Jenny Erpenbeck: Kairos

kairosIch habe länger überlegt, ob ich Jenny Erpenbecks Roman „Kairos“ lesen möchte. Eine Geschichte über die Beziehung eines älteren Mannes zu einer sehr jungen Frau, ich hatte das Gefühl, dass ich genug Bücher mit Abwandlungen dieses Plots in meinem Leben gelesen habe und mich hat diese Ausgangssituation eigentlich nicht interessiert. Wäre „Kairos“ von einem (älteren) Mann geschrieben worden, hätte ich nie zu dem Buch gegriffen, lediglich die Tatsache, dass der Roman aus der Feder nicht nur einer Frau, sondern außerdem von Jenny Erpenbeck stammt, deren Bücher ich in der Vergangenheit sehr gern gelesen habe, gab den Ausschlag, dass ich mich dann doch für die Lektüre entschieden habe.

Es geht also um die alte Geschichte: junge Frau, älterer Mann. Katharina ist 19, Hans Mitte 50, als sie sich Ende der 80er Jahre in Ostberlin zufällig begegnen und ineinander verlieben. Dass Hans Familienvater ist, ist dabei kein Hindernis, und Katharina weiß von Anfang an, dass sie Hans teilen muss, lässt sich aber dennoch auf ihn ein. Es ist stark, was die beiden verbindet, so stark, dass sie lange nicht voneinander loskommen werden, auch, als längst klar sein sollte, dass diese Verbindung für keinen von beiden gut ist, dass sie keine Zukunft haben kann.

„Kairos“ beginnt mit dem Tod von Hans und mit einer Kiste alter Erinnerungen, die Katharina durchforstet, als sie davon hört, dass Hans nicht mehr lebt und die als Aufhänger dafür dient, dass die Geschichte der beiden dann von vorn aufgerollt wird. Hans hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt, sympathisierte mit dem Nationalsozialismus und wurde später Kommunist und Schriftsteller, seit Jahren hat er wechselnde Geliebte und einen Sohn, der nur wenig jünger ist als Katharina. Sie ist auf der Suche nach ihrer Bestimmung, an einem Punkt des Aufbruchs, nicht nur beruflich an einem Anfang, den er längst hinter sich gelassen hat.

Dass es mit den beiden nicht gut gehen kann, ist früh klar, und schon zu Beginn sind die Zeichen dafür sichtbar, dennoch können beide nicht voneinander lassen. Erpenbeck erzählt das in oftmals quälender Detailversessenheit, nimmt die Perspektiven ihrer beiden Hauptfiguren ein, die kaum zu Identifikationsfiguren taugen, vor allem Hans, der sich mit der Zeit als selbstgerechtes Arschloch entpuppt und Katharina wegen eines Fehltritts über Wochen und Monate quält und es sich in der Opferrolle einrichtet, und in seiner Verblendung keinen Blick für die eigene Verlogenheit hat.

Wenn ich trotz meiner Bedenken zu „Kairos“ gegriffen habe, dann deshalb, weil der Roman versprach, viel mehr zu sein als die x-te Variante einer uralten Geschichte, weil es in ihm vor allem um die letzten Jahre der DDR gehen sollte und weil ich darauf vertraut hatte, dass Erpenbeck aus der Ausgangssituation etwas Gutes und Lesbares machen würde, da ich sie für eine großartige Autorin halte. Nun steht die Beziehung der beiden deutlicher im Mittelpunkt, als ich es erwartet und gehofft hatte, und die Lektüre war für mich zuweilen richtiggehend qualvoll, da ich oft wie am eigenen Leib gespürt habe, wie beide Hauptfiguren sich quälen und zerfleischen. Zum überwiegenden Teil betrifft das Hans, dessen Verhalten mich einfach enorm genervt und aufgeregt hat. So gerät die Zeitgeschichte, die natürlich miterzählt wird, sehr in den Hintergrund, auch wenn Erpenbeck zweifellos eine starke Atmosphäre schafft und ihr Roman auch sprachlich sehr gelungen und ausgefeilt ist, was mich letztendlich dazu bewogen hat, weiter zu lesen.

Ich bin also zwiegespalten. Ich halte „Kairos“ für einen guten Roman, und bei vermutlich fast jedem / jeder anderen Autor / Autorin hätte ich die Lektüre wohl gar nicht erst begonnen oder irgendwann abgebrochen. Ich habe mich auch immer wieder gefragt, warum die Autorin dieses Paar in den Mittelpunkt ihrer Geschichte gestellt hat, das so ungleich und doch so klischeebehaftet ist. „Kairos“ hat mich geschafft und aufgeregt, doch in gewisser Weise scheint mir das besser, als eine Geschichte, die mich kalt lässt und mir gleichgültig ist. Dennoch wird „Kairos“ wohl erst einmal der letzte Roman der Kategorie „junge Frau – alter Mann“ für mich bleiben.

Jenny Erpenbeck: Kairos, Penguin Verlag, 2021, 384 Seiten


4 Gedanken zu “Jenny Erpenbeck: Kairos

  1. Mir ging es sehr ähnlich. Ich lese diese Art von Liebesgeschichten sehr ungern – aber die Sprache von Erpenbeck hat mich sofort überzeugt, und dann, gegen Mitte des Buches verstand ich die Metapher, denke ich, oder ich habe die Konstellation überzeugend gefunden, dass in der Beziehung eben ein politisches Verhältnis zwischen Moskau und Berlin thematisiert wurde, und die Liebesgeschichte die Hoffnung auf ein besseres Leben gewesen ist. Ich habe das in meiner Besprechung herauszuarbeiten versucht. Auf diese Weise gelesen, handelt es sich um ein äußerst einzigartiges Buch, das den Kairos als den Moment eines möglichen Aufbruch in eine gerechte Welt versteht, und dann alles endet wie es in „Kairos“ endet. Viele Grüße!

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    1. Ich glaube, mich hat dieser Hans einfach zu sehr genervt, so dass ich für diese Ebene dann nicht mehr wirklich offen war. Aber ihre Sprache und die geschaffene Atmosphäre waren ja auch der Grund, warum ich das Buch überhaupt zu Ende gelesen habe. Da sind sich Kopf und Bauch ein wenig uneins. 😉

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      1. Oh ja, Hans hat mich wahnsinnig genervt. Ich war nur froh, dass Katharina sich von ihm emanzipierte, und so empfand ich die Gestaltung als äußerst gelungen. Hans ist ja ein Verlierer von vorne bis hinten, und Katharina hat sich durch ihn desillusioniert. Ich stimme völlig zu und erinnere mich, wie ich das Buch bis Seite 100 die ganze Zeit weglegen musste :)

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