Hanya Yanagihara: Zum Paradies

Zum ParadiesVermutlich ist zu Hanya Yanagiharas neuem Roman „Zum Paradies“ schon so ziemlich alles geschrieben worden. Ich habe den Roman vor einiger Zeit nun auch beendet und überlege seitdem, was ich zu dem Buch schreiben könnte. Ja, auch, ob es mir überhaupt gefallen hat. Selten bin ich mir so uneins, und auch das Gelesene nachwirken zu lassen, hat zu keinem klaren Ergebnis geführt. Dabei habe ich von vornherein versucht, nicht zu erwarten, dass „Zum Paradies“ in irgendeiner Form an „Ein wenig Leben“ anknüpfen würde – und ich gehöre zu denen, die das Buch sehr geliebt haben, ja, ich würde sogar so weit gehen, es als eines mehr absoluten Lieblingsbücher zu bezeichnen, auch wenn ich die Kritik an dem Roman in einigen Punkten nachvollziehen kann.

„Zum Paradies“ unterscheidet sich schon allein deshalb vom berühmten Vorgänger, weil der Roman in drei Bücher unterteilt ist, die zumindest auf einer primären inhaltlichen Ebene nichts oder wenig miteinander zu tun haben – abgesehen davon, dass es überall Figuren mit den Namen Charles / Charlie, David und Edward gibt und alle am gleichen Ort spielen, allerdings im Abstand von 100 Jahren: 1893, 1993 und 2093.

Im ersten Teil geht es sehr verkürzt gesagt um eine Liebesgeschichte, um eine Entscheidung zwischen Vernunft und Gefühl, zwischen Sicherheit und Romantik, in einer Welt, in der Homosexualität erlaubt und nicht weiter erwähnenswert ist, (so wie es eigentlich sein sollte), dieser Aspekt, diese geträumte Parallelwelt, die die Autorin hier schafft, hat mir sehr gefallen. Der zweite Teil, am nächsten an unserer Gegenwart, spielt zu der Zeit, in der AIDS viele Opfer forderte, und er bringt außerdem Yanagiharas (Zweit-)Heimat Hawaii ins Spiel. Er erzählt nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern auch eine Vater-Sohn-Geschichte. Der dritte Teil schließlich ist der längste, und er führt uns eine dystopische, eine sich sehr kalt anfühlende Welt, in eine Diktatur. In den Jahrzehnten zuvor hat es einige Pandemien gegeben und die Hauptfigur in diesem Teil, eine junge Frau namens Charlie, leidet noch immer an den Folgen einer dieser Krankheiten. Sie lebt in einer Vernunftehe, die ihr inzwischen verstorbener Großvater für sie arrangiert hat, damit für sie gesorgt ist. Eine Ehe, die zwar von einer Art distanzierten Freundschaft geprägt ist, die aber dennoch sehr wie die Zweckgemeinschaft wirkt, die sie ja auch ist. Arrangierte Ehen sind in dieser Welt normal, und alles im Leben der Protagonist:innen ist bis ins Kleinste geregelt, von den Rationen an Essen, die ihnen zustehen bis zu den erlaubten Duschen, denn Wasser ist inzwischen so knapp, dass es nicht mehr frei zu Verfügung steht.

„Zum Paradies“ zieht gerade im ersten Teil schnell hinein in dieses Universum, in das Leben von Charles, der Hauptfigur, auch wenn die erzählte Geschichte in ihren Grundzügen keine neue ist. Yanagihara kann zweifellos erzählen, sie schafft Figuren, die sehr schnell lebendig werden, mit denen man mitleidet und für die man sich interessiert. Hier wie auch in den anderen Teilen leiden die Figuren, sind sie ein wenig des Lebens müde. Ich habe den ersten Teil gespannt fast am Stück gelesen, während ich mit dem zweiten Teil die meisten Probleme hatte: Meiner Meinung nach wäre hier weniger durchaus mehr gewesen, gerade der sehr lange Brief eines Vaters an den „verlorenen“ Sohn zieht sich doch arg in die Länge. Erstaunlicherweise gefiel mir der dritte Teil dann wieder gut, obwohl ich eigentlich kein Dystopienleser bin und mich diese düsteren Zukunftswelten normalerweise sehr deprimieren. Auch diese Welt ist keine, in der man sich wohlfühlt, vielmehr fühlt man eine latente, immer präsente Bedrohung. Vielleicht liegt es an Charlie, der Hauptfigur  in diesem Teil, dass ich das Leben in diesem Jahr 2093 nicht gänzlich niederschmetternd fand, vielleicht ist es der Wechsel zwischen den verschiedenen Zeiten, denn hier lesen wir neben dem Zeitstrang in den 2090er Jahren noch eine Erzählung, die in den mittleren Jahren des 21. Jahrhunderts spielt. Außerdem gibt die Geschichte hier dann auch das eine oder andere Rätsel auf, teils mit nicht überraschender Auflösung, teils aber auch nicht direkt vorhersehbar.

Alle Teile enden mit den Worten „Zum Paradies“, wobei dieses von den Protagonist:innen ersehnte Paradies für jeden und jede wohl anders aussieht. Die Erzählungen brechen auch teils abrupt ab, und als Leser:in wird man etwas unsanft hinauskatapultiert aus einer Welt, in die man sich schon gut eingelebt hatte.

Immer befinden wir uns in Zeiten des Umbruchs, es gibt so etwas wie eine im Charakter sehr unterschiedliche Umbruchstimmung, und gerade im letzten Teil geht es um sehr aktuelle Themen, um die Rolle der Wissenschaft etwa, während Yanagihara über die Pandemien sicherlich schon geschrieben hat, bevor sie zumindest in diesem Teil von der Wirklichkeit abgeholt wurde. Es geht um den Menschen und seinen Platz in der Welt, um Identität, um das Streben nach Glück, auch, aber nicht nur in romantischen Beziehungen. Querverbindungen zwischen den Teilen muss man selbst entdecken, was generell nicht das Schlechteste ist, auch wenn ich hier teils etwas im Dunkeln getappt bin.

Was also denke ich über „Zum Paradies“? Ich habe den Roman nicht ungern gelesen, wenn es für mich auch weniger Seiten hätten sein dürfen, zumindest im Mittelteil. In der Tat ist das Leseerlebnis ein ganz anderes als beim berühmten Vorgänger, der neue Roman macht es einem generell schwerer, sich komplett in ihn hineinfallen zu lassen. Yanagiharas Lust und ihr Talent, Geschichten zu erzählen und ihre Leser:innen vor allem emotional mitzunehmen, trugen dazu bei, dass mich ihr Roman dennoch mitgerissen hat. So würde ich „Zum Paradies“ letztlich empfehlen, zumindest all denen, die der Umfang des Buchs ebenso wenig abschreckt wie die Aussicht, nicht alles sofort einordnen zu können.

Hanya Yanagihara: Zum Paradies, aus dem Englischen von Stephan Kleiner, Claassen Verlag, 2022, 896 Seiten


3 Gedanken zu “Hanya Yanagihara: Zum Paradies

  1. Guten Sonntagmorgen! Danke für deine Besprechung, mir selbst steht die Lektüre noch bevor. Meine Freundin hat das Buch geschenkt bekommen, es liegt hier, es schaut mich an. Einzig meine Abneigung vor allzu dicken Büchern schreckt noch etwas, denn meistens denke ich im Anschluss oder mittendrin, wie auch bei Filmen mit Überlänge: Das hätte auch kürzer gekonnt. Selten begeistert es mich.

    Du schreibst als Beispiel von Längen, von dem Brief – ließe sich so ein Brief auch übersprungen, überlesen oder muss man sich als Leser tatsächlich alles geben? Danke!

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    1. Hallo und danke für deinen Kommentar! Ob man den Brief überlesen kann… er gehört ja zur Geschichte und ist auch recht lang. Ich denke, dass dann schon was Wichtiges fehlt. Du kannst ja einfach mal reinlesen in den Roman und dann entscheiden.

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