Das Debüt 2021 – Bloggerpreis für Literatur – Meine Entscheidung

Zum dritten Mal war ich im letzten Jahr mit dabei in der Bloggerjury für den Debütpreis, den der Gemeinschaftsblog Das Debüt seit 2016 vergibt. Die drei Initiatorinnen Janine Hasse, Sarah Jäger und Dr. Bozena Badura sichten im Vorfeld jeweils die eingereichten Romane und erstellen eine Shortlist, durch die wir Blogger:innen uns dann lesen und Punkte vergeben: Drei für unseren Favoriten, zwei für unseren zweiten und einen für den dritten Platz. Zwei Bücher gehen also leer aus.

Wie schon in den letzten beiden Jahren war die Shortlist eine Mischung aus bekannteren Debüts wie „Adas Raum“ und „Die Aufdrängung“ und Romanen, die allgemein weniger präsent waren, wobei der einzige Roman, von dem ich noch gar nichts gehört hatte, Thomas Arzts „Die Gegenstimme“ war. In den letzten beiden Jahren stand mein Favorit jeweils sehr schnell fest und auch die weitere Punkteverteilung war mir früh klar, dieses Jahr konnte ich zum ersten Mal keinen ganz klaren persönlichen Siegertitel ausmachen. Keiner der Romane fiel klar heraus, es drängte sich aber auch keiner direkt für den ersten Platz auf, so dass die Punkteverteilung diesmal schwieriger für mich war als in den letzten beiden Jahren. Letztlich und auch mit etwas Abstand zur Lektüre komme ich folgende Punkteverteilung:

MamaAuf dem ersten Platz mit fünf Punkten landet bei mir „Mama“ von Jessica Lind. Der Roman hat mich auch nach der Lektüre noch von allen Debüts am längsten beschäftigt, und er hat mich während der Lektüre überrascht, da sich die Geschichte in eine völlig andere Richtung bewegt, als man zuerst annimmt. Während alles konkret beginnt mit einem jungen Paar, das sich ein Kind wünscht, wird die Geschichte dann plötzlich surreal, alles verschiebt sich, erscheint bedrohlich. Man tappt im Dunkeln und liest immer faszinierter weiter. Gekonnt spielt Lind dabei mit verschiedenen Elementen, bemüht romantische Topoi wie den einsamen Wanderer, den Luise immer wieder sieht, erzählt von Einsamkeit und Isolation, was bei mir kurz die Assoziation zu Marlen Haushofers „Die Wand“ geweckt hat. Dabei geht es um die allumfassende Erfahrung der Mutterschaft, um das Überwältige, Beängstigende, aber in „Mama“ stecken viele Deutungsmöglichkeiten. Der Roman ist gekonnt konstruiert, und Jessica Lind findet Möglichkeiten, sich einem Thema, das in den letzten Jahren vermehrt literarisch bearbeitet wird, noch einmal auf ganz andere Weise zu nähern. Sie blendet stets an den richtigen Stellen ab, erweckt ein wohl dosiertes Unwohlsein beim Lesen und lässt nicht los, bis die letzte Seite gelesen ist.

Die AufdrängungAriane Koch hat mit „Die Aufdrängung“ bereits den Aspekte Literaturpreis gewonnen und der Roman war der einzige auf der Shortlist, den ich schon vor ihrer Bekanntgabe unbedingt lesen wollte. „Die Aufdrängung“ ist mein Platz 2 und erhält 3 Punkte. Die Lektüre war dann tatsächlich herausfordernd, da die Geschichte sehr unkonkret ist. Die junge Ich-Erzählerin nimmt einen Gast bei sich zu Hause auf, der sich bei ihr einnistet, sich aufdrängt, der die Gestalt zu ändern scheint, der schlicht kaum zu fassen ist. Das gilt für den ganzen Roman: Weder die Erzählerin, noch die anderen Bewohner des Dorfs scheinen wirklich greifbar, zudem ist man als Leser:in hier ziemlich auf sich selbst gestellt. Koch verbindet, was eigentlich nicht zusammengehört, streut absurde Episoden ein, oft blitzt ein leiser Humor durch. Obwohl es mir „Die Aufdrängung“ wirklich nicht leicht gemacht hat und ich oft verwirrt war, konnte ich mich dem Roman nicht entziehen. Eine eigenwillige Annäherung an das Fremde, das einbricht in das Eigene, ein Roman, der mehr Fragen stellt als beantwortet und von seiner außergewöhnlichen Sprache lebt.

Die GegenstimmePlatz 3 und somit einen Punkt vergebe ich an „Die Gegenstimme“. Thomas Arzt führt uns in ein österreichisches Dorf im Jahr 1938. Der Student Karl kommt in sein Heimatdorf, wo über den Anschluss an Hitlerdeutschland abgestimmt wird. Karl will die einzige Gegenstimme abgeben, ganz zum Missfallen der anderen Dorfbewohner. Arzt schildert die Reaktion dieser anderen auf den Abweichler und fängt die aufgeladene Stimmung im Dorf gekonnt ein. Durch einen österreichischen Dialekt, der dem Roman viel Lokalkolorit verleiht, erhält man einen guten Eindruck der Stimmung im Dorf, „Die Gegenstimme“ ist ein stark atmosphärischer Roman. Fast überflüssig zu sagen, dass er mit seinen Themen der schleichenden Radikalisierung, dem Mitläufertum, der Schwierigkeit des Widerstands auch eine aktuelle Geschichte erzählt.

Adas Raum1

Junge mit schwarzem HahnOhne Punkte verbleiben bei mir „Adas Raum“ von Sharon Dodua Otoo und „Junge mit schwarzem Hahn“ von Stefanie vor Schulte. Vor Schultes Märchen empfinde ich in sofern gelungen, als der Roman genau das ist, was er sein möchte, jedoch hat er bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. „Adas Raum“ ist sehr ambitioniert, hier steht der Inhalt aber meiner Meinung zu sehr hinter der Form zurück und verliert so auf ihre Kosten. Beide Romane habe ich gern gelesen, doch sind die anderen im Vergleich für mich die stärkeren Texte.


3 Gedanken zu “Das Debüt 2021 – Bloggerpreis für Literatur – Meine Entscheidung

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.