Gut in einer düsteren Welt – Stefanie vor Schulte: Junge mit schwarzem Hahn

Junge mit schwarzem HahnZum dritten Mal bin ich in diesem Jahr in der Jury des Bloggerpreises „Das Debüt“. Die Initiatorinnen und Betreiberinnen des Blogs lesen sich dabei durch die von den Verlagen eingereichten Debüts, in diesem Jahr waren das 93 Titel, und stellen eine Shortlist aus fünf Titeln zusammen, durch die wir Blogger:innen uns dann lesen und Punkte verteilen, woraus sich am Ende dann ein Sieger oder eine Siegerin ergibt. Diese Shortlist ist jedes Jahr wieder spannend und für mich meist zumindest teilweise überraschend, denn es finden sich dort immer neben bereits bekannten und viel besprochenen Büchern auch unbekannte Titel oder zumindest solche, mit denen ich nicht gerechnet hätte. Ich lasse mich bei meiner Lektüreauswahl außerdem immer stark von einem subjektiven und sehr aus dem Bauch kommenden Gefühl von „das spricht mich an“ leiten und bin hier dann gezwungen, auch Romane zu lesen, die ich mir nicht unbedingt ausgesucht hätte. So entdecke ich aber auch das eine oder andere Buch, das zu verpassen schade gewesen wäre.

„Junge mit schwarzem Hahn“ von Stefanie vor Schulte ist so ein Titel. Das Buch ist mir in den letzten Wochen immer wieder begegnet und wurde meist positiv besprochen, doch auf meiner Leseliste ist es nicht gelandet. Verpasst hätte ich einen in sich schlüssigen Roman, der gut zu lesen ist und einhält, was er verspricht.

Wir befinden uns in einer düsteren und rauen Welt, Ort und Zeit sind nicht näher beziffert, alles atmet Mittelalter. Der titelgebende Junge, Martin heißt er, stellt neben all dem Schlechten, neben der Abgestumpftheit vieler seiner Zeitgenossen, für die Gewalt etwas ganz Normales ist, eine Ausnahme dar, denn er ist grundgut. Martin hat keine Familie mehr. Sein Vater hat sie alle, erst die Mutter und die Geschwister, und dann sich selbst umgebracht. Einziger Gefährte Martins ist ein schwarzer Hahn, und zwar einer, der außerdem spricht.

Den anderen im Dorf ist Martin suspekt, seine Reinheit und Güte, seine Geradlinigkeit, das verstehen sie einfach nicht. Und Martin begibt sich schließlich auf eine Mission, die eigentlich zum Scheitern verurteilt ist: Immer wieder tauchen wie aus dem Nichts schwarze Reiter auf, die kleine Kinder stehlen und mit ihnen verschwinden. Niemand weiß, wer sie sind und wohin sie sie mitnehmen. Nachdem Martin einmal selbst Zeuge einer solchen Entführung wird, setzt er sich in den Kopf, das Rätsel um diese Kinder zu lösen und die Kinder zurückzubringen.

„Junge mit schwarzem Hahn“ ist ein Märchen und als solches sollte man es auch lesen. Die Figuren werden somit nicht genauer charakterisiert, sondern stehen für das Gute oder Böse, die eine oder die andere Seite, und natürlich ist das alles etwas schwarzweiß. Nebenbei geht es um Werte wie Freundschaft, Hilfsbereitschaft, Mut und letztlich um den Sieg gegen das Böse. Stefanie vor Schulte erzählt das in einfacher, aber präziser Sprache, der zu einem gelungenen Sound wird, manchmal auch unerwartet durchbrochen im Rhythmus.

„Junge mit schwarzem Hahn“ ist ein gelungenes Debüt, das von einem Einzelgänger erzählt, der den Mut aufbringt, gegen das personifizierte Böse anzukämpfen, beschützt von einem sprechenden Tier, in einer rauen Welt, die sehr explizit und plastisch beim Lesen Gestalt annimmt, obwohl sie wenig konkret beschrieben wird. Ein Roman, durchaus anders als erwartet, der mich aber noch einige Tage nach Beenden der Lektüre beschäftigt hat, was sicher ein gutes Zeichen ist.

Stefanie vor Schulte: Junge mit schwarzem Hahn, Diogenes Verlag, 2021, 224 Seiten


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