Nicht sein dürfen – Akwaeke Emezi: Der Tod des Vivek Oji

Der Tod des Vivek Oji_1„Ich bin nicht, wofür mich alle halten. Das war ich nie. Meinem Mund fehlten die Worte, um es auszudrücken, um zu sagen, was falsch war, und die Dinge zu ändern, die ich gefühlt hätte ändern müssen.“ S. 47

Dass Vivek Oji stirbt, steht zu Beginn des Romans bereits fest. Seine Mutter findet ihn auf der Veranda vor dem Haus, eingewickelt in bunten Stoff. Und während sie an ihrer Trauer fast zu zerbrechen droht, erfahren wir in weiteren Handlungssträngen des Romans, wie es letztlich zu Viveks Tod kommen konnte und was es mit seiner „Andersartigkeit“ eigentlich auf sich hat.

Wir befinden uns in Nigeria in den 90er Jahren. Das Land ist geprägt von politischen Umwälzungen, die Moralvorstellungen sind konservativ und streng. Jemand wie Vivek, der in Auftreten und Aussehen aus der Reihe fällt, lebt gefährlich. Viveks Mutter Kavita, die indische Wurzeln hat, liebt ihr einziges Kind abgöttisch, auch für seinen oftmals strengen Vater Chika gilt das, doch beide verstehen nicht, was in ihrem Sohn vor sich geht. Als Kind hat er unerklärliche Blackouts, später beginnt er, sich auffällig zu kleiden und sich die Haare wachsen zu lassen. Vivek hat von klein auf eine enge Beziehung zu seinem Cousin Osita, die sich im Laufe der Zeit mehrfach wandelt. Die beiden bewegen sich in einem Kreis von Freund:innen, in dem Vivek geschützt ist und verstanden wird, doch außerhalb dieser kleinen Gruppe sieht das anders aus.

Akwaeke Emezi erzählt in „Der Tod des Vivek Oji“ aus verschiedenen Perspektiven. Ein personaler Erzähler berichtet von außen, Osita erzählt aus der Ich-Perspektive und auch Vivek selbst kommt zu Wort. Nach und nach kommen Einzelheiten aus dem Leben Viveks zutage, während im Hintergrund ein Bild Nigerias in den 90er Jahren gezeichnet wird.

„Der Tod des Vivek Oji“ ist ein sehr intensiver, oft schmerzhafter Roman, bei dem man als Leser:in durchaus Ohnmacht fühlt angesichts der Situation Viveks, der ein sensibler, liebenswerter junger Mann ist, der einfach nicht sein darf, wie er will – jedenfalls nicht nach außen. Dessen streng fundamentalistisch gläubige Tante ihn mit in ihre Kirche nimmt, wo man ihm seine Dämonen austreiben will. Der vor seinen Eltern geheim hält, wer er wirklich ist, weil er glaubt, dass sie die Wahrheit nicht verkraften werden.

Akwaeke Emezi schreibt meist in einem eher sachlichen Ton, teilweise aber sehr sinnlich und poetisch und von großen, von existenziellen Gefühlen. Das betrifft nicht nur Vivek und seine vergebliche Suche nach seinem Platz in der Welt, sondern auch etwa die Schilderungen von Kavitas Trauer um den Sohn, über der sie verrückt zu werden droht. Ich war sofort gefesselt von dieser Geschichte, die so grausam-realistisch von vornherein keinen Zweifel daran lässt, dass wir kein Happy End erwarten können. Die New York Times schrieb, dass „Der Tod des Vivek Oji“, ein düster schillernder Roman sei, und ich empfinde diese Zuschreibung als sehr treffend. Die Geschichte ist intensiv, traurig, mitreißend und ich empfehle den Roman sehr. Akwaeke Emezi identifiziert sich selbst als nichtbinär und transgender. „Der Tod des Vivek Oji“ ist nach „Süßwasser“ und dem Jugendroman „Pet“ (offenbar bisher ohne deutsche Übersetzung) Emezis dritter Roman.

„Aber wenn dich niemand sieht, bist du überhaupt noch da?“ S. 47

Akwaeke Emezi: Der Tod des Vivek Oji, aus dem amerikanischen Englisch von Annabelle Assaf, Eichborn Verlag 2021, 271 Seiten