Delphine de Vigan: Die Kinder sind Könige

Die Kinder sind KönigeMélanie war als Jugendliche fasziniert von Formaten wie Big Brother und träumte davon, durch die Teilnahme bei einer Reality Show berühmt zu werden. Was ihr damals nicht gelang, hat sie nun durch einen sehr erfolgreichen YouTube-Kanal erreicht: Happy Récré stellt ihre Kinder Kimmy und Sammy in den Mittelpunkt. Durch die vielen Videos, in denen die beiden entweder Pakete auspacken oder verschiedene Spiele spielen bzw. Herausforderungen meistern müssen, hat sie mit der Zeit Millionen von Abonnenten gewonnen, und durch die vielen Werbeverträge ist die Familie reich geworden. Dass vor allem Kimmy in letzter Zeit oft mürrisch reagiert, wenn sie gefilmt werden soll und ganz offenbar unglücklich ist, tut Mélanie als Laune ab. Sie ist voller Dankbarkeit für die „Liebe“, die ihre Follower ihr entgegenbringen und sieht keinen Grund, irgendetwas zu ändern.

„Die Kinder sind Könige“, ist Mélanie überzeugt, und ihre Einstellung ändert sich auch nicht, als Kimmy plötzlich spurlos verschwindet, offenbar wurde sie entführt. Während sie und ihr Mann Bruno große Ängste um ihr Kind ausstehen, beginnt Polizistin Clara zu ermitteln. Für uns Leser:innen ist Clara diejenige, durch die wir Fakten erfahren, Zahlen zu den größten Kinder-YouTube-Kanälen in Frankreich und der Welt, die rechtliche Situation, die (teils ungeschriebenen) Regeln des Internets. Keine Frage, dass die Entwicklung besorgniserregend ist und dass niemand absehen kann, welche Folgen es für die Kinder in ihrem späteren Leben haben kann, wenn für immer Bilder und Videos von ihnen im Netz zu finden sein werden.

Durchbrochen wird die Erzählung durch Aufzeichnungen von Zeugenaussagen, die uns direkt präsentiert werden und die dazu beitragen, dass sich Delphine de Vigans neuer Roman zügig lesen lässt. Diese Aufzeichnungen lockern das Ganze auf, wenn ich mir den Anfang auch stringenter gewünscht hätte. Mir hat aber während der ganzen Lektüre etwas gefehlt, und ich empfand den Roman teilweise als unangenehm zu lesen, was vermutlich mit Mélanie zusammenhing, die nicht nur keine Sympathieträgerin, sondern auch als Figur meiner Meinung nach überzeichnet ist und etwas schablonenhaft bleibt. Generell wird in „Die Kinder sind Könige“ sehr viel erklärt und dann noch einmal erklärt, anstatt den Leser:innen etwas mehr zuzutrauen, und gerade diese so deutliche Ausleuchtung der Charaktere nimmt ihnen ein Stück Lebendigkeit. Teilweise trifft das auch auf Clara zu, wenn ich hier auch andererseits gern mehr erfahren hätte, wo es mir bei Mélanie eher zu viel war.

Ich hatte hohe Erwartungen an Delphine de Vigans neuen Roman. Ich war begeistert von „Nach einer wahren Geschichte“, berührt von „Dankbarkeiten“ und „Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin“. „Die Kinder sind Könige“ reicht meiner Meinung nach nicht an die Vorgänger heran, auch sprachlich ist der Roman eher einfach gehalten. Er behandelt ein sehr wichtiges Thema, und es ist gut, diesem mehr Aufmerksamkeit zu geben. Es ist kein schlechtes Buch, und der Krimiplot tut seinen Teil, dass man dabei bleibt. Es ist nur einfach nicht ihr bestes Buch.

Delphine de Vigan: Die Kinder sind Könige, aus dem Französischen von Doris Heinemann Dumont Verlag, 2022, 320 Seiten