Annika Domainko: Ungefähre Tage

Ungefähre TageGrün arbeitet schon seit ca. 20 Jahren als Pfleger in der Psychiatrie. Er ist routiniert, er mag seinen Job, obwohl er eigentlich andere Pläne hatte. Sein Archäologiestudium hat er abgebrochen. In seiner Freizeit hört er Podcasts zu archäologischen Themen und geht joggen. Seine Tablettensucht hat er seit der Geburt der Tochter im Griff. Wann immer er die Familie seiner Frau Josephine trifft, spürt er aber auch, dass sie sich für die sehr erfolgreiche Tochter etwas Anderes gewünscht haben. Einen Akademiker nämlich. Die Betreuung von Tochter Maja teilen sich Josephine und Grün auf so gut es geht, auch wenn es darüber immer mal wieder Unstimmigkeiten oder Streit gibt.

„Ungefähre Tage“ wird aus der Sicht Grüns erzählt. Die geschlossene Station kennt er in- und auswendig, er weiß, was zu tun ist, wie er mit den Patient:innen umgehen muss, wo die Grenzen sind. Und da er mit ihnen deutlich mehr Zeit verbringt als die Ärzte, werden seine Meinung und seine Beobachtungen immer auch eingeholt, wenn es um einzelnde Beurteilungen geht.

Eine neue Patientin löst etwas in Grün aus, etwas zunächst einmal Unbestimmtes. Er fühlt sich mit ihr verbunden, er sucht ihre Nähe und wann immer er Dienst hat, verbringen die beiden Zeit miteinander, reden und rauchen. Sie ist über 20 Jahre jünger als er, sie hört Stimmen und ist suizidgefährdet. Allmählich werden die klar gezogenen Grenzen fließender. Grün beginnt, sie anders, bevorzugt zu behandeln, zunächst sind es nur Kleinigkeiten. Als er spürt, dass die Situation zu entgleiten droht, versucht er, auf Abstand zu gehen und schafft es dann doch nicht.

Nach und erfahren wir Leser:innen mehr aus Grüns Vergangenheit, die anfangs so eindeutig vor uns zu liegen schien. Annika Domainko gibt ihre Informationen stets in genau der richtigen Dosierung preis, so, dass man einerseits nicht das Gefühl hat, etwas würde künstlich einbehalten, nur um Spannung zu erzeugen, andererseits ist es, als würde man wie im echten Leben jemanden kennenlernen und man müsste erst einmal Vertrauen zueinander fassen.

Auch der Stil und generell Domainkos Art zu erzählen passen wunderbar zur Geschichte. Während anfangs alles sehr konkret und ohne Umschweife erzählt wird, ändert sich das im Laufe der Geschichte, alles scheint zu verschwimmen und wir sehen die Figuren, vor allem Grün, mit anderen Augen. Nicht immer ist klar, was Realität, was Traum oder Phantasie ist. Auch sprachlich gleicht der Roman manchmal einer Suche nach den richtigen Worten der Annäherung an etwas, das schwer zu fassen ist.

Während der Lektüre kommt man nicht umhin, über Grenzen nachzudenken, über Hierarchien, über das Verhältnis von Schutzbefohlenen zu denen, die sich um sie kümmern und über die Distanz, die dabei gewahrt werden muss. Ein großes Verdienst des Romans ist es außerdem, wie die Autorin herausarbeitet, dass es diese Hierarchien zwar gibt – und das mit guten Gründen – dass sie aber weniger in Stein gemeißelt sind, als wir das gern denken. Vielleicht müsste manches Mal nur wenig anders laufen und die Konstellation würde ganz anders aussehen.

„Ungefähre Tage“ hat mich sehr begeistert, der Roman hat mich gefesselt und berührt. Vielleicht ist Domainkos Roman in Teilen ein Wagnis, doch vor allem ist es eine zutiefst menschliche Geschichte aus einer Welt, deren Türen für viele geschlossen sind und die sicherlich auch mit vielen Vorurteilen behaftet ist. Es ist eine Geschichte über eine unentschuldbare Grenzüberschreitung und darüber, wie es dazu kommen konnte. Eine, die nicht verurteilt, denn dafür ist sie nicht der Ort. Ein großartiges Debüt.

Annika Domainko: Ungefähre Tage, C.H. Beck Verlag, 2022, 222 Seiten