Fatma Aydemir: Dschinns

DschinnsHüseyin kam als Gastarbeiter nach Deutschland. Dreißig Jahre lang hat er geackert und geschuftet in einem Land, das ihn niemals ganz akzeptiert hat und in dem man ihn spüren lies, dass er nicht wirklich dazugehörte. Alles für seinen lebenslangen Traum, der nun, im Ruhestand, wahr werden soll: eine eigene Wohnung in Istanbul, in der alten Heimat. Doch kaum ist er dort angekommen, kaum soll der Rest seines Lebens endlich beginnen, da ist dieses Leben auch schon vorbei: Hüseyin stirbt an einem Herzinfarkt.

Seine Frau und seine vier Kinder, die sich alle im Laufe der Zeit voneinander entfernt haben, reisen nun so schnell wie möglich nach Istanbul, damit Hüseyin den islamischen Gepflogenheiten entsprechend möglichst noch am gleichen, spätestens am nächsten Tag beerdigt werden kann. So kommen zunächst einmal Hüseyins Witwe Emine zusammen mit Tochter Peri und Sohn Ümit gemeinsam an, während die beiden älteren Geschwister Sevda und Hakan aus unterschiedlichen Gründen erst später eintreffen werden. Fatma Aydemir wird sich Kapitel für Kapitel ihren Figuren widmen, die alle mit ihren eigenen Dämonen kämpfen. Sie blickt dabei auch in ihre Vergangenheit. So setzt sich für die Leser:innen nach und nach ein Bild zusammen, während beim Zusammentreffen der Familie einiges aufbricht, was lange im Verborgenen lag, was unaussprechbar war, und auch manches, an dem sie fast zerbrochen wären. Währenddessen wird die Beisetzung Hüseyins vorbereitet, bevölkern viele Menschen das Haus, die die Kinder noch nie gesehen haben, und kommt zutage, dass die Familie nicht nur diesen auch zu Lebzeiten schon so abwesendem Vater, sondern auch einander eigentlich nicht wirklich gekannt haben. In der Familie Yilmaz wurde viel geschwiegen und drang die Sprachlosigkeit so sehr ein in das Gefüge dieser Familie, dass es inzwischen fast unmöglich scheint, es zu durchbrechen. Doch hinter den Vorwürfen, die dann ausgesprochen werden, blitzt manchmal die Liebe auf, die sie füreinander empfinden.

Sevda, die älteste Tochter, wurde von den Eltern erst mit 13 Jahren aus der Türkei nach Deutschland geholt, zuvor war sie bei den Großeltern gewesen. Nun hielt man es nicht für nötig, sie zur Schule zu schicken. Sie wird jung verheiratet, gerät an einen ausgesprochenen Nichtsnutz und setzt sich schließlich in den Kopf, es nun allein zu schaffen. Hakan hat Ärger mit der Polizei und macht sich den anderen gegenüber rar. Peri dagegen ist die Erste in der Familie, die studiert und dadurch mit einem intellektuellen Milieu in Kontakt kommt, das ihre Mutter weder kennt noch verstehen kann. Und Ümit, der Jüngste, der zum Zeitpunkt von Hüseyins Tod noch ein Teenager ist, verliebt sich in einen Schulfreund. Sie alle sind Suchende, Verletzte, Gekränkte.

Aydemir verpasst jedem der Familienmitglieder einen eigenen Ton. Ihre Geschichten unterscheiden sich und sind dennoch immer auch eine Reaktion auf die Stellung der Familie in Deutschland, auf das Unausgesprochene in der Familie, auf Rassismus und strukturelle Ungerechtigkeiten. Als Leser:in ist man immer sehr nah an den einzelnen Figuren, die die Autorin gekonnt und mit wenigen Worten zum Leben erweckt. Eingerahmt sind die einzelnen Kapitel von den Geschichten der Eltern, die am Beginn und am Ende des Romans stehen.

„Dschinns“ bekommt überall sehr viel Lob und auch ich habe den Roman sehr gern gelesen, weil die Geschichte uns komplett eintauchen lässt, zum Mitfiebern oder doch meist eher zum Mitleiden einlädt, weil Aydemir es schafft, all die Unsicherheiten ihrer Figuren sichtbar zu machen, ihre Standpunkte deutlich werden lässt und aufzeigt, welche Gräben sie teilweise trennen, ohne dass ihnen bewusst wäre, woran das liegt oder liegen könnte. Gefallen haben mir außerdem die popkulturellen Hinweise auf die 90er Jahre, in denen die Geschichte spielt und die mich in meine Jugend zurückversetzt haben, während auf der anderen Seite die Anschläge und Brandstiftungen dieser Zeit noch einmal Thema werden und ein mulmiges Gefühl wieder zutage fördern. Die Erkenntnis, dass sich seitdem eigentlich nichts wirklich verändert hat, ist dann eine schale, eine, die deprimieren kann. „Dschinns“ könnte ebenso in der Gegenwart spielen, und die Geschichte würde sich zumindest in diesem Punkt kaum von der in den 90er Jahren angesiedelten unterscheiden.

Fatma Aydemir: Dschinns, Hanser Verlag, 2022, 368 Seiten