Aus den Fugen – Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert

Wo der Wolf lauert„Wo der Wolf lauert“ ist der vierte Roman der israelischen Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen, der bei uns veröffentlicht wurde, und in den letzten Wochen seit seinem Erscheinen im Juli waren viele begeisterte Stimmen zu vernehmen. So ganz kann ich mich dem vielen Lob für das Buch nicht anschließen, doch dazu später mehr.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Lilach. Vor 17 Jahren ist sie mit ihrem Mann Mikael von Israel nach Kalifornien ausgewandert, wo sie mit ihrem Sohn Adam, der inzwischen im Teenageralter ist, ein geregeltes Leben führen, Haus mit Pool inbegriffen. Lilachs Mann verdient viel Geld, Lilach selbst arbeitet stundenweise in einem Seniorenheim, hat auf eine große Karriere verzichtet und ist damit zufrieden. Das ruhige Leben wird erschüttert, als es einen Anschlag in einer Synagoge in der Nähe gibt, bei dem eine junge Frau getötet wird. Kurze Zeit später dann stirbt ein Mitschüler Adams auf einer Party. Lilach erfährt, dass ihr Sohn von dem Jungen drangsaliert wurde und dass Adam davon träumte, sich zu rächen. Doch ist ihr Sohn wirklich in der Lage, einem anderen etwas anzutun? Jemanden umzubringen? Lilach ist überzeugt, dass ihr Sohn unschuldig ist.

Kurz nach dem Tod des anderen Jungen, einem Schwarzen namens Jamal, der mit der Nation of Islam sympathisierte, taucht dann Uri auf, ebenfalls Israeli wie Lilach und Mikael, ein Mann, über den die beiden wenig wissen, der aber Zugang zu Adam findet, wo es für Lilach in letzter Zeit immer schwieriger wurde. Uri gibt einen Kurs für Jugendliche, in dem sie lernen sollen, sich selbst zu verteidigen. Lilach kommen immer wieder Zweifel, ob Uri nicht zu weit geht, doch er hat auch eine charismatische Ausstrahlung, die nicht nur Adam, sondern auch seine Eltern wahrnehmen.

Ayelet Gundar-Goshen erzählt in „Wo der Wolf lauert“ von der Zeit kurz nach dem Attentat und dem Tod Jamals, von den Verdächtigungen gegen Jamal, von Antisemitismus, von einer Mutter, die um ihren Sohn, um seine Gesundheit, auch um seinen Ruf kämpft. Dabei streift sie noch einige Themen mehr, so geht es um das Leben fern der Heimat, um den Blick Lilachs auf Israel, es geht darum, wie sich in einer Ehe Dinge verschieben können, wie sie ganz leicht aus dem Gleichgewicht geraten kann, wenn sie von außen erschüttert wird. Es geht um das Leben Lilachs als Mutter eines fast erwachsenen Sohnes, und vor allem um die Frage, wem sie trauen kann, wie gut sie ihr Kind eigentlich kennt, was für die Leser:innen zu einer grundsätzlichen Frage wird, wie sie sich jeder stellen kann: Wie gut kennen wir die Menschen in unserem Leben eigentlich? Können wir wirklich wissen, wozu sie fähig wären?

Für meinen Geschmack ist es etwas zu viel, was die Autorin in ihrem Roman unterzubringen versucht. Einige Themen werden nur kurz abgehandelt, Vieles ist für den Fortgang der Geschichte nicht relevant. Das muss es wohl auch nicht, auf mich wirkt der Roman dennoch überladen und die vielen kleineren Ausflüge, die die Geschichte nimmt, zögern den Ausgang des Romans hinaus, sollen Spannung erzeugen. Das klappt auch, ist aber meiner Meinung nach wenig subtil. Kleinigkeiten, Gedanken Lilachs zum Beispiel, wiederholen sich immer wieder, so dass ich den Roman manchmal ein wenig geschwätzig fand. Dass der Roman sprachlich einfach gehalten ist, ist erst einmal kein Kritikpunkt, jedoch bin ich einige Male über Redewendungen und Wörter gestolpert, die ich im jeweiligen Zusammenhang als unorganisch empfand und mich in der Lektüre haben stocken lassen.

Ich kann verstehen, warum der Roman allgemein so viele Fans hat, warum er so gut ankommt. Gundar-Goshen erzählt gewieft, hält die Spannung hoch, man kann mit ihrer Protagonistin mitfiebern (auch wenn ich sie manchmal etwas anstrengend fand, so bleibt ihr Handeln doch nachvollziehbar) und natürlich möchte man so wie sie wissen, was es mit Jamals Tod auf sich hat. Dennoch hat mich „Wo der Wolf lauert“ nicht wirklich packen und vollends überzeugen können. Ganz sicher kein schlechtes Buch, aber so richtig haben wir nicht zueinander gepasst.

Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert, aus dem Hebräischen von Ruth Achlama, Kein & Aber Verlag, 2021, 352 Seiten