Kurz vorgestellt: Bücher von Haruki Murakami, Raphaela Edelbauer, James Baldwin und Hari Kunzru

Die Bücher stapeln sich, und oft ist dieser Tage die Stimmung eher eine Lese- als eine Rezensionsstimmung. Die Lektüre der Bücher, um die es heute geht, ist zum Großteil schon eine Weile her, ich möchte sie aber nicht unerwähnt lassen. Heute also in einem kleinen Sammelbeitrag ein paar Eindrücke zu Lektüren der letzten Wochen und Monate, über die ich hier noch nicht geschrieben habe.

Haruki Murakami: Erste Person Singular

Erste Person SingularHaruki Murakamis Erzählband „Erste Person Singular“ erschien bereits im Januar bei Dumont. Ich habe nicht alles, aber viel von Murakami gelesen, habe vor allem meine ersten Begegnungen, die inzwischen sehr lang her sind, noch in guter Erinnerung. Dieser typische Murakami-Sound, dem ich das erste Mal in „Gefährliche Geliebte“ und „Naokos Lächeln“ begegnete, dann diese völlig neue und andere Welt in „Mr. Aufziehvogel“, eines der Bücher, die mich enorm beeindruckt und in eine ganz andere Welt entführt haben, wie es nur selten passiert ist. Ich glaube, nichts, was Murakami danach schrieb, konnte für mich an „Mr. Aufziehvogel“ heranreichen, obwohl ich seine Bücher weiterhin las und auch mochte.

„Erste Person Singular“ macht mich etwas ratlos. Ich habe die Erzählungen in kürzester Zeit gelesen, aber leider auch relativ schnell wieder vergessen. Die Zutaten sind bekannt: Ein Mann erzählt, es kommen Affen vor und Jazzmusik, manches mutet surreal an. Die Sprache ist einfach wie auch sonst bei Murakami, doch hier verspürte ich kaum einen Nachhall. Der typische Sound ist zwar da, aber alles bleibt ein wenig banal, wenig intensiv. Besonders aufgefallen ist mir der Blick der jeweiligen männlichen Ich-Erzähler auf die vielen Frauen, die den Band bevölkern. Ständig wird erwähnt, dass sie fast alle hässlich sind. Warum? Ich weiß es nicht. Ich hoffe darauf, dass der nächste Roman mich vielleicht wieder mehr begeistern kann.

Haruki Murakami: Erste Person Singular, aus dem Japanischen von Ursula Gräfe, Dumont Buchverlag, 2021, 224 Seiten

Raphaela Edelbauer: DAVE

Dave„DAVE“ wollte ich vor allem deshalb lesen, weil mich Raphaela Edelbauers „Das flüssige Land“ sehr begeistert hat. Das Thema Künstliche Intelligenz schreckt mich immer erst einmal fast reflexartig ab, schon allein deshalb, weil ich von vornherein davon ausgehe, nicht zu verstehen, was man mir erzählt. In „DAVE“ war ich lange Zeit fasziniert davon, wie es der Autorin gelingt, mich zu begeistern, obwohl ich tatsächlich nicht allem, was ich da las, folgen konnte und oft verwirrt war – was ja generell erst einmal nichts Schlechtes ist. Sie erschafft eine komplett neue Welt, in der es eigentlich nur darum geht, diesem „DAVE“, der künstlichen Intelligenz, „Skripte“ einzupflanzen, die aus menschlichen Erfahrungen bestehen, bis DAVE dann all das können soll, was auch der Mensch kann. Mich hat fasziniert, wie Edelbauer diese Realität schafft mit allem, was dazu gehört, neue Begriffe findet, das Surreale wirklich, „normal“ erscheinen lässt und dabei stets das Unheil im Text mitschwingt. Dass ich nicht komplett begeistert war und mich im letzten Drittel ein wenig verloren fühlte, kreide ich dann auch hauptsächlich mir selbst und meinem fehlenden Verständnis für die Themen des Romans an.

Raphaela Edelbauer: DAVE, Klett-Cotta-Verlag, 2021, 432 Seiten

James Baldwin: Giovannis Zimmer

Giovannis ZimmerSchon seit Jahren wollte ich etwas von James Baldwin lesen, die Lektüre von „Giovannis Zimmer“ war längst überfällig. Und ich bin begeistert von diesem schmalen Roman, in dem das Unhappy End von vornherein feststeht.

Es sind die 50er Jahre. Baldwin erzählt von David, einem Amerikaner, der seit einiger Zeit in Paris lebt, eine Verlobte hat, die er bisher ein wenig hinhält und einen Vater, zu dem das Verhältnis eher distanziert ist, nachdem Davids Mutter früh starb.

Nun begegnet er Giovanni, einem jungen Italiener, und die beiden werden schnell ein Paar und leben zusammen in Giovannis kleinem, schmutzigen Zimmer. Doch ihre gemeinsame Zeit bleibt kurz.

Baldwin gelingt es sehr gut, die Dynamik in der Beziehung der beiden zum Ausdruck zu bringen, das ganze Ungleichgewicht aufzuzeigen, das beide anfangs nicht sehen wollen oder können. Dabei wird immer deutlicher, dass David zu wirklicher Liebe nicht fähig ist, obwohl seine Zuneigung zu Giovanni nicht zu übersehen ist. David versucht mit aller Macht, seine Homosexualität zu unterdrücken, die er doch gleichzeitig mit Giovanni auslebt.

Mit der Zeit habe ich immer gebannter verfolgt, wie alles immer schlimmer wird, wie David dabei zusieht, wie Giovanni leidet, wie er dessen verhängnisvolles Ende mitverschuldet. Ein Sympathieträger ist David nicht, das muss er aber auch nicht sein, damit man als Leser*in von diesem erbarmungslosen und eindringlichen Roman mitgerissen wird. Mit ihm brach Baldwin einige Tabus. Nicht nur schrieb er als Schwarzer Autor in der Mitte des letzten Jahrhunderts über die Liebe zwischen zwei Männern, sondern über die Liebe zweier weißer Männer. Erschienen im DTV Verlag in der Neuübersetzung von Miriam Mandelkow.

James Baldwin: Giovannis Zimmer, aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow, dtv Taschenbuch Verlag, 2021, 208 Seiten

Hari Kunzru: Red Pill

Red PillVon Haru Kunzru mochte ich bereits „White Tears“. In Red Pill schickt er einen Autor an den Wannsee ins „Deuter Zentrum“, wo dieser ein Stipendium erhalten hat, um sein neuestes Buchprojekt voranzubringen. Dieser Autor, der namenlos bleibt und einige biographische Parallelen zu Kunzru aufweist, lässt in New York Frau und Kind zurück und hofft, in gewisser Weise als anderer Mensch zurückzukommen. Die Regeln, die man ihm auferlegt, empfindet er als einengend und so kommt er in seiner Arbeit nicht voran, sondern macht Spaziergänge um den Wannsee, beschäftigt sich intensiv mit Kleist und dessen Suizid, kommt mit Stasi-Geschichten in Berührung und schaut exzessiv eine brutale amerikanische Polizeiserie, deren Schöpfer Anton später zufällig auf einer Party kennenlernt. Dieser Anton schaut herab auf den Protagonisten, propagiert das Recht des Stärkeren und windet sich mühelos in dessen Gedanken und lässt ihn nicht mehr los.

Der Roman „Red Pill“ zieht stark in seinen Bann, wenn auch die Stimmung von Anfang an angespannt ist und man bald glaubt, nahendes Unheil zu spüren, ohne zunächst zu wissen, von wo es kommen sollte. Kunzru lässt seinen einerseits unsicheren, andererseits von sich eingenommenen Protagonisten, der den Boden unter den Füßen zu verlieren droht, eine persönliche Geschichte erzählen. Gleichzeitig nimmt der Autor unsere gesamte Welt in den Blick, nicht nur unsere Demokratie, sondern auch die Risiken, die von ihr ausgehen, so dass man sich manchmal wünschen könnte, es gäbe die blaue Pille, die uns die Sicht auf eine geschönte Welt ermöglicht, im Gegensatz zur titelgebenden roten Pille, die uns die beängstigende Realität in all ihrer Hässlichkeit schonungslos sehen lässt. Ein so intensiver wie fesselnder Roman.

Hari Kunzru: Red Pill, aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence, Liebeskind Verlag, 2021, 352 Seiten