Meister der Fabulierkunst – Mathias Enard: Das Jahresbankett der Totengräber

Das JahresbankettIch bin großer Fan von Mathias Enards mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman „Kompass“, der bei uns 2017 erschien und in dem sich der französische Schriftsteller als geborener Geschichtenerzähler erweist. Genau diese Fabulierkunst zeigt sich auch in seinem neuen Roman „Das Jahresbankett der Totengräber“, der vor kurzem bei Hanser Berlin in der großartigen Übersetzung von Holger Fock und Sabine Müller erschienen ist.

In ihm begegnen wir zunächst dem Pariser Anthropologen David, der für seine Dissertation aufs Land zieht, um dort die Landbevölkerung unter die Lupe zu nehmen und sich deren Lebensweise genauer anzusehen. David hält sich für etwas Besseres, die Episode auf dem Land soll eine Zwischenstation sein, schließlich möchte er bald zurück zu seiner Pariser Freundin, die auf ihn wartet. Wir lesen Davids Tagebuchaufzeichnungen nach seiner Ankunft in dem Kaff, das nun eine Weile sein zu Hause sein soll, während es mit seiner Dissertation nicht vorangeht.

„Das Jahresbankett der Totengräber“ ist aber viel mehr als diese Geschichte Davids. Mathias Enard schweift ab, wann immer es ihm gefällt, geht weit zurück in die Geschichte dieses Dorfs, springt aber auch wild hin und her in der Zeit, so dass man einerseits aufpassen muss, den Faden nicht zu verlieren, andererseits aber auch immer auf das Können des Autors vertrauen kann, der seine Leser:innen sicher durch das Fahrwasser seines Romans führt. Die Aufzeichnungen Davids brechen nach dem ersten Teil ab, es gibt einen Perspektivwechsel und geht mitten hinein in die Geschichte dieses Dorfs, unterbrochen von Anekdoten, Erzähltem im Erzählten, wobei alles irgendwie miteinander zusammenhängt, einerseits wild und ungestüm, andererseits hat Enard seinen Stoff stets im Griff.

Auch das Absurde kommt dabei nicht zu kurz: Nicht nur lesen wir von den verschiedenen Generationen, die das Dorf zu allen möglichen Zeiten bevölkerten, auch ins Tierreich führt uns der Roman. Menschen werden als Tiere wiedergeboren, so lesen wir, auch Ungeziefer schließt das ausdrücklich mit ein, alles ist hier möglich und durch die Selbstverständlichkeit, mit der Enard uns all das serviert, funktioniert das gut im Kosmos dieses wuchtigen und sinnlichen Romans.

Wobei ich einige Probleme mit „Das Jahresbankett der Totengräber“ hatte, die ich aber eher mir als dem Autor anlaste. Die ausschweifenden Beschreibungen von ausgiebigen Essensorgien haben mich ein wenig gelangweilt – das geht mir aber generell so, obwohl ich auch hier die Fabulierkunst Enards bewundert habe. In der zweiten Hälfte hat mich der Roman ein wenig verloren, war er mir etwas zu ausufernd, war es mir hier und da eine Ab- oder Ausschweifung zu viel. Dennoch: Der Roman ist äußerst verschlungen, aber so gut konzipiert, dass genau dieses Konzept nicht weiter auffällt. Auch die Tatsache, dass Enard ein Gelehrter mit unheimlich viel Wissen ist, wird einem bei der Lektüre des Romans immer wieder bewusst, wobei er dieses Wissen niemals nur einfach zum Selbstzweck vorzeigt, sondern verschiedene Referenzen stets so organisch unterbringt, dass es eine Freude ist.

Auch, wenn ich persönlich ein wenig mit dem Roman gekämpft habe: „Das Jahresbankett der Totengräber“ zeigt einmal mehr, was für ein außergewöhnlicher Autor Mathias Enard ist. Nichts, was er erzählt, stellt man als Leser in Frage, so absurd es auch sein mag, alle Stränge finden am Ende zusammen, soweit es nötig und schlüssig ist und man spürt die Fabulierlust, die Enard beim Schreiben des Romans verspürt haben muss. Ein gewaltiger, ein wuchtiger, lehrreicher, komischer Roman, stets mit einem Augenzwinkern, und auf jeder Seite der Roman eines großen Geschichtenerzählers.

Mathias Enard: Das Jahresbankett der Totengräber, aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller, Hanser Berlin Verlag, 2021, 480 Seiten