Über weibliches Schreiben und die Sicht darauf – Nicole Seifert: Frauen Literatur

FrauenliteraturNicht erst bei der Lektüre dieses Buchs, sondern auch schon zuvor, als das darin behandelte Thema begann, seine Kreise zu ziehen, fragte auch ich mich, welche Autorinnen ich eigentlich in meiner Schullaufbahn gelesen habe. Sofort fiel mir Brigitte Reimanns „Franziska Linkerhand“ ein, das bei uns im Deutsch-Leistungskurs behandelt wurde. Schon deutlich länger musste ich kramen, bis mir einfiel, dass ich eine Facharbeit über Irmgard Keun geschrieben habe – allerdings habe ich mir das Thema damals selbst ausgesucht. Immerhin wurde die Autorin aber zuvor im Unterricht behandelt, denn sie war mir völlig unbekannt. Und sonst? Es kommen mir Goethe, Schiller und Lessing in den Sinn, natürlich, Kleists „Der zerbrochne Krug“, den ich sehr mochte und immer noch mag, Thomas Mann, auch Friedrich Dürrenmatt habe ich in guter Erinnerung und selbst Franz Kafka konnte mich nicht verschrecken. Aber weitere Frauen? Mir fallen keine ein. Virginia Woolf, die Brontë -Schwestern, Jane Austen, Marlen Haushofer, Sylvia Plath habe ich später aus eigenem Antrieb gelesen. Im Italianistik-Studium war es ähnlich. Neben Dante, Petrarca, Svevo, Tabucchi und Calvino fallen mir spontan keine Schriftstellerinnen ein, die dort behandelt wurden. Es wird sie, wenn auch in kleiner Zahl gegeben haben, doch präsent sind sie mir nicht mehr.

Der erste Einwand, der auch mir reflexartig kam, war: Na ja, Frauen haben ja auch damals nicht oder viel weniger geschrieben. Und außerdem geht es doch um die Qualität eines Werks und nicht um das Geschlecht des Autors bzw. der Autorin? Danach kann man doch nicht seine Lektüre aussuchen! Mit diesen Einwänden befinden wir uns schon mittendrin in „Frauen Literatur“, dem gerade bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Buch von Nicole Seifert, die sich in den letzten Jahren intensiv mit der Literatur von Frauen in Vergangenheit und Gegenwart und mit verschiedenen Aspekten des Themas auseinandergesetzt hat. Ihr Buch ist erhellend und aufschlussreich.

Seifert blickt zurück in die Literaturgeschichte, in Zeiten, als schreibende Frauen noch als verpönt galten. Frauen hatten es in der Tat sehr viel schwerer, zu schreiben, denn von ihnen wurde ja erwartet, dass sie sich um Haus und Kinder kümmerten. Viele taten es dennoch und sie wurden zu ihrer Zeit durchaus auch gelesen und waren bekannt, doch heutzutage sind sie vergessen bzw. wie Seifert aufzeigt: Sie wurden verdrängt. Sehr eindrücklich empfand ich in dem Zusammenhang das Kapitel, das sich mit Theodor Fontanes „Effi Briest“ und Gabriele Reuters „Aus guter Familie“ beschäftigt. Beide erschienen im Herbst 1895, beide waren große Erfolge – doch Reuters Roman kennt heute kaum einer mehr, während „Effi Briest“ eines der bekanntesten Werke der Literaturgeschichte überhaupt ist. Seifert geht dem auf den Grund und arbeitet heraus, dass Reuters Roman schon damals anders, kürzer und oberflächlicher besprochen wurde.

Bis heute ist es so, wie es bereits bei Reuter der Fall war: Weiblich konnotierte Themen werden einerseits herabgewertet, andererseits gehören Romane von Frauen zu einer anderen Kategorie von Literatur: eben zur „Frauenliteratur“, einem Begriff, dem seit jeher etwas Pejoratives anhaftet. Interessant ist, dass es den Begriff „Männerliteratur“ so gar nicht gibt. Der Gegenbegriff zu „Frauenliteratur“ ist einfach „Literatur“.

Nicole Seifert gibt Beispiele dafür, wie Frauen auch heute noch besprochen werden – nicht nur werden Werke von Frauen nach wie vor weniger rezensiert, Autorinnen werden auch öfter persönlich angegriffen und abgewertet. Man kann schon sehr darüber staunen, wie etwa Marcel Reich-Ranicki über Autorinnen und weibliche Themen sprach. Während für ihn nichts uninteressanter war als die Gedanken und Gefühle „menstruierender Frauen“, gilt das im Gegenschluss ja offenbar nicht für Potenz- und Prostataprobleme von Männern. Es geht dabei keineswegs darum, dass Werke von Frauen nicht verrissen werden dürfen, es geht um die Art und Weise, wie das geschieht.

Seifert geht intensiv darauf ein, wie das bestehende Ungleichgewicht ausgeglichener werden kann – noch immer erscheinen weniger Bücher von Frauen als von Männern – und sie geht auch darauf ein, warum das Argument, man orientiere sich bei der Auswahl von Büchern, die herausgegeben, prämiert, besprochen werden, ausschließlich an der Qualität der Texte, nicht stichhaltig ist, warum sich Dinge zwar wandeln, wir aber von einer wirklichen Gleichberechtigung noch weit entfernt sind.

Seit einigen Jahren ziehe ich auch regelmäßig Bilanz über mein eigenes Leseverhalten. Meine Lektüre hat sich in den letzten Jahren geändert und ich lese inzwischen mehr Frauen als Männer, auch wenn das Verhältnis immer noch ausgewogener ist, als ich selbst erwarten würde. Nur noch Frauen zu lesen, käme mir zu einengend vor, aber ich verstehe und fühle nach, warum sich manche*r dafür entscheidet. Insgesamt sind es andere Bücher, zu denen ich greife und auch zukünftig noch mehr greifen möchte. Es gibt so viel zu entdecken, auch die Leseliste in „Frauen Literatur“ bietet dafür Inspiration, wieder entdeckte Frauen, deren Werke seit einigen Jahren neu aufgelegt werden. Doch das Buch macht mich auch neugierig auf eine neue Lektüre von Werken, die ich als junge Erwachsene gelesen habe. Was mag in „Sturmhöhe“, in „Stolz und Vorurteil“ stecken, das ich damals einfach nicht gesehen habe?

Frauen Literatur“ ist ein erhellendes und wichtiges Buch, das Dinge benennt und einordnet, das dazu einlädt, seine eigene Lektüre zu betrachten (wenn man denn möchte), das vor allem ein Umdenken und Weiterdenken einfordert. Ein Buch übrigens, das sich keineswegs gegen von Männer geschriebene Literatur wendet, das niemals pauschalisiert. Ich könnte hier noch viel darüber schreiben, möchte aber stattdessen zur eigenen Lektüre aufrufen. Ich wünsche dem Buch viele Leserinnen und Leser.

Nicole Seifert: Frauen Literatur, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2021, 224 Seiten


3 Gedanken zu “Über weibliches Schreiben und die Sicht darauf – Nicole Seifert: Frauen Literatur

  1. Wow, danke für den Tipp, das ist ein Thema, das mir schon ewig auf den Nägeln brennt. Wenn man in die Richtung etwas behauptet, dass Frauen anders behandelt werden in der Literatur, wird man dafür ganz schnell kritisiert.
    LG, Tala

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