Urlaub mit Mutter – Matthias Nawrat: Reise nach Maine

Reise nach MaineAnfang 2019 habe ich zum ersten Mal einen Roman von Matthias Nawrat gelesen, nämlich „Der traurige Gast“. Ein zutiefst melancholisches und auch trauriges Buch, dessen besondere Atmosphäre mir noch lange in Erinnerung geblieben ist. Daher stand für mich fest, wenn der Autor einen neuen Roman veröffentlicht, dann muss ich auch diesen lesen.

In „Reise nach Maine“ begleiten wir einen Autor, auch diesmal bleibt der Protagonist wieder namenlos, auf seinem Trip in die USA, den er zusammen mit seiner Mutter unternimmt. Eigentlich war der Plan, dass die beiden eine Woche gemeinsam verbringen und die zweite Woche jeder etwas allein unternimmt, doch kurz bevor sie sich auf den Weg machen, informiert ihn die Mutter darüber, dass sie die kompletten zwei Wochen mit ihrem Sohn verbringen werde. Dieser ist sich nicht ganz sicher, was er davon halten soll. Er hatte sich auf die Zeit mit seiner Mutter gefreut, aber auch darauf, danach allein zu sein.

Gleich zu Beginn, die beiden sind gerade in ihrer ersten Unterkunft, einer privat vermieteten Wohnung, untergekommen, stolpert die Mutter über einen Hocker und bricht sich die Nase. So geht es also erst einmal in die Notaufnahme und wir Leser:innen erleben en detail, was im Krankenhaus passiert.

Später reisen die beiden dann weiter, nehmen sich ein Mietauto, unterhalten sich oder schweigen, begegnen Menschen, mit denen sie meist schnell ins Gespräch kommen. Die Geschichte lebt nicht von großen, unvorhergesehenen Ereignissen oder ähnlichem, sie fließt vielmehr dahin. Der Ich-Erzähler beobachtet und gibt an seine Leser:innen weiter, was er wahrnimmt, was geschieht. Er ist Schriftsteller wie sein Schöpfer Nawrat und auch sonst scheint es zwischen beiden einige biographische Gemeinsamkeiten zu geben.

Mehr und mehr rückt die Mutter-Sohn-Beziehung in den Mittelpunkt, die einerseits speziell zu sein scheint, andererseits aber auch wieder typisch in den treffenden Dialogen, die ich als gelungen und authentisch empfand. Die Mutter, die ungefragt das Bett des Sohnes macht, als er in der Dusche ist, die ihm vorwirft, er würde schlecht über sie denken, oder dass er eigentlich gar keine Lust habe, Zeit mit ihr zu verbringen, kurz: Er würde sie nicht verstehen. Darauf dann der innere Widerstand des Sohnes, der sich angegriffen fühlt, missverstanden und einfach nur seine Ruhe haben will. Und nebenbei treten immer wieder neue Menschen auf, man wird sich schnell vertraut und führt persönliche Gespräche, sie ziehen aber auch ebenso schnell wieder weiter. Zurück bleiben Mutter und Sohn, in dieser etwas schwierigen Beziehung, die durch die vielen Jahre, die diese nun schon andauert, geprägt ist, eingefahren auch, der Autor macht das sehr deutlich und nachempfindbar.

So ganz weiß ich nach Beenden der Lektüre nicht recht, was ich von „Reise nach Maine“ halten soll bzw. was mir eigentlich gefehlt hat. Ganz eindeutig hat mir „Der traurige Gast“ besser gefallen, mich mehr berührt und getroffen, während ich hier das Gefühl habe, dass das Buch weniger bleibenden Eindruck hinterlassen wird. Ja, Nawrat bringt diese Mutter-Sohn-Beziehung treffend auf den Punkt, er macht deutlich, wie das Leben der Mutter sie geprägt hat und warum sie so wurde, wie sie ist. Ich bin nicht ungern mit den beiden auf die Reise gegangen. Letztlich sind es nur Nuancen und ich mag Nawrats Art zu schreiben sehr und werde sicher auch sein nächstes Werk wieder lesen.

Matthias Nawrat: Reise nach Maine, Rowohlt Verlag, 2021, 224 Seiten


3 Gedanken zu “Urlaub mit Mutter – Matthias Nawrat: Reise nach Maine

  1. Mich hatte schon der Gast nicht mehr so überzeugt, leider hab ich wohl nicht darüber geschrieben & deshalb vergessen warum… (gegen das Lesen-und-Vergessen hab ich überhaupt das Bloggen begonnen…)
    Kennst du sein Debüt „Unternehmer“?
    Das hat mich darauf gebracht, ich müsste vll mal mehr von dem Autor lesen: https://soerenheim.wordpress.com/2019/01/23/fantastische-apokalypse-mit-widerspruechen-unternehmer-von-matthias-nawrath/

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    1. Ich kenne nur den Gast und dieses, vielleicht sollte ich dem Debüt auch eine Chance geben… mit dem vergessen kenne ich, das geht mir teilweise schon so, wenn ich nicht sofort nach der Lektüre schreibe, wobei das auch glaub ich sehr aufs Buch ankommt.

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