Das Leben umkreisen – Emilie Pine: Botschaften an mich selbst

Botschaften an mich selbstSechs Essays versammelt der Band der irischen Autorin, der zunächst einmal gar nicht auf meiner Liste stand, zum großen Teil wegen des Covers, das irgendwie jugendlich und sehr harmlos auf mich wirkte. Doch das viele Lob auf den unterschiedlichsten Kanälen machte mich neugierig auf „Botschaften an mich selbst“ und ich habe die Lektüre nicht bereut. In ihrer irischen Heimat war der Band sehr erfolgreich. Vermutlich liegt das daran, dass Emilie Pine enorm klug und offen, und ebenso klar und ehrlich über verschiedene Aspekte ihres Lebens schreibt.

Da geht es zum Beispiel um den alkoholkranken Vater, der die Familie zwar früh verließ, der aber mit der Mutter verheiratet blieb, da Scheidungen in Irland bis zum Ende des 20. Jahrhunderts verboten waren. Der Vater lebt in Griechenland, als die Töchter einen Anruf erhalten: Es gehe ihm sehr schlecht. So reisen sie zu ihm, pflegen ihn, als er im Krankenhaus liegt, weil das, so erfahren sie, in Griechenland so üblich sei. Pine erzählt von dieser Zeit mit dem kranken Vater, und hinter den Schilderungen schwingt enorm viel mit: Vergangenes, das die Beziehung zum Vater prägte und prägt, Erlebtes, das fühlbar macht, wieso das Verhältnis ambivalent ist und dennoch von Liebe geprägt.

So sind es einige Episoden aus der Kindheit und Jugend der Autorin, die sie erzählt und einordnet, immer wieder spielen die Beziehungen zu den Eltern und zur Schwester eine große Rolle. Vor allem sind es aber auch sehr weibliche Themen, derer Pine sich annimmt, Themen, die im Leben von Frauen eine Rolle spielen oder spielen können, viele davon immer noch tabuisiert. Pine schreibt von ihrem Kinderwunsch, den vielen Versuchen, die sie und ihr Mann unternehmen, den Gefühlen des Scheiterns, als es einfach nicht klappt. Sie schreibt von Menstruation und von der Menopause. Und schließlich in einem sehr starken, weil enorm offenen und ehrlichen Essay über eine Zeit, in der sie viele sexuelle Kontakte hatte, Drogen und Alkohol konsumierte – und so erst viel später benennen konnte, dass sie vergewaltigt worden war.

Pine kreist darum, was es heißt, als Mädchen aufzuwachsen, eine Frau zu sein. Dabei mag sie manchmal (zu Recht) anklagend sein, aber ihre Essays sind auch hoffnungsvoll. Mich hat vor allem beeindruckt, dass sie eine Sprache für all das findet, die sehr genau ist, die schonungslos Dinge benennt, ohne dass sie Gefahr liefe, Kalendersprüche aufzusagen, vermeintliche Weisheiten von sich zu geben. So sind diese Botschaften am Ende eben nicht nur an sich selbst. Pine schreibt äußerst klar und offen, auch selbstkritisch, dabei warmherzig. Ein starkes Buch.

Emilie Pine: Botschaften an mich selbst, aus dem Englischen von Cornelia Röser, btb Verlag, 2021, 224 Seiten