Stewart O’Nan: Ocean State

Ocean State„Als ich im achten Schuljahr war, half meine Schwester dabei, ein anderes Mädchen zu töten.“ S. 9

Mit diesem Satz beginnt Stewart O’Nan seinen neuesten Roman „Ocean State“. Marie erzählt zu Beginn und auch während des Romans in der Ich-Perspektive und mit größerem zeitlichem Abstand, was sich abgespielt hat. Dazwischen wird das Geschehen aus personaler Perspektive und in der Gegenwart erzählt. Es ist sowohl die Vorgeschichte dieses Mordes als auch das, was danach geschah, während der Tat selbst weniger Aufmerksamkeit zuteil wird.

Maries Schwester Angel ist schon einige Jahre Myles’ Freundin. Im Gegensatz zu den anderen Figuren im Roman stammt Myles aus einer wohlhabenden Mittelschichtsfamilie. Angel und Marie leben mit ihrer alleinerziehenden Mutter Carol ein einfaches, von Verzicht geprägtes Leben. Carol hat wechselnde Beziehungen, die nicht von Dauer sind, und Marie ist viel allein zu Hause, hat eine blühende Phantasie und füllt ihre eigene Leere mit Süßigkeiten.

Birdy hat eine Affäre mit Myles und hofft, dass er sich von Angel trennen wird. Bis dahin begnügt sie sich mit ihren heimlichen Treffen, genießt es, wenn sie Myles für sich hat und träumt von einer gemeinsamen Zukunft. Wie Angel kommt auch Birdy aus einer armen Familie und wie sie hofft sie auf den sozialen Aufstieg, den Myles möglich machen kann.

In „Ocean State“ steht die Gewalttat, auf die alles zuläuft, also gleich am Anfang. Es ist kein Krimi, auch wenn der Mord und auch der Prozess eine Rolle spielen in der Geschichte. O’Nan erzählt vielmehr in seiner typischen unaufgeregten Weise davon, wie es dazu kommen konnte. Er erzählt vom ganz alltäglichen Leben, das eine nicht alltägliche Wendung nimmt. Er schaut seine Figuren an, er verurteilt sie nicht, sondern zeigt uns Leser:innen einfach nur, wie sie sind. Wie das Leben ist, das sie leben. Wie das Milieu, die Umstände, aus denen sie stammen.

„Ocean State“ ist eine Geschichte, in deren Mittelpunkt vier Frauen stehen: Carol und ihre Töchter Angel und Marie auf der einen Seite, Birdy auf der anderen. Interessanterweise bleibt Myles, derjenige, um den sich schlussendlich alles dreht, derjenige, der als Hoffnung, als Ausstieg aus den ärmlichen Verhältnissen herhalten muss, der einzige Mann von „Bedeutung“ in dieser Geschichte neben den Frauen, sehr blass und schemenhaft. Über Myles lesen wir nur aus der Sicht der Frauen, wir erfahren nicht, was in ihm vorgeht. Er kommt nicht besonders gut weg im Roman. Er ist privilegiert, und glaubt sich sicher, dass das Geld und das Ansehen seiner Familie ihn aus jedweden Schwierigkeiten heraushalten werden. Dass O’Nan sich entschieden hat, Myles nicht differenzierter zu zeichnen, ist nur folgerichtig: Wie er ist, das spielt eigentlich gar keine Rolle.

Ich habe schon einige Romane von Stewart O’Nan gelesen, und er hat mich nie enttäuscht. Seine letzten Romane „Emily allein“ und „Henry persönlich“ befassten sich noch mehr als „Ocean State“ mit Alltäglichkeiten, mit dem ganz normalen Leben, mit einer Familie und ihrer Geschichte durch die Jahrzehnte. In seinem neuesten Buch wendet der Autor sich wieder jüngeren Protagonist:innen zu, und es bleibt nicht bei der Schilderung des Alltags seiner Figuren, sondern kommt zu einem Verbrechen. Obwohl wir davon im ersten Satz erfahren, ist „Ocean State“ ungeheuer fesselnd und soghaft. O’Nan beobachtet seine Protagonistinnen genau, er macht ihre Wut spürbar, auf das Leben, das sie führen, auf die Ungerechtigkeit. Er zeigt das Abstrampeln, das so viel Energie kostet und die Resignation darüber, dass ein Ausbruch aus den eigenen Verhältnissen schwierig, wenn nicht unmöglich erscheint.

Stewart O’Nan erweckt eine ganze Kleinstadt zum Leben, zeigt den Alltag seiner weiblichen Figuren, unspektakulär, wie nebenbei und dennoch mit ungeheurer erzählerischer Kraft. Kleinigkeiten erzeugen eine ganze Welt, Gedanken, einzelne Wörter, stets am richtigen Platz und von großer Aussagekraft. „Ocean State“ lebt von seiner starken Atmosphäre, ein Roman der leisen Töne und dennoch eine Geschichte voller Wucht.

Stewart O’Nan: Ocean State, aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Rowohlt Verlag, 2022, 256 Seiten


3 Gedanken zu “Stewart O’Nan: Ocean State

  1. Vielen Dank für deine Besprechung, die wieder Lust auf mehr macht. Ich erinner mich noch sehr gut und vor allem gern, als mir eine Freundin bei einem Besuch in Hamburg, wir waren Ramen essen, Stewart O‘Nan emfpahl. Kurze Zeit später erhielt ich ein Paket mit Büchern u.a. ‹Die Chance› und diese Geschichte, das Paar, alles so unaufgeregt und normal und gleichzeitig so skurril sprach mich an und blieb mir im Kopf. Ich mag es, wenn Geschichten – und manchmal lässt sich das während des Lesens oder kurz danach noch gar nicht mit Sicherheit sagen – im Kopf bleiben, als Bruchstück und Anker der Erinnerung an den Moment, als da Buch aufgeschlagen vor einem lag… natürlich habe ich mir ‹Ocean State› auf meine Leseliste getan. Liebe Grüße!

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    1. Die Chance kenne ich noch nicht, mir fehlen noch einige Bücher des Autors und natürlich hat mich der neue Roman daran erinnert, dass da noch ein paar zu entdecken sind. Mal schauen, wann es was wird… stimmt, bei manchen Büchern weiß man später noch genau, unter welchen Umständen man es gelesen hat und verbindet beides dann miteinander, das mag ich auch. Viele Grüße!

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      1. Vielen lieben Dank für deine Antwort, dann hoffe ich, dass du schon bald zur weiteren Entdeckung kommst, vielleicht sogar von ‹Die Chance› und dich an meinen Kommentar erinnerst. Mir geht es auch regelmäßig so, dass neue Veröffentlichungen, Besprechungen in meinem Feedreader, mich an die vorherigen, die ungelesenen erinnern. Wenn wir doch nur mehr Zeit hätten, nicht wahr? Ganz liebe Grüße!

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