Die Macht einer Geschichte – Kate Reed Petty: True Story

True Story„True Story“ – was für ein passender Titel für diesen Roman, der enorm gut konzipiert ist, der umso mehr fesselt, je weiter man mit der Lektüre fortgeschritten ist. Denn dieses „True Story“ – man könnte Trotz hineinlesen, man könnte misstrauisch werden ob dieser so kurzen und knackigen Behauptung, dass wir genau dies hier zu lesen bekommen: Die wahre Geschichte. Denn das ist gar nicht so einfach. Was ist schließlich die wahre Geschichte? Und wer hat eigentlich die Deutungshoheit über sie?

Es ist 1999 und das letzte Highschooljahr für die Spieler vom Lacrosse-Team. Es werden viele Partys gefeiert, die Jungs fühlen sich cool und überlegen, zumindest ist es das, was sie nach außen zeigen. Innen sieht das teils anders aus, aber man hat einen Ruf zu verlieren, und so brüstet man sich mit seinen sexuellen Erfahrungen – auch wenn klar ist, dass die Geschichten teils erlogen sind. Nach einer dieser „legendären Partys“ fahren Max und Richard, zwei der Spieler aus dem Team, Alice, ein „Mädchen von der Privatschule“ nach Hause. Sie ist betrunken, wird sich später an nichts erinnern, doch die Jungs brüsten sich hinterher mit dem, was sie mit ihr gemacht haben. Das Ganze beginnt hohe Wellen zu schlagen, es wird ermittelt, doch schließlich wollen sie sich den Hergang des Geschehens dann doch nur ausgedacht haben. Irgendwann gerät die Geschichte in Vergessenheit. Alice jedoch wird dieser Abend verfolgen, die Ungewissheit darüber, was wirklich passiert ist. Wurde sie wirklich vergewaltigt? Und auch einige andere Personen können das Geschehen nicht einfach so ablegen, fühlen sich schuldig, versuchen, wieder gut zu machen, stochern selbst im Dunkeln.

Kate Reed Petty erzählt die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven und nutzt dazu außerdem unterschiedliche Textarten. Da ist zunächst einmal Nick, der nicht direkt mit dem Geschehen zu tun hat, aber mit einem der Beschuldigten gut befreundet ist und das Gefühl hat, sich auf seine Seite schlagen zu müssen. Aus seiner Sicht werden große Teile des Romans erzählt. Alice selbst schreibt lange E-Mails an ihre Freundin Haley, auch sie indirekt betroffen von den Geschehnissen in der besagten Nacht. Alice und Haley haben außerdem gemeinsam Drehbücher verfasst, auch diese sind teilweise im Roman zu lesen. Man mag sich zwischenzeitlich fragen, ob der Roman sich zu weit von seinem eigentlichen Sujet wegbewegt. Aber nein, das tut er nicht.

Fast zwanzig Jahre umfasst „True Story“ und eben diese, die wahre Geschichte, sie ist immer irgendwo gegenwärtig im Roman. Das heißt, die Frage danach, was diese Geschichte nun tatsächlich ist, denn auch wir Leser:innen wissen nicht, was wirklich auf dem Rücksitz des Autos nach der Party passiert ist. Vor allem zeigt der Roman enorm eindrücklich, wie sehr eine einzige Nacht das Leben mehrerer Menschen für lange Zeit bestimmen kann, auf die unterschiedlichste Weise. Sehr passend scheint es da zu sein, dass Alice Ghostwriterin wird, als wolle sie sich aus dem Staub machen, unsichtbar sein, ein Geist eben. Ein Schema der Frau, die sie vielleicht andernfalls hätte sein können. Doch es geht auch um Freundschaften und was wir bereit sind, im Namen der Freundschaft zu tun, und ob wir dann mit dieser Entscheidung leben können. Und vor allem geht es eben auch um das Geschichtenerzählen, um das Verhältnis von Geschichte und Wirklichkeit, um die Frage nach der Wahrheit.

Zu viel sollte man über den Plot von „True Story“ am besten gar nicht wissen. Stattdessen sollte man es lesen, denn es ist klug und gut konstruiert, es ist teils erschütternd und macht wütend, es zieht sehr hinein und fesselt und letztlich fügt sich alles stimmig ineinander. Ein Highlight.

Kate Reed Petty: True Story, aus dem amerikanischen Englisch von Wibke Kuhn, ECCO Verlag, 2021, 368 Seiten