sie eine geschlossene Front bilden, um selbst die Initiative zu ergreifen. Allerdings mit dramatischem Ausgang.

„Die Eistaucher“ vereint individuelle Erzählstränge, versetzt überzeugend in (auch eigene) Jugendtage, macht die Not und Zerrissenheit der Charaktere spürbar. Darüber hinaus ist es aber auch ein politischer Roman, der wie nebenbei Missstände aufzeigt, ohne den Zeigefinger zu heben. Themen wie Grenzüberschreitung und die Durchlässigkeit von Hierarchien fließen ebenfalls in die Erzählung ein und das alles wie aus einem Guss. So leicht und manchmal fast unbeschwert kommt das oft daher, dass man übersehen könnte, wie kunstvoll Bryla ihre Geschichte erzählt, die trotz ihrer Fülle nie überfrachtet wirkt.

Das gilt auch für die surrealen und phantastischen Elemente, die ich nicht immer eindeutig einzuordnen wusste, was aber meiner Meinung nach auch gar nicht zwingend nötig ist. Und auch die vielen literarischen Bezüge, ich denke da zum Beispiel an den „Horla“, eine Figur bei Maupassant, der den Erzähler verfolgt und in den Wahnsinn treibt, fügen sich problemlos und bereichernd ein. Bei aller Klarheit in einzelnen Passagen des Romans bleibt Vieles im Dunkeln. Auch die Eis-Metapher drängt sich niemals auf und ist doch so passend und klug umgesetzt. Das Eis als trennende Schicht, das Eis, das brechen kann, das schützen, aber auch trennen kann. „Die Eistaucher“ ist für mich einer jener Romane, deren Stärke mir erst mit etwas Abstand so richtig bewusst wird, der mir schon während des Lesens gefiel, der aber enorm nachhallt, bei dem sich eine zweite Lektüre sicher lohnen würde – ich glaube, Einiges würde an andere Stellen rücken, wäre teils klarer oder auch umgekehrt, würde ich noch ganz Neues entdecken. Es fällt mir schwer, den Roman und all seine Wucht in Worte zu fassen. Für mich ein Highlight des Bücherfrühlings.

Kaśka Bryla: Die Eistaucher, Residenz Verlag, 2022, 320 Seiten