Weniger herrliche Leben – Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein

Im Menschen muss alles herrlich seinVier Frauen lernen wir kennen in Sasha Marianna Salzmanns neuem Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“. Lena wuchs in der Sowjetunion auf und kam als junge Mutter nach Deutschland, zusammen mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter Edi. Lena war Ärztin, doch die ungeschriebenen Regeln und Erwartungen, dazu das korrupte System, hatten es ihr sehr schwer gemacht. In Deutschland arbeitete sie schließlich als Krankenschwester.

Inzwischen steht ihr 50. Geburtstag an. Edi versucht, als Journalistin Fuß zu fassen. Der Kontakt zur Mutter ist nicht immer einfach. Ihre und die eigenen Ansprüche sind für Edi nur schwer unter einen Hut zu bekommen. Dann erfährt Edi, dass Tatjana, eine Freundin ihrer Mutter, die ebenfalls aus der ehemaligen Sowjetunion stammt, im Krankenhaus liegt. Sie möchte Lena ihre Krankheit am liebsten verheimlichen und auch ihre Tochter Nina weiß zunächst einmal nichts davon.

Salzmann erzählt aus verschiedenen Perspektiven, in Handlungssträngen auch von sehr unterschiedlicher Länge. So nimmt sie sich sehr viel Zeit für die Lebensgeschichte Lenas, die 80er und die 90er Jahre in der Sowjetunion. Nur durch Beziehungen kann Lena überhaupt Medizin studieren, glücklich wird sie aber auch dann nicht, als sie schließlich Ärztin ist. Privates Glück ist ebenfalls schwer zu finden. All das Erlebte, die Stimmung im Land, ließen schließlich den Entschluss in ihr reifen, auszuwandern. Im Gegensatz dazu sind die Erzählstränge in der Gegenwart kürzer und sie unterscheiden sich auch im Ton. Sehr deutlich wird, wie die Herkunft der Frauen sie in unterschiedlicher Weise geprägt hat, wie die beiden älteren Frauen Lena und Tatjana die Heimat nicht abschütteln können, wie das alte und das neue Land in ihnen existieren. Und wie zum Beispiel Edi im Gegensatz dazu von ihrer Herkunft und den Wurzeln ihrer Eltern, die auch die eigenen Wurzeln sind, nichts wissen will. Natürlich lässt sich diese Herkunft nicht abschütteln. Sie ist Teil von Edi, so sehr sie sich auch aus dem Leben der Mutter zurückzieht und in Schweigen verfällt.

„Im Menschen muss alles herrlich sein“ ist ein nachdenklicher und aufschlussreicher Roman darüber, wie die Vergangenheit – auch jene vor der eigenen Geburt – uns prägt. Es ist ein Roman über Familien, vor allem über Mütter und Töchter, über Freundschaft in der Fremde, und immer über einen Verlust, der letztlich nicht ganz zu überwinden ist. Eine Geschichte, die aus unterschiedlichen Perspektiven die sehr verschiedenen Charaktere in den Mittelpunkt stellt, die die Unterschiede zwischen dem Leben in der ehemaligen Sowjetunion und in Deutschland fühlbar macht sowie die Ohnmacht, die vor allem Lena und Tatjana manchmal in ihrer neuen Heimat fühlen und die sie ein Stück weit an ihre Töchter weitergeben. Sprachlich ohne Schnörkel, doch stets präzise und mitreißend. Die Männer bleiben sehr im Hintergrund, kommen auch teils nicht gut weg in der Geschichte, die sich völlig auf die Frauen konzentriert. „Im Menschen muss alles herrlich sein“ steht auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis und das meiner Meinung nach zu Recht.

Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein, Suhrkamp Verlag, 2021, 384 Seiten