Weiterleben – Maria Tumarkin: Gewissheiten

GewissheitenSeit dem letzten Jahr und mehr noch in diesem habe ich mich ab und zu mit Essaybänden beschäftigt, Abwechslung vom Fiktionalen gesucht, über Gedanken grob gesagt zur Welt, zu uns Menschen gelesen, über das, was gerade die drängenden Themen sind. In Maria Tumarkins „Gewissheiten“ geht es nun weniger direkt um die ganz aktuellen Debatten, doch natürlich spielen sie mit hinein in ihre Texte.

Tumarkin hat ganz Australien bereist und Menschen getroffen, die ihr von ihrem Schicksal berichtet haben, davon, wie sie mit dem, was ihnen geschehen ist, umgegangen sind, was sie gelernt haben und ihnen geholfen hat. Der Band besteht aus fünf unterschiedlich langen Texten, und wollte man einen Oberbegriff dafür finden, könnte es so etwas sein wie die Frage, wie Vergangenes unser Leben beeinflusst, wobei damit sowohl die eigene persönliche Vergangenheit gemeint ist als auch eine generelle, eine Vergangenheit, die man erbt, wenn es zum Beispiel um die Nachkommen von Holocaust-Überlebenden und ihren Umgang mit dem Geschehenen gegen Ende des Bandes geht.

Zu Beginn von „Gewissheiten“ lesen wir von jungen Erwachsenen, die ein Geschwisterteil durch Suizid verloren haben. Tumarkin lässt sie berichten, wie sie diesen schlimmen Schlag in jungen Jahren erlebt haben, was sie durchlitten und wie sie schließlich lernten, mit dem Verlust umzugehen. Ich empfand diesen ersten Essay als sehr eindrücklich, die Autorin lässt uns Leser:innen sehr nah heran an diese Menschen, macht ihre Erfahrungen so nacherlebbar, wie es in der Rolle des Außenstehenden und Leser aus der Distanz eben möglich ist.

Ähnlich eindringlich habe ich den zweiten Essay empfunden, in dem es um eine Großmutter geht, die ihren Enkel entführt und vor seinen Eltern versteckt hat. Eine Geschichte, in der die Aufteilung von Gut und Böse zunächst sehr klar zu sein scheint, man bald jedoch feststellt, dass die Dinge hier anders liegen, als es zuerst aussah.

Mir bleiben die ersten beiden Essays in Tumarkins Buch in besserer, in konkreterer Erinnerung als der Rest, was vermutlich einerseits mit den Themen zusammenhängt, die greifbarer sind, als in den späteren Texten im Buch, die sich weniger auf Einzelschicksale konzentrieren, sondern eher breitgefächert und vielstimmiger berichten, vor allem über das besagte Erben einer Vergangenheit bei Nachkommen von Holocaust-Überlebenden. Andererseits hatte ich aber auch meine Probleme mit Tumarkins Stil bzw. mit häufigen kleinen Themensprüngen und Auslassungen, mit einem ständigen Hin und Her zwischen den Menschen, über die sie berichtet, mit einer Sprunghaftigkeit, die mich oftmals leicht irritiert und aus dem Lesefluss gebracht hat bzw. hat zurückgehen lassen im Text, um nachzuvollziehen, auf wen oder was sie sich gerade bezieht. Mag sein, dass das eine subjektive Unzulänglichkeit meinerseits ist, mag sein, dass der Stil der Autorin mir einfach nicht zusagt.

So bleibt mir zu sagen, dass Maria Tumarkin sich zweifellos wichtigen Themen annimmt und die Menschen, die sie getroffen hat, stets in den Vordergrund stellt und sich selbst zurücknimmt. Mich haben sie zwar nicht in dem Maße erreicht und berührt, wie ich es mir gewünscht hätte, aber wer mit Tumarkins Stil besser zurechtkommt als ich, der könnte den Band sicherlich mit mehr Gewinn lesen, tiefer eintauchen in ihre Texte, als es bei mir leider der Fall war.

Maria Tumarkin: Gewissheiten, aus dem Englischen von Claudia Volt, Hanser Berlin Verlag, 2021, 256 Seiten