Laura Cwiertnia: Auf der Straße heißen wir anders

Auf der Straße heißen wir andersKarla, eigentlich Karlotta, hat armenische Wurzeln, doch mit ihrer Herkunft hat sie sich bisher kaum bewusst beschäftigt. So hört sie auch vom Volkermord an den Armeniern überhaupt erst in der Schule. Zu Beginn von „Auf der Straße heißen wir anders“ widmet sich Laura Cwiertnia erst einmal Karlas Kindheit und Jugend, später springt die Geschichte wiederum oft hin und her bzw. vor und zurück, allerdings bleiben die Passagen um die Teenagerjahre dann eher für sich stehen.

Nun ist Karlas Großmutter gestorben, Karla ist inzwischen eine junge Frau, die ihren Vater nach der Beerdigung zu einer Reise nach Yerevan überredet, wo sie noch nie und der Vater schon lang nicht mehr war. Die Großmutter hinterließ etwas nebulös den Hinweis auf eine Lilith, und Karla möchte wissen, wer das ist bzw. war.

Wir lesen nun also von der Reise Karlas und ihres Vaters nach Armenien, von ihrer Vater-Tochter-Beziehung, davon, dass Karla in dieser neuen Umgebung auch eine neue Seite an ihrem Vater bemerkt. Zum ersten Mal überhaupt beschäftigt sie sich mit armenischer Geschichte, mit ihrem eigenen Armenischsein, mit der Frage, warum Armenier:innen bei uns ihre Herkunft so oft verschweigen. Sie saugt alles auf, was um sie geschieht und denkt darüber nach, wie es mit ihr in Verbindung steht.

Der Roman begibt sich außerdem auf weitere Zeitebenen, erzählt von den jungen Jahren des Vaters und der Großmutter. Die Geschichte setzt sich so auch immer mit einem Leben in der Fremde auseinander, mit Identitätsfragen, und gleichzeitig ist er eine Familiengeschichte, in der es auch ein Rätsel geben darf.

Ich habe “Auf der Straße heißen wir anders“ gern gelesen, die Geschichte ist leicht zugänglich, die Charaktere sind glaubhaft gezeichnet, die Passagen vor allem in der Gegenwart sehr authentisch geschildert und ein bisschen Spannung wird auch aufgebaut. Trotzdem konnte mich der Roman nicht vollends überzeugen, und bereits ein paar Tage nach Beenden der Lektüre hatte ich das Buch schon zum Teil vergessen. Nicht jeder Roman kann und muss lange nachhallen, und viel Kritik möchte ich an der Geschichte auch gar nicht üben, außer dass ich mir weniger Zeit- und Perspektivwechsel gewünscht hätte, so dass man hier noch etwas mehr in die Tiefe hätte gehen können. „Auf der Straße heißen wir anders“ ist dennoch ein lesenswertes Buch, das zumindest niemals langweilt, auch wenn es mich nicht vollkommen in seinen Bann ziehen konnte.

Laura Cwiernia: Auf der Straße heißen wir anders, Klett-Cotta Verlag, 2022, 240 Seiten


2 Gedanken zu “Laura Cwiertnia: Auf der Straße heißen wir anders

  1. Ging mir ähnlich mit dem Text, Thematisch interessant, sprachlich/formal leider neuere deutsche Literaturroutine, wobei man den Eindruck bekommt, dass Zeitsprünge/Brüche u.ä. eher eingesetzt werden, weil man das halt so macht in modernen Texten, als weil der Stoff es verlangt. Gilt nicht für alle, zB das zurückgehen in der Familiengeschichte passt, aber der Beginn hängt z.B. stark in der Luft. Da werden all diese Beziehungen zu den anderen Teenager-Figuren entwickelt, und dann komplett fallen gelassen. Man hätte doch erwartet, dass wenn solche Akribie auf Teenager-Probleme und Teenager-Freundschaften verwandt wird, das wenigstens zwischendurch oder zum Schluss noch einmal aufgegriffen wird.

    Thematisch starke Erzählung, die jedoch klingt wie viele andere. „Auf der Straße heißen wir anders“ von Laura Cwiertnia.

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, ich hatte deine Rezension auch gelesen und mich darin wiedergefunden. Ich musste auch erstmal graben, weil ich gar nicht so genau sagen konnte, was mir gefehlt hat. Und ich hätte auch gern noch eine wie auch immer gestaltete Fortführung des Beginns gelesen.

      Gefällt 1 Person

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.