Religion und Wissenschaft – Yaa Gyasi: Ein erhabenes Königreich

Ein erhabenes KönigreichIn ihrem neuen Roman „Ein erhabenes Königreich“ erzählt die ghanaisch-amerikanische Schriftstellerin Yaa Gyasi die Geschichte von Gifty, einer jungen Frau, die als Neurowissenschaftlerin an einer Studie mit Labormäusen arbeitet. Aus der Sicht der Hauptfigur lesen wir in zahlreichen Rückblenden aus ihrer Kindheit und Jugend, was sie bisher erlebt hat, wodurch sich letztlich dann auch erklärt, wieso sie nun an dem Punkt in ihrem Leben steht, an dem wir sie kennenlernen.

Ihre Eltern kamen mit dem großen Bruder Nana in die USA, später wurde Gifty geboren, doch vor allem der Vater wurde nie heimisch in dem neuen Land, ertrug den ständigen Rassismus nicht, dem er ausgeliefert war und sehnte sich nach Ghana, wohin er dann schließlich auch zurück ging. Die Familie blieb, die Kinder hofften zunächst noch auf die Rückkehr des Vaters, bis sie irgendwann begriffen, dass er in Ghana bleiben würde. Dort gründete er schließlich eine neue Familie.

Giftys Mutter nahm es hin, ließ sich nicht anmerken, wie sehr es sie traf, verlassen worden zu sein, arbeitete hart, um die kleine Familie durchzubringen, für die sie nun allein verantwortlich war. Eine Stütze war ihr dabei ihr Glaube, wenn sie auch nicht wahrnahm, dass die strenge evangelikale Gemeinde, der sie sich anschloss, im Grunde auf sie hinabsah. Sie ignorierte den strukturellen Rassismus, weil sie die Gemeinschaft und den Halt, den sie dort dennoch zu finden glaubte, brauchte.

Der Weggang des Vaters sollte nicht der einzige Schlag bleiben, den die Familie verarbeiten musste: Nach einer Sportverletzung wurde Giftys großer und von ihr sehr geliebter Bruder Nana durch die ihm verschriebenen Medikamente opioidabhängig, später heroinsüchtig und starb schließlich an einer Überdosis. Giftys Mutter zerbrach an diesem Verlust und entwickelte eine Depression, und auch ihre Gemeinde gab ihr nur oberflächlichen und vermeintlichen Halt, niemand nahm sich ihr wirklich an und stand ihr in ihrer Trauer bei.

Der Verlust des Bruders mündet schließlich in Giftys Flucht in die Wissenschaft. Sie beginnt, ihren Glauben in Frage zu stellen, sich zu distanzieren, was ein langer und schmerzvoller Prozess ist. Die klaren Fakten und die Rationalität versprechen eine Art von Sicherheit. Nachdem sie glaubt, all den Schmerz ein Stück weit hinter sich gelassen zu haben, taucht ihre Mutter erneut bei ihr auf, sie steckt mitten in einer schweren depressiven Episode, legt sich bei Gifty ins Gästebett und weigert sich, aufzustehen. Professionelle Hilfe lehnt sie ab, nur in Gott und ihren Priester hat sie Vertrauen, dass von dort irgendwann Besserung eintreten könnte – wenn überhaupt.

„Ein erhabenes Königreich“ wird in vielen, langen Rückblenden erzählt, unterbrochen von den Passagen in der Gegenwart, als Gifty erwachsen ist, immer noch in einem Kampf um ein einigermaßen stabiles Leben und gegen die Dämonen der Vergangenheit. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zu ihrer Mutter, die schwierig wurde, nachdem den beiden das genommen wurde, was sie im Kern zusammenhielt: der Sohn und Bruder. Da herrscht eine große Sprachlosigkeit zwischen den beiden Frauen, die der Verlust eher auseinandertreibt als zusammenschweißt.

Es ist ein teils erschütternder Roman, der schonungslos und überzeugend aufzeigt, wie schwierig es für Giftys Familie ist, in Amerika anzukommen und wie es ihnen durch den ständig präsenten Rassismus in letzter Konsequenz unmöglich gemacht wird. „Ein erhabendes Königreich“ befindet sich dabei stets im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Religion: Gifty versucht, sich von der Religion zu distanzieren, doch ist die Hinwendung zur Rationalität allein ihr Ausweg? Ich empfand den Roman in Teilen als etwas langatmig, als zu wenig zwingend, ohne genau sagen zu können, woran das lag. Womöglich ist die eingeengte Perspektive Giftys, aus der die Geschichte erzählt wird, der Grund. Alles in allem aber trotzdem lesenswert.

Yaa Gyasi: Ein erhabenes Königreich, aus dem Englischen von Anette Grube, Dumont Verlag, 2021, 304 Seiten


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