Mutterschaft, surreal – Jessica Lind: Mama

MamaNach „Junge mit schwarzem Hahn“ von Stefanie vor Schulte ist „Mama“ von Jessica Lind der zweite Roman, den ich für den Debütpreis gelesen habe (eigentlich der dritte, denn „Adas Raum“ von Sharon Dodua Otoo hatte ich bereits bei Erscheinen gelesen). Auch hier galt, dass das Buch mir sehr oft begegnet ist, dass ich es aber ebenfalls nicht auf meiner persönlichen Leseliste hatte. Und auch hier kann ich sagen, dass ich die Lektüre nicht bereut habe. Interessanterweise hat auch „Mama“ eine surreale Ebene, wie es auch bei „Junge mit schwarzem Hahn“ der Fall ist, wobei sich die Romane davon abgesehen sehr unterscheiden.

Erzählt wird die Geschichte von Amira. Sie ist schon lange mit Josef zusammen, und die beiden wünschen sich ein Kind. Zu Beginn des Romans fahren sie für ein paar Tage in eine Hütte im Wald, die Josefs Familie gehört. Amira ist fixiert auf ihren Zyklus und ihren Kinderwunsch, Josef scheint abwesend, was auch damit zusammenhängt, dass die Hütte für ihn mit einem schlimmen Erlebnis in seiner Kindheit zusammenhängt. Bevor das alles allerdings vollends zu einer Geschichte um Sex nach Plan und Kinderwunschbehandlung werden kann, wonach es kurz aussieht, gibt es einen Zeitsprung und wir befinden uns wieder in der Hütte, allerdings ist Amira inzwischen hochschwanger und der Kurztrip soll für die werdenden Eltern die letzte Möglichkeit darstellen, Zeit zu zweit zu verbringen.

Allzu viel sollte man eigentlich nicht verraten zum Plot dieses Romans, der sich in kurzer Zeit lesen lässt, der aber in seiner Reduziertheit wiederum sehr gut funktioniert und bald einen Sog entwickelt. Alles beginnt realistisch und konkret, doch erst nur in Nuancen, später dann immer deutlicher verschiebt sich alles, erscheint es surreal, schließlich bedrohlich. Als Leser:in tappt man dabei im Dunkeln und ist gleichermaßen fasziniert, denn Lind erzählt ungeheuer spannend, wie sich zunächst die Dynamik zwischen Amira und Josef verändert, als Luise schließlich geboren ist. Nach einem weiteren Zeitsprung ist Luise dann schon ein Kleinkind, das nicht nur Amiras Leben komplett verändert sondern auch Amira selbst.

Es geht um Mutterschaft, darum, wie allumfassend diese Erfahrung ist, wie groß das Bedürfnis Amiras, Luise zu beschützen, wie einnehmend aber auch das Gefühl der Überforderung, wie überwältigend der Druck unter den Erwartungen von außen. Durch die phantastische Ebene bekommt all das noch einmal mehr Gewicht, ändert sich der Blickwinkel, wird auch transportiert, wofür es vielleicht keine klaren Worte gibt.

Gekonnt spielt Lind dabei mit verschiedenen Elementen, bemüht romantische Topoi wie den einsamen Wanderer, den Luise immer wieder sieht, erzählt von Einsamkeit und Isolation, was bei mir kurz die Assoziation zu Marlen Haushofers „Die Wand“ geweckt hat. Eine Hündin taucht immer wieder auf und wird zur Bedrohung und man hat das Gefühl, gnadenlos auf etwas nicht Greifbares zuzulaufen.

Die ganze Geschichte spielt in der Hütte und in ihrer nahen Umgebung, niemals sind wir im Alltag von Amira und Josef, in der Wohnung in Wien, immer nur in der Einsamkeit, wo Amira auf sich selbst zurückgeworfen ist. Wir bleiben in dieser surrealen Welt, immer mit der Frage im Kopf, wie diese Geschichte denn nur zu Ende gehen soll. „Mama“ ist gekonnt konstruiert, blendet stets an den richtigen Stellen ab, erweckt ein wohl dosiertes Unwohlsein beim Lesen und lässt nicht los, bis die letzte Seite gelesen ist.

Jessica Lind: Mama, Verlag Kremayr & Scheriau, 2021, 192 Seiten


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