Sylvia Wage: Grund

GrundDer Vater liegt tot auf dem Grund des Brunnens. Erzählt wird uns das von einem erwachsenen mittleren Geschwisterkind, von dem wir weder den Namen noch das Geschlecht im Laufe des Romans erfahren. Diese Erzählfigur ruft dann erst einmal die beiden Schwestern herbei, die nichts davon ahnten, dass er / sie den Vater jahrelang auf dem Grund des Brunnens im Keller gefangengehalten hat.

Mit Elli und Thea, berät er / sie nun darüber, was mit der Leiche des Vaters zu tun ist. Wie sollen sie sie loswerden? Zwischendurch springt die Erzählung immer wieder zurück in die Vergangenheit, zu einem Leben mit dem gewalttätigen und manipulativen Vater und zur trinkenden Mutter, die ihre Kinder nicht vor dem Vater schützen kann oder will. Es ist eine traumatische Kindheit, und die Geschwister haben ihre eigenen Strategien entwickelt, um sie irgendwie duchzustehen.

Wir Leser:innen wissen eigentlich nie, was von dem Erzählten wahr und was gelogen ist, denn diese Erzählfigur ist hochgradig unzuverlässig. Gleichzeitig ist das aber interessanterweise gar nicht so wichtig, nicht zuletzt, weil die Autorin die Spannung durchgehend hochhält. Vor allem findet sie einen ganz eigenen Ton, der immer irgendwo zwischen Komik und Tragik pendelt, so dass das Gelesene auf seltsame Art weniger erschüttert als es objektiv betrachtet eigentlich müsste.

So bleibt alles durchweg unklar und verworren und man kann sich einfach nicht vorstellen, wie die Autorin diese Geschichte wohl zu Ende führen wird, sehnt das Ende aber gleichzeitig herbei. Immer wieder überrascht Wage, erwischt einen mit treffenden Formulierungen, wird das alles ungeheuer böse und gleichzeitig sehr absurd. „Grund“ liest sich in kürzester Zeit, und man kann das Buch kaum weglegen, bis man am Ende angekommen ist. Mit dem Roman gewann Sylvia Wage 2020 den Blogbuster-Preis und das völlig verdient.

Sylvia Wage: Grund, Eichborn Verlag, 2021, 176 Seiten