Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht

Das mangelnde LichtMeine erste Begegnung mit dem Werk von Nino Haratischwili hatte ich 2018, als ich ihren Roman „Die Katze und der General“ gelesen habe. Meine Erinnerung an das Buch musste ich nun erst einmal wieder auffrischen, doch nicht vergesse habe ich, dass der Roman allgemein sehr scharf kritisiert wurde, während er für mich sogar zu den Highlights des Jahres zählte. „Das mangelnde Licht“ habe ich nun in einer Zeit gelesen, in der, so mein Eindruck, ausschweifende, üppige Geschichten, eine alles andere als schlanke und reduzierte Sprache, ein bisschen aus der Mode gekommen sind. Die Lektüre fiel außerdem in eine Zeit, in der ich zu viel Pathos sicherlich noch kritischer gegenüberstehe als vor vier Jahren und außerdem in eine Zeit, in der ich mit umfangreichen Romanen generell so meine Probleme hatte.

So viel schon vorweg: Ich habe wieder viel mehr Lust bekommen, dicke Bücher zu lesen, denn „Das mangelnde Licht“ ist eine Geschichte, in die ich sehr gut eintauchen konnte, eine Geschichte, deren Figuren zu Wegbegleiterinnen wurden (das bezieht sich auf die vier Freundinnen, um die der Roman kreist), die mir eine kurze Flucht aus dem Alltag ermöglichten.

Ich-Erzählerin ist Keto. Im Jahr 2019 besucht sie eine Ausstellung in Brüssel. Gezeigt werden die Fotos ihrer Jugendfreundin Dina, die bereits seit ca. 20 Jahren tot ist. Keto trifft dort auf zwei weitere Freundinnen, die sie seit Jahren nicht gesehen hat: Nene und Ira. Im Tbilissi der 90er Jahre bildeten sie ein Vierergespann, wurden zusammen erwachsen und erlebten vor allem sowohl persönliche als auch politische Tragödien.

Die Geschichte springt nun hin und her zwischen meist kurzen Passagen in der Gegenwart, in der Keto durch die Ausstellung geht, die Bilder vor sich sieht und sich an die Umstände erinnert, zu denen Dina sie aufgenommen hat. Dina, selbstbewusst und unberechenbar, mutig und verletzlich. Ketos Bruder Rati wurde ihre große Liebe. Als Leser:in weiß man aber auch ganz von Beginn an, dass Dina sich das Leben nehmen wird, wenn Nino Haratischwili doch auch zunächst einmal nur vage Hinweise darauf gibt, wie es dazu kommen konnte.

In der Gegenwart wird schnell deutlich, dass es zwischen Ira und Nene und einen Bruch gegeben hat, dass Ira Nene etwas Unverzeihliches angetan haben muss und dass Nene sich weigert, der Freundin zu vergeben. Nene kommt aus einer kriminellen Familie, ihr Onkel und einer ihrer Brüder führten eine Art Bandenkrieg gegen rivalisierende Gruppen. Nene war und ist selbstbewusst und rebellierte, doch wurde auch stark kontrolliert von den Männern ihrer Familie. Ira dagegen ist die Rationale, die Ehrgeizige, als Erwachsene strahlt sie Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit aus, die sie nur zu verlieren scheint, wenn sie auf Nene trifft.

Wie „Die Katze und General“ ist „Das mangelnde Licht“ ein ausschweifender Roman. Die Autorin nimmt sich Zeit, ihre Figuren vorzustellen, taucht tief ein in einzelne Episoden und das alles in einer sehr bildreichen, manchmal blumigen Sprache. Das muss man mögen und teilweise reicht das alles sehr nah ans Pathos heran, ist höchstdramatisch – allerdings sind die Geschehnisse, von denen wir lesen, genau das. Und wir können viel lernen über die Situation in Georgien in den 90er Jahren, über den Krieg, die Angst, die Armut der Menschen.

Manchmal hat mich der Roman ein wenig an Elena Ferrantes Neapolitanische Tetralogie erinnert. Auch dort standen Freundinnen im Mittelpunkt, auch dort ging es manches Mal derb zu, auch sprachlich, auch dort wird man tief hineingezogen in eine starke Atmosphäre, wird ebenso glänzend unterhalten und liest ebenso vom Leben junger Frauen in einer höchst patriarchalen Welt, von ihrem Mut, ihrem Ergeiz, dem zu entfliehen, davon, wie schwer das war und immer noch ist.

„Das mangelnde Licht“ ist dramatisch. Es ist üppig, holt weit aus, es ist bestürzend, es ist traurig, desillusionierend. Es ist unterhaltsam und lehrreich. Ich habe den Roman in mich aufgesogen. Seit einiger Zeit liegt auch Brilka bereit, denn Nino Haratischwilis berühmtesten und beliebtesten Roman kenne ich immer noch nicht. Das muss sich unbedingt ändern.

Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht, Frankfurter Verlagsanstalt, 2022, 832 Seiten


3 Gedanken zu “Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht

  1. So viele gute Besprechungen über dieses Buch und alle sagen, wie toll es ist. Ich bin so wahnsinnig zögerlich mit sehr sehr langen Büchern geworden … wahrscheinlich aber aus falschen Gründen. Blumige, ausufernde Sprache mag ich ja, und Pathos auch. Ich schau noch mal rein! Danke!

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    1. Mir geht es ja im Prinzip ähnlich. Ich finde bei umfangreicheren Büchern fast immer, dass sie durch Kürzen gewonnen hätten :) aber hier fand ich das nicht, auch wenn Einiges natürlich sehr ausführlich erzählt wird. Ich könnte mir auch vorstellen, dass viele (oder einige) mit dem ganzen Drama und so Probleme haben, aber wenn das bei Dir nicht so ist, lies doch mal rein. Viele Grüße!

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