Unwillkommene Rückkehr – Kent Haruf: Ein Sohn der Stadt

Ein Sohn der StadtIch mag die Romane des 2014 verstorbenen amerikanischen Schriftstellers Kent Haruf sehr. Nach „Lied der Weite“, „Abendrot“ und „Kostbare Tage“ ist „Ein Sohn der Stadt“ das vierte Buch des Autors, das ich gelesen habe.

Alle Romane Harufs spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt, so auch „Ein Sohn der Stadt“, im Original bereits 1990 erschienen. Es wird die Geschichte von Jack Burdette erzählt, der nach acht Jahren zurückkehrt in seine Heimatstadt, nachdem er sich unerwartet regelrecht aus dem Staub gemacht hatte. Viele der Einwohner sind alles andere als gut auf ihn zu sprechen, denn Burdette war gegangen, nicht ohne sich an ihnen zu bereichern, sie zu betrügen und ihr Vertrauen auszunutzen. So gibt es denn auch niemanden, der sich über seine Rückkehr freut und ihn mit offenen Armen empfängt.

Haruf lässt Jacks alten Jugendfreund Pat die Geschichte erzählen. Als Jugendlicher war Jack ein beliebter Sportler, der sich aber auch schon da hauptsächlich für sich selbst interessierte. Nebenher feierte er viel und hielt über Jahre seine Freundin hin, die ihm treu ergeben war, ihm hinterher räumte und alles für ihn tat in der Hoffnung auf einen Heiratsantrag. Stattdessen heiratete er ganz plötzlich eine andere und noch dazu eine von „außerhalb“, was die Einwohner Holts zunächst einmal misstrauisch machte.

Als Jack dann verschwand, war es eben diese Frau, die er mit den zwei gemeinsamen Kindern zurückließ, die für Jacks kriminelle Taten büßen musste und auf die sich alle in ihrem Hass auf Jack stürzten. Irgendwann kehrte Ruhe ein. Pat erzählt all dies und nebenbei auch seine eigene Geschichte. Er ist Herausgeber des Holter Wochenblatts, unglücklich verheiratet und später geschieden: Jacks Frau und er kommen sich schließlich näher und werden ein Paar und vielleicht könnte alles gut werden. Doch dann kehrt Jack zurück.

Anders als in den von mir bisher gelesenen Romanen Harufs konzentriert sich „Ein Sohn der Stadt“ auf ein kleineres Figurenensemble, nämlich hauptsächlich auf Jack, Pat und deren unmittelbares Umfeld. Der Blick ist somit eingeengter, wenn es ihm auch gelingt, das Leben in Holt dennoch gekonnt einzufangen. Jack ist kein Sympathieträger und auch sonst ist das Identifikationspotential hier niedriger als ich es sonst von Haruf gewöhnt bin. „Ein Sohn der Stadt“ entstand früher als die anderen genannten Bücher und ich habe den Eindruck, dass Haruf hier noch nicht sein volles Können erreicht hat. Seine stilistische Brillanz, seine einfache, klare und in ihrer ganzen Behutsamkeit so starke Sprache, ich finde sie hier, jedoch noch nicht in dem Maße wie in „Lieder der Weite“ und „Abendrot“.

Ich habe auch Jack als Figur nicht so interessant empfunden, dass es durch den gesamten Roman getragen hätte, und ab und zu hatte ich das Gefühl, deutlich zu spüren, dass ich einen Roman lese, der 30 Jahre auf dem Buckel hat, so unangenehm klingt es in meinen Ohren, wie da zum Beispiel manchmal über Frauen geredet wird. Harufs typische Menschenfreundlichkeit, das angenehm Umschmiegende, das ich an seinen Romanen so mag, findet sich hier weniger, passt aber auch weniger zu dieser Geschichte.

Als Geschichte darüber, wie ein Einzelner eine ganze Kleinstadt unter seiner Fuchtel hat, wie es ihm, dem die anderen doch eigentlich egal sind, gelingt, sich in kürzester Zeit wieder in ihr Leben zu schleichen und mühelos seine Macht auszuspielen, ist der Roman gelungen. Niemanden scheint Jacks Rückkehr kalt zu lassen. Als Leser:in geht es einem da ganz genauso.

Kent Haruf: Ein Sohn der Stadt, aus dem Amerikanischen von pociao und Roberto de Hollanda, Diogenes Verlag, 2021, 288 Seiten