Reinhard Kaiser-Mühlecker: Wilderer

WildererIn seinem neuesten Roman führt uns Reinhard Kaiser-Mühlecker, der mich vor allem mit seinem Roman „Fremde Seele, dunkler Wald“ sehr begeistert hat, erneut auf das Land. Sein Protagonist Jakob führt den Hof seiner Familie weiter. Zusammen mit der betagten Großmutter und seinen Eltern lebt er in dem alten Haus und verantwortet inzwischen alle Entscheidungen. Die familiären Beziehungen sind zum Teil schwierig, seinen Vater hält er für einen Taugenichts, Bruder und Schwester haben den Hof und den Ort längst verlassen. Jakob ist ein Eigenbrötler, er ist Single und hat allem Anschein nach kein Bedürfnis, dies zu ändern. Die Arbeit ist sein Leben.

Alles ändert sich, als er Katja kennenlernt, eine Künstlerin, die von Jakob und seiner ihr so fremden Art zu leben fasziniert ist. Die beiden werden ein Paar, heiraten und bekommen ein Kind. Katja führt den Hof nun mit Jakob gemeinsam, trifft mit ihm wichtige Entscheidungen über die Zukunft des Geschäfts. Wie alle anderen müssen sie mit der Zeit gehen, und so steigen sie in die Biolandwirtschaft ein. Eigentlich ist also alles in Ordnung in Jakobs Leben.

In „Wilderer“ passiert oftmals über längere Zeit nicht allzu viel. Wir Leser:innen werden Zeugen dieses Landlebens, das uns komplett aus Jakobs Sicht erzählt wird. Da geht es um seinen Blick auf die Familie, vor allem um seine Beziehung zu Katja, in der nicht verliebt sei, so betont er, die er aber liebe. Ein großes Thema und Stein des Anstoßes ist für Jakob seine Schwester Luisa, die er geradezu verachtet für ihren Lebensstil, für die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich immer wieder selbst auf den Hof einlädt und so lange bleibt, wie sie möchte. Die Atmosphäre zwischen den beiden ist vergiftet, doch die tieferen Ursachen dieses Konflikts bleiben unkonkret.

Vieles bleibt unausgesprochen im Roman, oftmals scheint es leicht zu brodeln unter der Oberfläche. Als Leser:in fragt man sich immer wieder, was sich eigentlich außerhalb von Jakobs Blick befindet, was uns alles nicht direkt erzählt wird. Kaiser-Mühlecker erzählt in einer klaren, ungekünstelten Sprache, die ihre Wirkung nach und nach entfaltet. So gewinnt der Roman mit der Zeit und auch nach Beenden der Lektüre hat mich Jakob noch nicht vollends losgelassen, obwohl ich währenddessen manchmal etwas ungeduldig wurde.

Wer wildert hier eigentlich wo? Auch das Motiv des Wilderers aus dem Titel zeigt sich erst mit der Zeit deutlicher. Es wird viel gewildert, von Mensch und Tier, und immer dann, wenn jemand in einen Bereich eindringt, der eigentlich nicht für ihn vorgesehen war. Reinhard Kaiser-Mühleckers neuer Roman hat etwas gebraucht, um bei mir seine volle Wirkung zu entfalten. In ihm stoßen Lebenswelten aufeinander, Beziehungen werden auf die Probe gestellt, und das alles vor dem Hintergrund des ökologischen Wandels. Ein manchmal spröder Roman um einen Eigenbrötler, der einem vielleicht nicht unbedingt zufliegt, dafür aber Spuren hinterlässt.

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Wilderer, S. Fischer Verlag, 2022, 352 Seiten