Sofi Oksanen: Hundepark

HundeparkFür reiche Europäerinnen mit unerfülltem Kinderwunsch (und einer gewissen Skrupellosigkeit) gibt es einige Möglichkeiten. Neben Adoption und künstlicher Befruchtung ist es mit dem nötigen Kleingeld ein Leichtes, sich in Osteuropa gespendete Eizellen zu besorgen oder gleich eine Leihmutter zu engagieren. Sofi Oksanen lotet in ihrem Roman „Hundepark“ überzeugend aus, wie groß hier das Potential für kriminelle Geschäfte ist, wie viel Geld damit zu machen ist und welche Folgen die Machenschaften dieser Kinderwunschindustrie für die Frauen haben, die ihren Körper zur Verfügung stellen. Oft kommen sie aus so armen Verhältnissen, dass sie keine andere Möglichkeit sehen, als sich ausbeuten zu lassen. Das große Geld und das glückliche Leben, das man ihnen verspricht, wird in den meisten Fällen ausbleiben. Für die Geschäftemacher sind sie nur so lange von Wert, wie mit ihnen Profit zu machen ist.

Ich-Erzählerin in Oksanens Roman ist Olenka. Die Geschichte beginnt 2016, als sie, die ein zurückgezogenes Leben führt, in einem Hundepark in Helsinki plötzlich auf eine Frau trifft, die sie von früher kennt und die sie eigentlich hoffte, nie mehr wiederzusehen. Als Leser:innen erfahren wir erst einmal nicht, welche Geschichte die beiden verbindet, doch von vornherein ist klar, dass das Auftauchen von Daria für Olenka eine Bedrohung darstellt und auch, dass Olenka sich versteckt, wegen etwas, das in ihrer Vergangenheit passiert ist.

In weiteren Kapiteln geht Olenka dann zurück, teils in ihre Kindheit in der Ukraine, teils in die Zeit, die entscheidend werden sollte für ihr späteres Leben. Olenka war zunächst „Spenderin“, wie es da immer durchaus verharmlosend heißt, wobei über die Einzelheiten die meiste Zeit schnell hinweggegangen wird. Olenka stieg aber später von der „einfachen“ Spenderin in die „Chefetage“ der Firma auf, wurde so etwas wie die rechte Hand der Chefin und suchte nun selbst neue junge Frauen aus. Diese wies sie dann mit einer Strenge in ihren Job ein, die verdeutlichte, dass sie einerseits zwar Vorzüge genießen würden und wichtig für die Firma waren, sich andererseits aber auch an die Regeln zu halten hatten und Verstöße gegen die Vereinbarungen nicht toleriert werden würden.

Der Roman verdeutlicht überzeugend, wie der weibliche Körper hier ausgebeutet wird, er zeigt auf, wie viel kriminelle Energie und Skrupellosigkeit an den Tag gelegt wird und dass die Beteiligten zum Teil sehr weit gehen, um ihr sehr rentables Geschäft am Laufen zu halten. Übrigens nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen, denn es ist eine Frau, die die Firma leitet. Olenka selbst ist, so wird es im Laufe der Geschichte immer deutlicher, Opfer und Täterin zugleich.

Sowieso ist sie eine Protagonistin, die einen nicht zu nah an sich heranlässt, was nicht nur für die anderen Figuren in „Hundepark“ gilt, sondern auch für uns Leser:innen. Es fällt schwer, sich mit ihr zu identifizieren, obwohl uns eigentlich immer klar ist, dass sie ein Resultat der Umstände ist. Olenka ist hart und gnadenlos zu den jungen Frauen, die sie als Eizellenspenderin oder Leihmutter auswählt und ihr Job steht klar an erster Stelle. Sie braucht diese Skrupellosigkeit, um zu überleben, doch sie kann nicht vergessen, dass es da draußen ein Kind gibt, ein leibliches Kind, das sie nie kennenlernen soll.

Immer wieder spricht Olenka ein „Du“ an, das erst einmal nicht einzuordnen ist. Mit der Zeit wird klar, um wen es sich dabei handelt und welcher Vergangenheit, welchen Versprechungen einer anderen Zukunft, sie noch immer hinterher trauert. Woran dies scheiterte und wieso Olenka sich eigentlich versteckt, das soll hier nicht verraten werden.

Wenn ich etwas an diesem ansonsten packenden und auch erschütternden Roman auszusetzen habe, dann, dass Oksanen sehr oft Dinge andeutet, aber dann eben doch noch nichts Neues preisgibt, sondern es bei den immer gleichen Andeutungen bleibt. Das mag die Spannung aufrecht halten, mich stört es deshalb, weil es den Roman nicht voranbringt, sondern immer wieder nur herauszögert. Als zweites scheint es mir nicht unbedingt nötig, die Geschichte unchronologisch zu erzählen. Sie birgt so viel Potential, dass es diese Instrumente, die uns fesseln sollen, gar nicht benötigt. Auch macht Oksanen es ihren Leser:innen damit schwerer als nötig, denn man muss schon aufpassen, in dem Hin und Her nicht den Faden zu verlieren.

Das beides ist aber Kritik auf hohem Niveau, denn „Hundepark“ hat mich sehr mitgerissen und bestürzt. Sofi Oksanen legt überzeugend dar, wie skrupellos und mit wie viel krimineller Energie Frauen ausgebeutet werden und ihre prekäre Lage ausgenutzt wird. Es ist außerdem ein Roman über das heutige Europa und das Gefälle zwischen Ost und West, über die unterschiedlichen Voraussetzungen je nachdem, wo man zufällig geboren wurde. Ein Roman, der mich auch nach Beenden der Lektüre noch beschäftigt, ein erbarmungsloses und wichtiges Buch.

Sofi Oksanen: Hundepark, aus dem Finnischen von Angela Plöger, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2022, 480 Seiten