Kenneth Bonert: Toronto. Was uns durch die Nacht trägt

TorontoKenneth Bonert kenne ich von seinem Roman „Der Anfang einer Zukunft“, in dem er recht ambitioniert eine Geschichte aus Südafrika in den 80er Jahren erzählt. Ein Buch von über 600 Seiten, das ich zwar als etwas zu lang empfand, ich aber in guter Erinnerung hatte, gut genug, um sein neu erschienenes Buch zu lesen. „Toronto. Was uns durch die Nacht trägt“ ist kein Roman, sondern ein Band mit vier Geschichten, die allesamt in der kanadischen Stadt spielen.

„Familienangelegenheiten“ erzählt von einer Frau im mittleren Alter, die mit ihrem jugendlichen Sohn zusammen in einem Haus wohnt, dessen Obergeschoss seit einiger Zeit unbewohnt ist. Warum das so ist, das erfahren wir erst im Laufe der Geschichte. Etwas widerwillig vermietet sie die leerstehenden Räume an einen jungen Künstler. Zunächst ist ihr die Anwesenheit eines Fremden im Haus unangenehm, dann aber beginnt der Untermieter, eine unbestimmte Faszination auf sie auszuüben, und die beiden nähern sich an.

In „Berührung“ geht es um einen Mann Anfang 50, der schon lange verheiratet ist und eigentlich mit seinem Leben zufrieden war, bis eine einzige Umarmung mit einer jungen Kollegin in ihm die Sehnsucht nach Körperkontakt auslöst und darin mündet, dass er schließlich ein Doppelleben beginnt. Auch wenn es kein ganz klassischer Betrug ist, so reicht er doch aus, um seine Ehe in Gefahr zu bringen.

In der dritten Erzählung „Das Paradies“ geht es um eine junge Frau, die zusammen mit ihrem Partner ein Haus kauft. Sie glaubt, dass dieses Haus das ist, was sie benötigt, um dauerhaft glücklich zu werden, bis sie feststellt, dass es nur deshalb so billig zu haben war, weil es an einer lauten Hauptverkehrsstraße liegt. Der Lärm ist zermürbend für sie, während ihr Partner, aus anderen Verhältnissen und einer anderen Kultur stammend, kein Problem mit ihm hat. Sie versucht zu erreichen, dass ihre Straße in eine Einbahnstraße umgewandelt wird und verbeißt sich nahezu in dieses Vorhaben.

In der letzten Erzählung schließlich, „Willkommen im Eishotel“ lesen wir von Blake, einem Mann Ende 20, der nach einer unerwarteten Erbschaft eigentlich nichts weiter tut als zu umherzureisen und Frauen zu daten, die er über Apps kennenlernt. Bei einer dieser Verabredungen lernt eine Frau kennen, die ihn äußerlich eigentlich eher abstößt, und die außerdem in einer total vermüllten Wohnung lebt, was ihn einerseits abschreckt. Andererseits zieht es ihn immer wieder zurück zu ihr, auch wenn er ihr immer wieder einbläut, dass sie keine feste Beziehung haben, sondern dass sie nur Sex verbindet.

Ich bin die Lektüre von „Toronto“ mit falschen Erwartungen angegangen, da der Klappentext meiner Meinung nach das Buch nicht ganz richtig einfängt. Es heißt dort, die Geschichten seien miteinander verschlungen, jedoch sind die Verbindungen untereinander wenn überhaupt sehr vage (oder mir entgangen). Die Erzählungen haben ohne Zweifel Gemeinsamkeiten, stehen aber doch sehr für sich. Auch geht es im Buch nicht nur um Millennials wie angekündigt, was es aber für mich eher bereichert hat, da es eben nicht nur von einer speziellen Gruppe erzählt, sondern von sehr unterschiedlichen Menschen.

Ich habe „Toronto“ aber sehr gern gelesen, denn Kenneth Bonert ist ein unheimlich guter Erzähler. Bei jeder neuen Geschichte hat es nur wenige Zeilen gedauert, bis ich total drin war in einem neuen Kosmos und ich das Gefühl hatte, die Protagonist:innen schon lange zu kennen. Auch sprachlich hat mir das Buch sehr gefallen, meist ist es eher einfach gehalten, doch diese Nüchternheit wird von Zeit zu Zeit durchbrochen von sehr gelungenen Vergleichen und Bildern. So hatte das Buch auf mich eine starke Sogkraft.

Das Buch lebt von seinen Figuren, und obwohl Bonert ihnen allen hässliche Seiten verleiht, sie sich moralisch nicht gerade mit Ruhm bekleckern, obwohl man teils eine Abneigung gegen sie entwickelt, so schafft es der Autor doch, dass man gefesselt ist vom Geschehen, dass man Sympathien entwickelt für diese Figuren. Alle Geschichten sind Liebesgeschichten, und zwar durchaus komplizierte. In die Leben der Protagonist:innen treten andere, mit denen sie nicht unbedingt gerechnet haben und sie bringen etwas ins Wanken. Und ja, es treten durchaus auch einige der besagten Millennials auf, Leute um die 30, aufgewachsen mit einem immer verfügbaren Internet, oftmals ausgestattet mit einer Unfähigkeit oder doch zumindest Unschlüssigkeit, erwachsen zu werden.

So lässt jede der Geschichten zumindest kurz in einen Abgrund blicken. Gekonnt wirft der Autor seine Figuren aus der Bahn und zeigt, wie andere Menschen oft unerwartet in ein mal mehr, mal weniger gefestigtes Leben hineinbrechen und es ordentlich durchrütteln. Bonert überlässt es seinen Leser:innen, eigene Schlüsse zu ziehen.

.Kenneth Bonert: Toronto. Was uns durch die Nacht trägt, aus dem Kanadischen von Stefanie Schäfer, Diogenes Verlag, 2021, 256 Seiten