Zwei Frauen – Zeruya Shalev: Schicksal

SchicksalRachel ist um die 90, sie ist Witwe, hat zwei Söhne, und in ihrer Vergangenheit gibt es etwas, das sie bisher gut unter Verschluss gehalten hat. Denn bevor sie eine Familie gegründet hat, war sie schon einmal verheiratet, doch die Ehe endete plötzlich nach nur einem Jahr und Rachel hatte nie wieder Kontakt zu Meno, ihrem ersten Mann.

Nun aber, gegen Ende ihres Lebens, taucht plötzlich Atara bei Rachel auf. Sie ist Menos Tochter und möchte wissen, wer die erste Frau ihres Vaters, der vor kurzem verstarb, überhaupt ist. Sie weiß fast nichts über dieses Kapitel im Leben des Vaters. Zu ihm hatte sie immer ein ambivalentes Verhältnis, hatte stets das Gefühl, ihm nicht zu genügen, fühlte sich ungeliebt. Als er sie am Sterbebett offenbar für seine erste Frau hält und Atara eine Zärtlichkeit an ihm wahrnimmt, die sie so nicht kannte, macht sie das umso neugieriger.

Zeruya Shalev erzählt in „Schicksal“ abwechselnd von diesen beiden Frauen und ihrer Begegnung, wobei wir nach und nach auch von ihren jeweiligen Lebensumständen erfahren. Rachel hat ein schwieriges Verhältnis zu ihrem älteren Sohn. Er hegt einen tiefen Groll gegen sie, der bis in seine Kindheit zurückgeht. Gespräche zwischen den beiden enden oft ihm Streit. Ihr jüngerer Sohn ist ihr gegenüber aufmerksam, hilfsbereit und liebevoll. Er hat sich für ein ultraorthodoxes Leben entschieden, was Rachel zwar nicht versteht, aber akzeptiert.

Atara ist um die 50. Sie ist in zweiter Ehe mit Alex verheiratet, beide haben ihre ehemaligen Partner füreinander verlassen. Jeweils ein Kind blieb zurück und gemeinsam bekamen sie den Sohn Eden, der inzwischen fast erwachsen ist. Die Beziehung zwischen Alex und Atara ist alles andere als harmonisch, beide überhäufen sich mit Vorwürfen und sind fast immer enttäuscht voneinander, spitze Bemerkungen und Streit sind an der Tagesordnung, dennoch halten sie aneinander fest. Zu Eden scheint Atara den Zugang zu verlieren, sie weiß nicht, was in ihm vorgeht, macht sich Sorgen, während ihre ältere Tochter, zu der das Verhältnis immer schon sehr eng war, sich ausgerechnet zu dem Zeitpunkt abzunabeln beginnt, als Atara das Gefühl hat, sie besonders zu brauchen.

„Schicksal“ entwickelt schnell einen Sog, was sicherlich an der Erzählweise lieg, wenn sich Shalev immer abwechselnd den beiden Frauen genauer zuwendet. Der Fokus liegt aber weniger auf der Liebesgeschichte zwischen Rachel und Meno, wie man vielleicht zu Beginn des Romans erwarten könnte, sondern sehr stark auf den Ereignissen in der Gegenwart, wobei die Geschehnisse der Vergangenheit immer eine Rolle spielen. So hat Rachel mit Meno damals im Untergrund gegen britische Soldaten gekämpft, bis Meno sich nach dem Tod einer jungen Frau, an dem er sich schuldig fühlte, von ihr zurückgezogen hat. Beide haben diese kurze und intensive gemeinsame Zeit nie vergessen.

Eine der großen Stärken von „Schicksal“ ist die genaue und differenzierte Darstellung der Beziehungen der Protagonist:innen. Das betrifft vor allem Atara und Alex, deren unharmonische Beziehung Shalev nahezu seziert. Die ständigen gegenseitigen kleinen oder größeren Verletzungen, die fast ununterbrochenen Vorwürfe von beiden Seiten – das ist teils schmerzhaft zu lesen, da Shalev uns kaum eine Verschnaufpause gönnt. Auf diese Weise ist man als Leser:in aber auch gezwungen, mitzufühlen, was die Lektüre sehr unmittelbar und auch fesselnd macht. Aber „Schicksal“ ist auch ein Roman über die Beziehungen zu Vätern und zu Müttern. So tritt Atara sowohl als Tochter auf, die der Wahrheit über ihren Vater auf die Spur kommen will, aber vor allem auch als Mutter zweier sehr verschiedener Kinder, zu denen auch ihr Verhältnis sehr unterschiedlich ist. Für Atara beginnt ein neuer Lebensabschnitt, als deutlich wird, dass sie von ihren Kindern nicht mehr gebraucht wird.

In einem Roman von Zeruya Shalev sind natürlich auch der Nahostkonflikt und die aktuelle politische Situation in Israel stets präsent. Die Autorin macht die Bedingungen, unter denen ihre Figuren leben, stets fühlbar, auch wenn die Politik nicht im Vordergrund steht. Und schließlich sei auch noch die Religion erwähnt, die im Leben der Protagonist:innen eine sehr unterschiedliche Rolle spielt, wobei es der Autorin gelingt, diesen unterschiedlichen Stellenwert ohne Wertung überzeugend darzustellen.

„Schicksal“ ist ein Roman um Beziehungen und Familien, um unbeantwortete Fragen und die enorme Kraft, die Vergangenes und Unausgesprochenes haben kann, um Sprachlosigkeit und die Frage danach, wie man leben möchte. Ein intensives Leseerlebnis.

Zeruya Shalev: Schicksal, aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer, Berlin Verlag, 2021, 416 Seiten