Der Kreis schließt sich – Ali Smith: Sommer

SommerMit „Sommer“ schließt die schottische Autorin Ali Smith ihr Jahreszeitenquartett ab, das mit dem Roman „Herbst“ im Jahr 2016 als Reaktion auf den gerade beschlossenen Brexit begann. Es sind vier großartige Romane, in denen Smith ihr Können beweist, vier Romane, die unabhängig voneinander zu lesen sind. Nach Lektüre des letzten ist aber deutlich geworden, dass es sich empfiehlt, die Bücher in der Reihenfolge ihres Erscheinens zu lesen, da sich nun einiges zusammenfügt und Fäden wieder aufgenommen werden. Vor allem ist „Sommer“ aber der erste Roman, in dem Figuren aus den Vorgängern wieder auftauchen.

Zunächst aber begegnen wir der 16-jährigen Sacha, einer Jugendlichen, die sich gegen den Klimawandel engagiert, die die großen Ungerechtigkeiten der Welt bekämpfen will. Sie ist intelligent und scharfsinnig, was auch auf ihren drei Jahre jüngeren Bruder Robert zutrifft, der allerdings in seinem jungen Alter schon ein Pessimist und Zyniker ist, der keinen Hehl daraus macht, dass er sich oft für klüger als die anderen hält. Nachdem der Vater der beiden die Familie quasi klassisch für eine Jüngere verlassen hat (und ausgerechnet ins Nebenhaus gezogen ist), leben Sacha und Robert allein mit ihrer Mutter Grace, die ehemals eine vielversprechende Schauspielerin war. Aus der großen Karriere wurde aber nichts.

Der Zufall will es, dass die Familie auf Arthur und Charlotte trifft, die die Leser:innen der Quartett-Vorgänger aus „Winter“ kennen. Die beiden betreiben den Blog „Art in nature“ und sind immer auf der Suche nach passenden Themen für ihren Internetauftritt. Als sie zusammen mit Grace, Sacha und Robert eine Tour unternehmen, treffen wir schließlich auch den hochbetagten Daniel aus „Herbst“ wieder, der inzwischen 104 Jahre alt ist und immer noch von Elisabeth, um die er sich in früheren Jahren gekümmert hatte, umsorgt wird.

Auch „Sommer“ spielt wieder auf zwei Zeitebenen. Smith führt uns in die Vergangenheit in den Zweiten Weltkrieg und erzählt Erlebnisse des jungen Daniel, bevor die Geschichte zurück in die Gegenwart springt. Wie so oft bei Ali Smith wird man als Leserin zunächst einmal ohne Orientierung in einen neuen Kontext geworfen, ist verwirrt und muss sich zurechtfinden, doch man kann sich auch darauf verlassen, dass die Autorin weiß, was sie tut und sich der Nebel lichten wird. Was auf der anderen Seite aber nicht heißt, dass sie alle Fragen beantworten wird.

Wie schon in allen Romanen, die ich bisher von Smith gelesen habe, so sind es auch dieses Mal wieder die Charaktere, die sofort überzeugen. Robert etwa mag zu Beginn anstrengend sein, doch mit der Zeit wird deutlich, warum er sich so benimmt, wie er sich benimmt. Jede einzelne Figur zeigt Smith in ihrer Ambivalenz, und das, ohne viele Worte machen zu müssen. Sie sind enorm lebendig und es ist die große Kunst Smiths, zu zeigen, dass Menschen immer vielschichtig sind. Das betrifft nebenbei bemerkt alle Altersstufen. Großartig, wie sie die jeweils aktuellen Lebensthemen der Figuren in die Geschichte einflicht.

Es ist äußerst gelungen, wie Smith die Fragen unserer Zeit in „Sommer“ unterbringt. Inzwischen sind wir im Nach-Brexit-Zeitalter angekommen, doch auch weitere Themen ziehen sich durch das komplette Quartett und sind hier wieder präsent: Der Umgang mit Geflüchteten zum Beispiel, die Klimakrise, die Welt, die sich in Zeiten des Internets und von Social Media immer schneller zu drehen scheint und in „Sommer“ nun auch die Corona-Pandemie, die glücklicherweise aber nicht im Vordergrund steht und über die keine Debatten geführt werden.

Wenn ich in meinen Besprechungen zu den Vorgängern dieses Romans geschrieben habe, dass bei Smith alles miteinander zusammenhängt, so lässt sich diese Aussage nun endgültig für den gesamten Zyklus treffen, denn dadurch, dass nun die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Bänden klarer werden, wird auch noch einmal deutlicher, wie sehr Smith das große Ganze im Blick hat, indem sie immer wieder Querverbindungen zieht. Und das alles ist immer enorm elegant, sodass es stets leicht und spielerisch wirkt.

„Sommer“ ist ein würdiger Abschluss dieser Tetralogie, in dem noch einmal Kunst, Wissenschaft, Klimawandel und Brexit wie nebenbei verhandelt und in den Blick genommen werden. Im Mittelpunkt stellt die Autorin erneut die Menschen und ihre Beziehungen zueinander. „Sommer“ zeigt einmal mehr die Probleme unserer Zeit auf, bleibt aber dennoch lebensbejahend und hoffnungsvoll. Mir als Ali-Smith-Fan bleibt nun die Frage, mit was sie uns wohl das nächste Mal überraschen wird. Vielleicht zeigt sie sich von einer komplett anderen Seite? Zuzutrauen wäre es ihr.

Ali Smith: Sommer, aus dem Englischen von Silvia Morawetz, Luchterhand Verlag, 2021, 384 Seiten


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