Einsame Insel – Alice Zeniter: Kurz vor dem Vergessen

Kurz vor dem VergessenVon der französischen Autorin Alice Zeniter habe ich bereits vor einigen Jahren ihren zuletzt erschienenen Roman „Die Kunst zu verlieren“ gelesen, mit dem sie auch für den Prix Goncourt nominiert war und der die Geschichte einer algerischstammigen Familie in Frankreich erzählt. „Kurz vor dem Vergessen“ erschien in Frankreich bereits zuvor, im Jahr 2015, und der Roman erzählt eine völlig andere Geschichte.

Es ist die Geschichte von Franck und Emilie, die schon seit einigen Jahren in einer Beziehung sind und die an einem Punkt stehen, an dem es darum geht, wie es für sie weitergehen soll: Heirat? Kinder? Franck wünscht sich all das und er wünscht es sich jetzt. Er ist Krankenpfleger, er mag seinen Beruf und er liebt Emilie, mit der er gern den nächsten Schritt gehen möchte. Emilie liebt Franck ebenfalls, wenn man auch das Gefühl hat, dass ihre Gefühle für Franck nicht so bedingungslos sind wie umgekehrt. Nach längerem Zögern hatte sie sich entschieden, ihren Doktortitel zu machen und nun befindet sie sich seit einigen Monaten auf der verlassenen Hebriden-Insel Mirhalay, wo man ihr ein Stipendium zugesprochen hat. Sie soll zum Abschluss ihres Aufenthalts dort eine Tagung organisieren, in der es um den Schriftsteller Galwin Donnell geht, der auf der Insel seine Kriminalromane schrieb und eines Tages spurlos verschwand. Sein Geist scheint auf der Insel allgegenwärtig.

Franck fährt nun nach den Monaten der Trennung auf die Insel, um Emilie endlich wiederzusehen und, so hofft er, bald in ihrer Beziehung einen Schritt weiter zu gehen. Doch Emilie ist sehr beschäftigt, und Franck fühlt sich zwischen all den Intellektuellen, die die Insel bald bevölkern, nicht wohl. So kommt er mit Jock, dem Wächter der Insel in Kontakt und verbringt seine Zeit nun oft mit ihm. Jock lebt schon lang dort und hat auch den verschwunden Galwin Donnell noch gekannt, und zu dessen Verschwinden hat er seine eigene Theorie.

Alice Zeniter erzählt in „Kurz vor dem Vergessen“ von Franck und Emilie und ihrer Beziehung, die an einem kritischen Punkt angelangt ist. Die (leider immer noch) klassischen Rollen kehrt sie dabei um: Nicht er ist es, der um jeden Preis Karriere machen will, im Gegenteil, er ist zufrieden mit seinem Job und wünscht sich eine Familie, während es Emilie nach mehr dürstet. Kann Franck ihr also genügen?

Zeniter führt auch den gesamten Wissenschaftsbetrieb vor, zieht immer wieder die Dinge ins Lächerliche, übertreibt und ist dabei nur um so mehr auf den Punkt. Dieses permanent Überzogene ist durchaus gelungen, trägt aber auch dazu bei, dass einem das Schicksal von Franck, der ebenso Sympathieträger wie Antiheld des Romans ist, nicht wirklich nahe geht, was wohl auch nicht die Intention der Autorin war. Ein bisschen fehlt dem Roman die Wärme, das gewisse Etwas, das mich noch mehr hätte mitfiebern lassen, als es diese Geschichte mit dem so spannenden wie interessant verwebten Plot und dem speziellen Handlungsort getan hat. Immerhin hält einen auch die Krimihandlung bei der Stange, denn das mysteriöse Verschwinden des Autors könnte vielleicht doch noch, nach 20 Jahren, die vergangen sind, geklärt werden. Insgesamt ein gut geschriebener und durchaus lesenswerter Roman, manchmal vielleicht etwas überkonstruiert, mit kleinen Schwächen, die aber nicht allzu sehr ins Gewicht fallen.

Alice Zeniter: Kurz vor dem Vergessen, aus dem Französischen von Yvonne Eglinger, Berlin Verlag, 2021, 320 Seiten