Ein Leben in Bewegung – Sandro Veronesi: Der Kolibri

Der Kolibri„Der Kolibri“ erzählt ein ganzes Leben. Der Roman erzählt von Marco Carrera, Jahrgang 1959 (wie der Autor), Sohn, Bruder, später Vater und Großvater, zwischendurch Ehemann und eine sehr lange Zeit seines Lebens eine Art platonischer Geliebter, all das trifft auf ihn, die Hauptfigur der Romans, zu. „Der Kolibri“ wurde im letzten Jahr mit dem wichtigsten italienischen Literaturpreis, dem Premio Strega ausgezeichnet und es ist zu lesen, dass der Roman bereits verfilmt wird. Die Hauptrolle übernimmt Nanni Moretti, der bereits in „Stilles Chaos“, ebenfalls einer Romanverfilmung eines Werkes von Veronesi, für die er 2005 ein erstes Mal den Premio Strega erhielt, zu sehen war. Sandro Veronesi gilt in Italien als einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren, bei uns erschienen zwar auch einige seiner Romane, dennoch ist er deutlich weniger bekannt.

Dabei zeigt „Der Kolibri“, dass Veronesi ein souveräner Erzähler ist, dem es gelingt, einerseits zu unterhalten und zu fesseln, andererseits seinem Werk Tiefe mitzugeben. Das mag sich vielleicht nicht sofort zeigen, je weiter man aber in die Geschichte eintaucht, desto deutlicher wird, mit welchem erzählerischen Geschick er das Leben seines Protagonisten in all seinen Facetten aufblättert und dabei all die großen Themen, die ein Leben streift oder streifen kann, fast spielerisch, aber auch analytisch, in den Fokus nimmt.

„Kolibri“, so wurde Marco als Kind genannt, da er ungewöhnlich klein war – eine medizinische Behandlung ließ ihn als Jugendlichen dann innerhalb weniger Monate extrem schnell in die Höhe schießen – und auch, weil er immer Bewegung war und ist, „um in der Schwebe zu bleiben“, wie es heißt. Veronesi erzählt die Lebensgeschichte Marcos aber keineswegs chronologisch, wild springt er hin und her, am Beginn des Romans steht etwa eine Episode, die die Trennung von seiner Frau Marina einläuten wird, als deren Psychoanalytiker ihn aufsucht, um ihm zu sagen, dass seine Patientin, eben Marcos Frau, schwanger von einem anderen sei. Zu diesem Zeitpunkt könnte man noch glauben, dass „Der Kolibri“ eine Geschichte um diese Beziehung und ihr Ende sein könnte, doch der Roman ist weit mehr als das. Psychoanalytiker spielen, nebenbei bemerkt, eine wiederkehrende (Neben-)Rolle im gesamten Roman, wenn Marco ihnen auch zeitlebens skeptisch gegenüberstehen wird.

Nach und nach lesen wir also, was Marco in seinem Leben alles erfahren, oder vielleicht sollte man sagen erleiden musste. Es sind einige schwere Schläge, die er hinnehmen muss, zum Beispiel den Suizid seiner älteren, klugen aber eben auch depressiven Schwester, der die Familie – natürlich – schwer trifft. Dieser Tod wird nicht die einzige Tragödie in seinem Leben bleiben, doch „Der Kolibri“ ist alles andere als ein deprimierendes Buch. Veronesi trifft stets den richtigen Ton zwischen Leichtigkeit und Schwere, und trotz teils verschachtelter, langer, aber eben auch rhythmischer Sätze ist seine Sprache unkompliziert, der Roman leicht lesbar und dennoch nicht ohne Anspruch. Das ist auch der gelungenen Übersetzung von Michael von Killisch-Horn zu verdanken, die nur an wenigen Stellen etwas holpert.

Aufgelockert wird der Text auch durch die Briefe, die Marco und Luisa, seine große unerfüllte Liebe, einander schreiben, und ebenso durch den unterschiedlichen Charakter der verschiedenen Kapitel. Manche bestehen quasi nur aus Dialogen, andere zeichnen sich durch einen weit ausholenden, ausschweifend kommentierenden Erzähler aus. Einzelne Kapitel ziehen enorm in ihren Bann, da Veronesi sehr gut darin ist, Szenen zu entwerfen und Figuren zum Leben zu erwecken, Figuren, die zum Teil durchaus skurril sind.

So blättert sich nach und nach (fast) das ganze Leben dieses Marco Carrera vor uns Leser:innen auf. Er ist immer in Bewegung und womöglich muss er im Laufe der Zeit mehr verkraften, als andere. Dennoch ist „Der Kolibri“ alles andere als nur traurig und trostlos. Manchmal ist der Roman melancholisch, manchmal fast an der Grenze zum Melodramatischen, doch Veronesi ist ein zu guter Erzähler, um nicht die richtige Balance zu finden. „Der Kolibri“ ist ein fesselnd erzählter Roman, in dem sich jeder und jede irgendwo wieder finden kann, ein Roman, enorm gut konstruiert, ohne dass sich dieses Konstrukt aufdrängen würde. Große Leseempfehlung.

Sandro Veronesi: Der Kolibri, aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn, Zsolnay Verlag, 2021, 352 Seiten