Ankommen – Lena Gorelik: Wer wir sind

Wer wir sindLena Gorelik kam mit ihrer Familie in den frühen 90er Jahren nach Deutschland. In ihrem neuen Roman „Wer wir sind“ erzählt sie über ihre frühen Lebensjahre in der Sowjetunion sowie von den ersten Jahren, die sie in Deutschland verbrachte. Es ist ein sehr persönliches Buch, das dem, was bisher zu den Themen Herkunft und Identität zu lesen war, durch den sehr spezifischen Ton eine neue Nuance hinzufügt. In meinen Augen ist „Wer wird sind“ ganz wunderbar: Fesselnd, klug und sehr melancholisch, eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, teils schambehaftet und voller Trauer, andererseits sehr hoffnungsvoll und am Ende versöhnlich, und ein Buch voller wunderbarer poetischer Textstellen.

Sehr gefallen hat mir, dass Gorelik nicht chronologisch vorgeht, dass sie zwar episodenhaft erzählt und zeitlich vor- und zurückspringt, dass sie sich dabei aber nie verzettelt oder es wirr wird, auch wenn es oberflächlich betrachtet keine stringente Ordnung gibt in diesem Buch. Einen größeren Teil nimmt die Erinnerung an diejenigen in ihrer Familie ein, die nicht mehr da sind, den toten Onkel etwa, um den die Großmutter nicht aufhören kann zu trauern. Die junge Lena will davon nichts wissen: Es ist das Leben, das sie interessiert, der Alltag in diesem neuen Land, in dem sie sich zurechtfinden muss. Dabei möchte sie nicht gestört werden von den ambivalenten, komplizierten Gefühlen der Eltern und der Großmutter, die ihre ganz eigenen Probleme damit haben, anzukommen, zu tief sind die Wurzeln, die sie in der Heimat geschlagen haben.

„Das ist die Geschichte des Mädchens, das manchmal fehl am Platz ist, immer noch. Es hat keine Sprache, in diesen Momenten, die es sich nicht aussuchen kann, es sucht dann einfach nur wieder den Boden unter den Füßen, den deutschen, irgendeinen.“ S. 272

Alles ist erst einmal neu und ungewohnt. Eine neue Sprache, das Leben im Wohnheim, die Schule, in der sie zunächst einmal keine Freundinnen hat. Der ständige Abgleich des Neuen mit dem Gewohnten, der Wunsch, sich anzugleichen und nicht aufzufallen, das Gefühl, sich für die Eltern zu schämen, denen das nicht gelingen kann: nicht aufzufallen. In der Sowjetunion waren sie Ingenieure, jetzt fangen sie weit unten wieder von vorn an.

Es sind die unterschiedlichsten Erinnerungen, die die Erzählerin bemüht, an das Schachspielen mit ihrem Vater etwa, der sie nie gewinnen ließ. Gorelik verknüpft die Vergangenheit immer wieder mit der Gegenwart, stellt die Frage danach, wie verlässlich ihre Erinnerungen eigentlich sind, betrachtet ihre eigenen Kinder, deren Erfahrungen wieder völlig anders als die eigenen sind. Es sind drei Generationen einer Familie, einander in Liebe verbunden, doch das Erlebte, der Blick auf die Welt, unterscheidet sich immens.

Sehr gut gefallen haben mir auch die Passagen über die Sprache, über die Unterschiede zwischen dem Russischen und dem Deutschen. Gorelik vergleicht die beiden Sprachen miteinander, erklärt und ordnet ein, zieht Rückschlüsse auf diejenigen, die die Sprache sprechen. Spürt den Worten nach, die für sie auf Engste verbunden sind mit Heimat, Familie, Geborgenheit.

Als Erwachsene, auch als Mutter (aber nicht nur) versteht sie Einiges, was sie als Kind und Jugendliche nicht sehen wollte und konnte. Wie es den Eltern wirklich mit der Auswanderung erging, wie sie in der Fremde und am Heimweh litten, welch mutigen Schritt sie getan hatten. In ihrer inneren Rebellion und eingenommen von den eigenen Ängsten, beschäftigt mit den eigenen Erfahrungen hatte sie die Ausgrenzung, den Rassismus, den die Eltern immer wieder erlebten, zwar gesehen, aber eben auch oft übersehen. Nun ist eine Annäherung auf einer neuen Ebene möglich.

Da „Wer wir sind“ stark autobiographisch ist, habe ich zwischen Autorin und Erzählerin in diesem Text nicht unterschieden. Nicht alles mag sich genauso wie erzählt zugetragen haben, aber vermutlich so oder ähnlich. Letztlich zeigt der Roman, was es heißt und heißen kann, die Heimat zu verlassen und eine neue zu suchen, wie schwierig das eigentlich ist und dass der Prozess nie abgeschlossen ist. „Wer wir sind“ hat mich gefesselt und berührt, ich hätte auf jeder Seite Passagen, Sätze, Gedanken anstreichen können. Für mich ein wichtiges, kluges und berührendes Buch von einer exzellenten Beobachterin, ehrlich und voller Liebe und Melancholie. Ein echtes Highlight bisher in diesem Lesejahr.

Lena Gorelik: Wer wir sind, Rowohlt Berlin Verlag, 2021, 320 Seiten