Trauma – Sophie Hardcastle: Unter Deck

Unter DeckOlivia, meist Oli genannt, lebt allein bei ihrem Großvater, seit die Großmutter gestorben ist. Olis Vater ist ein wohlhabender Geschäftsmann in der Ölbranche, mit ihrer Mutter tingelt er um die Welt, stets von wichtigen Menschen und viel Geld umgeben, für ihn zählt vor allem Status und Ansehen. Als Olivias Großvater zu Beginn des Romans stirbt, kommen ihre Eltern nur kurz nach Australien, verbinden das Private mit dem Geschäftlichen und sind entsetzt, dass Olivia das angesehene Praktikum, das ihr von einer Investmentbank angeboten wurde, vielleicht nicht annehmen will.

Olivia würde beruflich eigentlich lieber etwas Anderes machen, etwas mit Kunst zum Beispiel, doch sie hat das Gefühl, dass dieser Weg ihr verschlossen ist. Als sie zufällig Mac und Maggie kennenlernt, einen älteren Skipper und seine gute Freundin, die auch eine Freundin seiner verstorbenen Frau war, nehmen die beiden sie mit auf einen Segeltörn, bringen ihr das Segeln bei und legen den Grundstein dafür, dass Olivias Leben anders verlaufen wird, als es bis dahin noch den Anschein hatte.

„Unter Deck“ geschieht das, was im Zentrum des Romans steht, und hier sei eine Triggerwarnung ausgesprochen, denn es geht um sexualisierte Gewalt, die Olivia erfährt, als sie einige Jahre nach ihrem ersten Segeltörn mit Mac und Maggie, mit fünf etwa gleichaltrigen Männern ein Schiff überführt, womit sie sich inzwischen ihr Geld verdient. Diese Passage in Sophie Hardcastles Roman ist nur schwer zu ertragen, und das nicht nur wegen der eigentlichen Vergewaltigung, als ob das noch nicht genug wäre !, sondern auch wegen all dem, was danach passiert.

Sophie Hardcastles Roman „Unter Deck“ habe ich in kürzester Zeit gelesen, ich bin hindurchgerauscht durch die ca. 300 Seiten, was für den Roman sprechen dürfte, der fesselnd geschrieben ist. Und ich wollte unbedingt wissen, wie Olivia mit dem traumatischen Erlebnis umgeht, ob und wie es ihr möglich ist, es zu überwinden. Dabei war ich zu Beginn von Hardcastles sehr sinnlichen Bildern und den plastischen Beschreibungen begeistert, fand aber auch, dass diese sich im Laufe des Romans etwas abnutzen, da die Autorin nicht eben sparsam mit ihnen umgeht. Ihre Heldin ist Synästhetin, sieht bzw. assoziiert also Farben, die sie zum Beispiel mit Wörtern oder Gegenständen verbindet, und Hardcastle gelingt es gut, diese Erfahrungen für ihre Leser:innen fühl- und erlebbar zu machen. Auch die Körperlichkeit Olivias steht immer wieder im Vordergrund: Die ständige Bewertung des Körpers von außen, ihr Empfinden ihm gegenüber von innen, ihre Wahrnehmung ihres Körpers nach dem traumatischen Erlebnis. Das empfand ich als sehr gelungen und wirklichkeitsnah.

Ein weiteres sehr wichtiges Motiv in „Unter Deck“ ist das Meer, bzw. das Element Wasser, zu dem Olivia sich sehr hingezogen fühlt, bis sie beginnt, es zu meiden, da es für sie untrennbar mit dem traumatischen Erlebnis verbunden ist. An manchen Stellen wirkt es vielleicht etwas zu sehr mit Bedeutung aufgeladen, und auch Mac und Maggie geizen nicht gerade mit den im Laufe ihres Lebens gesammelten Weisheiten, für mich hat das alles aber gut gepasst. Sophie Hardcastle bringt generell einige Themen in ihrem Roman unter, von denen die meisten bei genauerer Betrachtung mit dem Leben und den Erfahrungen junger Frauen zu tun haben. Die Autorin zeigt schlüssig auf, wie schwierig es heutzutage sein kann, als junge Frau seinen Platz im Leben zu finden – und das auf all den unterschiedlichen Ebenen, die es so gibt.

Insgesamt mochte ich Hardcastles Roman mit sehr kleinen, zu vernachlässigenden Abstrichen sehr, und der Eindruck hat sich mit etwas zeitlichem Abstand zur Lektüre gefestigt. Das liegt auch daran, dass „Unter Deck“ vor allem immer dann, wenn der Roman vom Meer und vom Element Wasser erzählt, etwas in mir angesprochen hat, das ich nicht in Worte fassen kann, das aber mit meiner eigenen Faszination für eben dieses Element Wasser zu tun hat. Hardcastle hat mich immer wieder in Gedanken ans Meer getragen und die dazugehörigen Geräusche, Gerüche und Erinnerungen gleich mitgeliefert. Es stimmt eben: Man liest sich selbst immer mit, und hier habe ich das offenbar in einem noch höheren Maß getan, als es bei den meisten anderen Büchern der Fall ist. 

Sophie Hardcastle: Unter Deck, aus dem australischen Englisch von Verena Kilching, Kein & Aber Verlag, 2021, 320 Seiten