Christliche Mission – Katharina Döbler: Dein ist das Reich

Dein ist das ReichKatharina Döblers neuer Roman „Dein ist das Reich“ erscheint bei uns passend zur Kolonialismusdiskussion, die gerade geführt wird, zum Beispiel in der Debatte um das gerade in Berlin neu eröffnete Humboldt-Forum, in dessen Bestand sich Objekte aus der Kolonialzeit befinden und die aus Unrechtskontexten stammen. Zum Beispiel geht es um ca. 440 so genannte Benin-Bronzen, über deren Rückgabe gestritten wird. Heutzutage dürfte dem Kolonialismus (hoffentlich!) niemand mehr etwas Positives abgewinnen, doch eine wirkliche, eine intensive Aufarbeitung, bei der es nicht nur bei großen Worten bleibt, kommt nur langsam in Gang.

Katharina Döblers Großeltern waren allesamt als christliche Missionare in Neuguinea, sie betrieben dort einen religiösen Kolonialismus. Die Autorin wurde mit den Geschichten aus der Neuendettelsauer Mission in „Kaiser-Wilhelms-Land“ groß, der deutschen Kolonie, in der die Großeltern den Großteil ihres Lebens verbrachten. Wie ihrer Ich-Erzählerin, so kamen auch der Autorin mit den Jahren Zweifel an Wahrheitsgehalt und Deutung der erzählten Geschichten, bzw. an der Rechtfertigung des Handelns der Mission, die dabei natürlich immer mitschwang. „Dein ist das Reich“ ist die fiktionalisierte Geschichte ihrer eigenen Großeltern.

Döbler erzählt ruhig und in oft eher sachlichem Ton von den Großeltern und den Wegen, die sie in die Kolonien brachten. Von der Großmutter, die ihren Mann eher widerwillig heiratete und dann erst einmal fast eine Dekade warten musste, bevor sie ihm überhaupt nach Neuguinea folgen durfte. Vom anderen Großvater, der in Ungnade fiel, weil er ein Verhältnis mit einer Einheimischen begann, was streng verboten und verpönt war – natürlich war an Beziehungen zwischen den weißen Missionaren und den zu Missionierenden nicht zu denken. Es dauerte, bis über diese „moralische Entgleisung“ Johanns Gras gewachsen war. Diese Episode übrigens wurde in den glattgebügelten Geschichten in der Familie nicht erwähnt bzw. als ungeheuerliches Gerücht abgetan.

Der Roman erzählt die Geschichte der Großeltern und später der Eltern chronologisch. Auch die Eltern der Ich-Erzählerin waren noch mitten im Missionskosmos der Großeltern gefangen, wobei es üblich war, dass Kinder nach Deutschland gebracht wurden, wo sie ohne die Eltern aufwuchsen, die wieder in die Kolonie aufbrachen, um dort weiter ihren Aufgaben nachzugehen.

Der Ton im Roman ist oft zurückhaltend, ganz klar ist jedoch zu jeder Zeit die kritische Sichtweise der Ich-Erzählerin spürbar, auch dann, wenn sie die Motivation der Großeltern, ihre Sichtweisen und Überzeugungen erläutert, und wenn ihr bewusst ist, dass die Großeltern auf eine heute nur noch schwer nachvollziehbare Weise glaubten, dass sie Gutes taten, dass das hohe Ziel der Bekehrung der verlorenen Seelen zum christlichen Glauben all ihr Handeln rechtfertigte. Dieser Balanceakt gelingt. Besonders nah war mir die Geschichte immer dann, wenn die Ich-Erzählerin aus ihrem eigenen Leben und über Begegnungen mit ihren Großeltern erzählte. Für mein Empfinden hätten diese Passagen umfangreicher sein dürfen (an anderer Stelle hätte man dagegen durchaus etwas kürzen und straffen können), ich hätte gern mehr Verbindendes gehabt zwischen der Großelterngeneration und der Enkelgeneration. Andererseits geht es der Autorin wohl nicht darum, beide Parteien aufeinandertreffen und womöglich Argumente austauschen zu lassen – sowieso ist fraglich, ob dabei eine fruchtbare Auseinandersetzung entstanden wäre.

Und das „Reich“ aus dem Titel? Es bezeichnet treffend nicht nur das religiöse Reich aus dem Vater Unser, das zitiert wird, sondern eben auch das ganz irdische Reich, das die Missionare zu dem ihren machen wollten. Wem also gehört es? Gehört es überhaupt irgendwem? „Dein ist das Reich“ ist ein lesenswerter, kritischer Roman über eine Zeit und ein Thema, mit dem wir uns unbedingt mehr beschäftigen sollten. Mit Katharina Döblers Roman können wir beginnen.

Katharina Döbler: Dein ist das Reich, Claassen Verlag, 2021, 480 Seiten