Der Zustand der Welt – Richard Powers: Erstaunen

ErstaunenDass Richard Powers mit seinem neuen Roman „Erstaunen“ auf der Short List des Man Booker Prize steht und auch für den National Book Award nominiert wurde, scheint schon allein deshalb als folgerichtig, weil das Buch ein hochaktuelles Thema behandelt. Darüber hinaus ist dem amerikanischen Autor aber auch ein Roman gelungen, der auf fesselnde Weise Kompliziertes auch für jene Leser*innen verständlich macht, die mit Astrobiologie und Neurowissenschaften etwa wenig anfangen können. Der Roman ist sehr gut zugänglich,  was vor allem an den äußerst gut gezeichneten Charakteren, die man sofort ins Herz schließt, liegt.

Robin ist ein besonderer Junge. Ob er nun wirklich das Asperger Syndrom hat, ob es ADHS oder etwas ganz Anderes ist, unter dem er leidet, da sind sich die Ärzte uneinig. Für seinen Vater Theo spielt das auch keine Rolle: Robbie ist sein Sohn, den er über alles liebt. Ein äußerst kluger und wissensdurstiger Junge, enorm empathisch und sensibel, so dass er an der Trägheit der Erwachsenen, die nichts tun, um den Planeten zu retten, dessen katastrophalen Zustand Robbie nicht verdrängen kann, manches Mal verzweifelt. Denn der schlechte Zustand unserer Erde, an dem wir selbst schuld sind, ist das, worum Robins Gedanken die meiste Zeit kreisen, worum er sich große Sorgen macht.

Wobei ihre persönliche Tragödie für Robin und Theo ungleich größer sein dürfte. Es ist noch nicht allzu lang her, dass Alyssa, Robins Mutter und Theos Frau, tödlich verunglückte. Beide haben den Verlust längst nicht verkraftet. Theo konzentriert sich mit allem, was er hat, auf seinen Sohn, der immer wieder Anfälle hat, in der Schule aggressiv wird, so dass die Lehrer*innen darauf bestehen, ihm Psychopharmaka zu geben. Theo will das auf keinen Fall.

Es ist Alyssas Vermächtnis, um das sich Robins ganze Welt dreht. Sie war eine Kämpferin für Tierrechte, und wir Leser*innen glauben zu verstehen, dass sie zwar von ihrem trauernden Witwer glorifiziert wird, dass es sich aber wirklich um eine besondere Frau gehandelt haben muss. Theo hadert mit seiner Eifersucht auf einen ehemaligen Kollegen Alyssas, an den er sich dennoch wendet, damit dieser Robin in seine neurowissenschaftlichen Studien aufnimmt. Sie hoffen, Robin seiner Mutter, die zu Lebzeiten ebenfalls an dem Projekt teilgenommen hatte, wieder näher zu bringen. Robin blüht auf, Theo schöpft Hoffnung – doch kann die Studie dem Jungen wirklich dauerhaft helfen?

Richard Powers ist immer ganz nah dran an seinen beiden Hauptfiguren und lässt uns die Welt durch ihre Augen sehen. Der eigentlich so aufgeweckte Junge, dem es schlicht nicht gegeben ist, den Zustand der Welt zu verleugnen, wie es die Erwachsenen tun und alles in seiner Macht Stehende versucht, um sie aufzurütteln, er ist ein ganz besonderer Charakter. Sowohl Theo als auch wir Leser*innen ahnen, dass er allein wohl nichts bewirken kann. Dabei leidet man sehr mit den beiden mit: Sie sind ein eng verbundenes Vater-Sohn-Gespann, vereint in der Trauer um Frau und Mutter, und sie klammern sich regelrecht aneinander, können die Leerstelle aber dennoch nicht im Entferntesten auffüllen. Alyssas Geist schwebt über allem.

Richard Powers zeigt uns mit enormer Gnadenlosigkeit den Zustand unserer Welt, um den wir wissen, und den wir doch die meiste Zeit ignorieren. Es ist schmerzhaft zu lesen, wie Robin unter dieser allgemeinen Ignoranz leidet, zu der er selbst nicht in der Lage ist. Gleichzeitig kann man den Roman aber auch als Aufforderung lesen, die Welt genauer anzusehen, die Natur mit offenen Augen zu erleben, mit dem titelgebenden „Erstaunen“, das ihr gebührt. So bleibt am Ende dieser oftmals so traurigen Geschichte vielleicht doch noch ein bisschen Hoffnung.

„Erstaunen“ passt genau in unsere Zeit, der Roman bildet den Zustand unserer Welt nur zu genau ab, auch dann, wenn es um politische Macht und um die Rolle der Massenmedien geht. Es ist ein komplexes und doch äußerst klares Buch, und vor allem ist es eine sehr berührende Vater-Sohn-Geschichte.

Richard Powers: Erstaunen, aus dem amerikanischen Englisch von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, S. Fischer Verlag, 2021, 320 Seiten

 


2 Gedanken zu “Der Zustand der Welt – Richard Powers: Erstaunen

  1. Das möchte ich lesen, danke dir. Von Powers steht irgendein Buch in meiner Bib das ich wirklich gut fand, jetzt leider nicht finde um nachzuschauen … die doppelte Regalbestückung hat Schwächen, ist aber relativ alternativlos … liebe Grüße thurs

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    1. Ich habe einige seiner Bücher gelesen und fand sie recht unterschiedlich. Sein letztes war nicht so meins. Vor Ewigkeiten habe ich Der Klang der Zeit gelesen und geliebt, das müsste ich nochmal lesen und überprüfen, ob ich es immer noch mögen würde….

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