Keine ist ohne Schuld – Elizabeth Wetmore: Wir sind dieser Staub

Wir sind dieser StaubMary Whitehead ist mit ihrer Tochter allein zu Haus, auf ihrer Ranch, im Jahr 1976 in Texas. Schwanger mit ihrem zweiten Kind; als sie das erste bekam, war sie erst 17. Direkte Nachbarn gibt es nicht. Als die junge Gloria Ramírez schwer verletzt und verstört auf ihrer Veranda auftaucht, holt sie sie ins Haus, doch bevor sie Hilfe rufen kann, taucht ein junger Mann auf, behauptet, Gloria sei seine Freundin, sie hätten bloß einen Streit gehabt, Mary solle sich doch bitte nicht einmischen und ihn zu ihr lassen. Er bedroht sie, doch Mary behält einen kühlen Kopf und weist den Mann in seine Schranken. So kann er kurz darauf festgenommen und Gloria ins Krankenhaus gebracht werden.

Gloria überlebt die Vergewaltigung schwer verletzt und traumatisiert. Sie legt ihren Namen ab, will nur noch Glory genannt werden und verschwindet mit der Zeit von der Bildfläche. Ihr Cousin versteckt sie, auch zum Prozess gegen den Täter erscheint sie nicht. Sie fühlt sich nicht dazu in der Lage. Hinzu kommt der allgemeine Konsens: Was habe sie denn erwartet, als sie zu ihm ins Auto gestiegen sei? Noch dazu knapp bekleidet? Und nun soll sein ganzes Leben zerstört werden, wegen dieses einen Abends?

Elizabeth Wetmore erzählt in ihrem Roman „Wir sind dieser Staub“ aus der Sicht mehrerer Frauen aus Texas im Jahr 1976. Neben Mary Rose, die als Einzige klare Stellung bezieht und entschlossen ist, gegen den Täter auszusagen, und damit nicht nur ihren Mann gegen sich aufbringt, ist es vor allem Corinne, deren Geschichte erzählt wird. Sie hat vor ca. einem Jahr ihren Mann Potter verloren und lebt nun allein. In Rückblenden wird die Beziehung der beiden, die ihre Hochs und Tiefs hatte, erzählt, eine Beziehung, die unterm Strich eine glückliche war. Wir lesen außerdem von Debra Ann, einem zehnjährigen Mädchen, dessen Mutter den Ort verlassen hat, auf der Suche nach einem besseren Leben, das sie hofft, ihrer Tochter eines Tages bieten zu können. Debra Ann ist aufgeweckt, sie wirkt fast furchtlos, und sie versteht mehr, als die Erwachsenen glauben.

Der Roman zeichnet deutlich größere Kreise, als ich es erwartet hatte, es geht viel weniger um Glory und die Vergewaltigung und deren unmittelbare Folgen, als ich dachte. Wetmore nimmt sich Zeit, die Frauen des Orts zu porträtieren und schafft so ein lebendiges Bild von Ort und Zeit. So wird auch deutlich, wie das Leben dieser Frauen, ihr Platz in der Gesellschaft mit der Reaktion im Ort auf die Gewalttat zusammenhängt, so dass sich der Kreis dann doch wieder schließt. Paradox auch, dass man Glory eine Mitschuld gibt, seinen eigenen Töchtern aber auch verbietet, sich abends oder allein in unbelebten Gegenden aufzuhalten – so „brav“ diese Töchter auch sein mögen. Irgendwo schwingt da immer ein resigniertes „Männer sind halt so“ mit.

Die ernüchternde Quintessenz von „Wir sind dieser Staub“ bleibt: Ich lese das schockiert und wütend, auch ungläubig, wie hier die Täter-Opfer-Rolle umgekehrt wird, kann nur schwer ertragen, wie fast niemand sich auf Glorys Seite stellt, anerkennt, was ihr widerfahren ist, wie kaum jemand in dieser Geschichte der Meinung ist, dass der Täter seine gerechte (was auch immer gerecht ist), harte Strafe bekommen sollte. Das mag auf der einen Seite nicht weiter verwundern, wenn man bedenkt, zu welcher Zeit der Roman spielt. Das Schlimme daran aber ist: Wir mögen zwar inzwischen weiter sein, aber überwunden haben wir diese Sicht auf die Dinge längst nicht. Immer noch scheint es oft so zu sein, dass man dem Täter lieber glaubt als dem Opfer, dass man ihm – vielleicht subtiler als früher, aber dennoch – eine Mitschuld gibt. Leider muss man dafür nicht 45 Jahre in die Vergangenheit reisen. So ist Wetmores Roman, der von seiner glasklaren Sprache lebt, und in dem man die Hitze und Dürre fast körperlich zu spüren meint und der seine Leser:innen überzeugend zurückversetzt in das ländliche Amerika der 1970er Jahre, auch ein sehr aktuelles – und lesenswertes – Buch.

Elizabeth Wetmore: Wir sind dieser Staub, aus dem amerikanischen Englisch von Eva Bonné, Eichborn Verlag, 2021, 319 Seiten


5 Gedanken zu “Keine ist ohne Schuld – Elizabeth Wetmore: Wir sind dieser Staub

    1. Davon habe ich nicht gehört, aber leider nicht überraschend, oder? Vielleicht ist es nicht mehr ganz so krass wie früher, aber es schwingt doch oft mit. Ebenso das „Argument“, man würde dem Mann durch so eine „Geschichte“ die Zukunft versauen. Gäbe noch viel dazu zu sagen, sprengt aber wohl den Rahmen und ist vermutlich auch leider bekannt…

      Gefällt mir

      1. Doch das hat mich schon überrascht/erschreckt welche Sichtweise ein Gericht da ohne Scham verlautbart. Da hab ich den Fernseher angeschrien. Das passiert mir selten. Es könnte auch in der Schweiz gewesen sein.
        Ich hoffe nur, dass die Leben von Typen die die Intimsphäre anderer unterdrücken und mit Gewalt nehmen was ihnen grad einfällt, nachdrücklich und anhaltend versaut werden.

        Gefällt 1 Person

      2. Wenn es das Gericht war, ja, das würde ich auch nicht erwarten. Ich dachte du meinst den allgemeinen Konsens oder Berichte oder so, aber keine so offizielle Stelle.

        Gefällt 1 Person

Hinweise zur Kommentarabonnements und Hinweise zum Widerrufsrecht finden sich in der Datenschutzerklärung.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.