Mischa Mangel: Ein Spalt Luft

Ein Spalt LuftEin Junge, namenlos, hat als kleines Kind knapp zwei Jahre allein bei seiner Mutter gelebt, während sie unter einer Psychose litt. Was genau in dieser Zeit vorgefallen ist, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Der Junge kam schließlich zu seinem Vater und dessen neuer Frau, bekam dann noch zwei Stiefbrüder. Als Erwachsener macht er sich auf die Suche, möchte herausfinden, was damals passiert ist.

Nicht nur lässt sich nicht mehr sagen, wie genau die Zeit ablief, in der Mutter und Sohn abgeschirmt von der Außenwelt zusammenlebten. Genauso schwierig ist es, das Wesen einer Psychose für andere erlebbar und nachvollziehbar zu machen. Mischa Mangels Verdienst ist es, dass er das gar nicht erst versucht, sondern sich der Krankheit der Mutter von verschiedenen Seiten annähert, in dem Bewusstsein, sie niemals völlig erklären und ausdeuten zu können.

„Ein Spalt Luft“, der Debütroman des Autors, ist eine Sammlung verschiedener Textsorten, von erzählenden Passagen über Interviews, Gerichtsakten und Mitschriften des Jugendamts bis zu Märchen bzw. märchenhaften Passagen sowie berichtenden, in denen es sowohl um Psychopharmaka geht als auch um Interviews zum Thema „Regretting Motherhood“, die vor ein paar Jahren für Furore sorgten. Hier sprachen Frauen offen darüber, dass sie ihre Mutterschaft bereuten, dass sie sich aus heutiger Perspektive gegen Kinder entscheiden würden. Auch wenn dies mitnichten bedeutet, dass sie ihre Kinder nicht lieben, waren diese Interviews ein Tabubruch, rührten sie doch an der ungeschriebenen Übereinkunft, dass jede Frau sich Kinder wünsche und nicht normal sei, wenn sie diesen Wunsch eben nicht verspüre oder in der Mutterrolle nicht völlig aufgehe und darin wenn nicht den einzigen, so doch zumindest den bestimmenden Sinn in ihrem Leben sehe.

Das Unfassliche und teils durchaus Verwirrende des Romans zeigt sich auch in der Typographie: Immer wieder sind da Textstellen, sind Wörter oder mehr geschwärzt, zum Beispiel alle Namen, so dass wir nicht erfahren, wie der Junge bzw. später der junge Mann überhaupt heißt. Kein Ort, keine Zeit wird konkret genannt, und alles bleibt in der Schwebe. Dazu gibt es immer wieder assoziative Passagen, in denen Wörter variantenreich aneinandergereiht werden, mit ihnen gespielt, ihre richtige Reihenfolge, ihr Sinn gesucht wird. Die Sprache wechselt von nüchtern-wissenschaftlich zu umgangssprachlich-verwaschen, teils bleiben große Flächen einfach weiß. Inhalt und Form bedingen sich so gegenseitig.

Mangel ist es gelungen, mich an sein Buch zu fesseln, indem er klare und diffuse Passagen sich abwechseln lässt, indem er mich manches Mal eine konkrete Situation vor mir sehen lässt, etwa wenn der erwachsene Mann aus seinem Alltag erzählt und mich dann wieder in einen assoziativen Nebel stößt, in dem alles Denken nichts nützt und der Roman andere Sinne anzusprechen scheint, in dem er ein Gefühl, eine Ahnung auslöst und keine Gewissheit.

„Ein Spalt Luft“ ist schwer zu fassen. Ein Roman mit Widerhaken, der seine Leser:innen an eine Psychose heranführt, ohne jemals so zu tun, als sei das abschließend möglich. Ein Roman, der Betroffene und Angehörige gleichermaßen in den Mittelpunkt stellt, der nebulös ist und klar gleichermaßen. Der tiefere Ebenen anspricht. Ein Roman um Mutterschaft und ihre Bedeutung, ihre Bürden. Ein gelungenes Debüt.

Mischa Mangel: Ein Spalt Luft, Suhrkamp Verlag, 2021, 270 Seiten