Liebe und Gewalt – Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios

Auf Erden sind wir kurz grandiosOcean Vuongs gefeierter Debütroman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ ist vor kurzem bei btb als Taschenbuch erschienen. Grund genug für mich, das Buch endlich zu lesen. Der Roman ist der Brief eines Sohnes an seine Mutter, den er in dem Wissen schreibt, dass sie ihn nicht lesen wird, denn sie ist Analphabetin. Mutter und Sohn kamen aus Vietnam in die USA, da war er gerade einmal zwei Jahre alt. Sie schuftet in einem Nagelstudio, und sie schlägt den Sohn, seit er klein ist, doch sie liebt ihn auch. Der Krieg hat sie traumatisiert.

Vuongs Roman ist weder eine Anklage noch eine Rechtfertigung, vielmehr ist „Auf Erden sind wir kurz grandios“ eine Art Bestandsaufnahme, ein „So ist es“ gleichzeitig mit einem „So war es“. Das Buch ist stark autobiographisch und damit eine Verarbeitung des eigenen Lebens des Autors, aber auch seiner Herkunft und seiner Prägung, die er durch die Geschichte seiner Mutter und seiner Großeltern mitbekommen hat.

Vuong erzählt keine linear aufgebaute Geschichte. Er springt hin und her, schreibt episodenhaft, stark assoziativ und poetisch. Die Sprache steht klar im Vordergrund, Vuong ist auch Lyriker, was man dem Roman stets anmerkt. Stark, wie er Gefühle transportiert, wie er seine Leser:innen trifft mit seiner Melancholie, egal, ob er nun in die Vergangenheit eintaucht und etwa die beeindruckende Geschichte seiner Großmutter erzählt, die sich im Krieg prostituieren musste, sich dann in einen amerikanischen Soldaten verliebte, der sie verließ, bevor ihre Tochter, die Mutter des Erzählers, zur Welt kam. Oder ob es um seine eigene erwachende Sexualität geht, als er sich in den drogenabhängigen Trevor verliebt, mit dem er erste Erfahrungen macht, auch diese Beziehung ist nicht frei von Gewalt. Diese zieht sich durch das Leben des Autors und somit durch den Roman.

Wenn man sich einlässt auf Ocean Vuongs Debüt, wird man sehr belohnt: Was manchmal wie die willkürliche Aneinanderreihung von Episoden, Gedanken und Assoziationen wirken könnte, hat eine ungeheure poetische Kraft und zeugt auf der einen Seite von der tiefen Traurigkeit des Erzählers, andererseits aber auch von einer nicht unkomplizierten Liebe zu seiner traumatisierten Mutter. Alles, was Vuong in „Auf Erden sind wir kurz grandios“ erzählt, zeugt von seinem Wunsch, zu verstehen. Nebenbei erfahren wir von den prekären Bedingungen, zu denen Einwander:innen in den USA um die Jahrtausendwende lebten und arbeiteten, wobei die Vietnames:innen eine besondere Gruppe unter den Eingewanderten einnehmen. Ein starkes Debüt. Man darf gespannt sein, was von Ocean Vuong noch zu lesen sein wird.

„Es gibt so vieles, was ich dir sagen will, Ma. Ich war einmal naiv genug zu glauben, dass Wissen Klarheit schafft, doch manche Dinge sind so umflort von Zeichen und Bedeutungen, von Tagen und Stunden, Namen, die man vergessen, erhalten und abgelegt hat, dass die Wunde, nur weil man weiß, dass sie existiert, dadurch noch lange nicht freigelegt wird.“ S. 75

Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios, aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag, btb Taschenbuch Verlag, 2021, 272 Seiten


3 Gedanken zu “Liebe und Gewalt – Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.