Im Unerkundbaren kommen wir einander nah – Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Blaue Frau„Im Unerkundbaren kommen wir einander nah“ – dieses Zitat von Ilse Aichinger, das in Antje Rávik Strubels neuem Roman die Titelfigur, die „Blaue Frau“ sagt, passt auf den gesamten, sehr vielschichtigen Roman, den ich mit Begeisterung gelesen habe. Wobei eben diese blaue Frau eine sehr undurchsichtige Figur ist, die die Haupterzählung mit ihrem Erscheinen jeweils unterbricht. Sie begegnet dann einer Schriftstellerin, die Ähnlichkeiten mit der Autorin hat. Räume überlagern sich hier, Grenzen scheinen plötzlich verwischt, wer diese blaue Frau ist, sein soll, sein könnte, wofür sie steht, das bleibt angedeutet.

Eigentliche Hauptfigur des Romans ist die junge Adina, auch Nina oder Sala genannt, fast so, als sei ein einziger Name zu wenig für sie. Aufgewachsen in einem tschechischen Dorf in einem Frauenhaushalt, war sie oft allein als Kind und Jugendliche. Später dann ging sie nach Deutschland, kam nach Berlin, lernte die Sprache, traf auf eine forsche Fotografin, durch die sie auf Umwegen einen Praktikumsplatz in einem Kulturhaus in der Uckermark erhielt. Ihr Chef Stein war überheblich und gönnerhaft, doch sollte die schlimmste aller Begegnungen noch folgen, und zwar in Gestalt von Johann Manfred Bengel, einem sogenannten „Multiplikator“, den Stein braucht, um seine Projekte zu finanzieren. Bengel ist einer, der es gewöhnt ist, sich zu nehmen, was er will und damit durchzukommen.

Diese Lebensgeschichte Adinas rollt Rávik Strubel nach und nach und nicht chronologisch auf. Zu Beginn des Romans befindet sie sich in Helsinki, sie ist allein, und nicht nur das, sie scheint von aller Welt verlassen. Hier fühlt sich alles sehr diffus an, die Autorin erzählt unkonkret, und man spürt, dass das, was Adina hinter sich zu lassen versucht, etwas Ungeheuerliches sein muss. An anderen Stellen ist das Erzählte wiederum sehr real und greifbar. Zwischen diesen beiden Polen spielt sich „Blaue Frau“ ab, und es ist unter anderem diese besondere Erzählweise, die mich sofort hineingezogen hat in diesen Roman und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen hat. Rávik Strubel spricht die Leser:innen durchgehend auf einer tieferen gefühlsmäßigen Ebene an, ohne aber jemals in Kitsch oder Larmoyanz abzurutschen.

Womöglich ist das schon viel verraten über dieses Buch, das für mich auch deshalb einen besonderen Reiz hatte, weil ich lange nicht wusste, was genau mich eigentlich erwartet. „Blaue Frau“ ist unheimlich vielschichtig, der Roman erzählt diese sehr persönliche, bestürzende Geschichte über Adina, die beim Lesen außerordentlich wütend macht, und wie nebenbei erzählt er eine Geschichte über Europa und die Europäische Union und das Trennende und Einende darin, über Macht und Machtmissbrauch und das alles, ohne dass er jemals überfrachtet wäre, denn alles fügt sich organisch ineinander. Rávik Strubel findet für alles die richtige Erzählhaltung, die richtigen Worte, sie deutet an, wo eine Andeutung mehr sagt als eine konkrete Beschreibung, sie führt vor und ordnet ein.

Ihre Figuren sind dabei äußerst gelungen gezeichnet, vielschichtig und nachvollziehbar: Die zwar schüchterne, aber auch starke Adina, die daran gewöhnt ist, allein zurechtzukommen, einfach, weil sie es immer musste. Der estnische Diplomat Leonides, mit dem sie, so glaubt Adina, nur eine „vorübergehende Geschichte“ haben wird und der zwar intelligent ist und dem wirklich an ihr liegt, dem aber die Fähigkeit fehlt, hinter die Fassade zu sehen. Die Schweizerin, deren Hilfsbereitschaft nur vorgeschoben ist und deren Rolle so symptomatisch-ernüchternd ist. Der schmierige, von sich selbst so eingenommene Bengel.

Antje Rávik Strubel findet in ihrem neuen Roman stets den richtigen Ton, sie wählt einen überzeugenden Aufbau, sie erzählt eine Geschichte, die alles andere als neu ist, die aber immer wieder erzählt werden muss, und das teils voller Poesie und in starken Bildern, teils so nüchtern, dass es einen schalen Nachgeschmack hinterlässt – den es hinterlassen soll und muss. „Blaue Frau“ ist ein Buch über Rassismus und Sexismus, und es zeigt schonungslos auf, wie viel im Kampf gegen diese beiden noch zu tun ist. Ich bin begeistert von „Blaue Frau“. Der Roman ist überzeugend konzipiert, wiederkehrende Motive (wie das Wasser) werden dosiert und präzise eingesetzt, Sprache und Stil überzeugen, gerade auch in ihren Variationen. Für mich ein absolutes Highlight in diesem Jahr und ein Roman, der in meinen Augen unbedingt auf die Longlist des Deutschen Buchpreis gehört, die morgen veröffentlicht wird.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau, Fischer Verlag, 2021, 432 Seiten