Sprachlose Trauer – Marieke Lucas Rijneveld: Was man sät

Was man sät„So habe ich herausgefunden, dass man seinen Glauben auf zweierlei Art verlieren kann: Manche verlieren Gott, wenn sie sich selbst finden, manche verlieren Gott, wenn sie sich selbst verlieren.“ S. 82

Marieke Lucas Rijneveld war in den letzten Monaten mehrfach in den Medien präsent: Im Jahr 2020 erhielt die englische Übersetzung von „Was man sät“ den International Booker Prize und somit viel Aufmerksamkeit, dieses Jahr dann bekam Rijneveld den Auftrag, das Gedicht Amanda Gormans, das diese bei der Amtseinführung Joe Bidens vortrug, ins Niederländische zu übersetzen. Wie bei uns gab es auch in den Niederlanden eine Debatte darüber, wer Gormans Gedicht übersetzen dürfe, konkreter: ob man den Job der Übersetzung von „The Hill We Climb“ einer weißen Person (Rijneveld definiert sich als non-binär) übertragen dürfe.

Diese verstärkte Aufmerksamkeit machte mich neugierig auf Rijnevelds Debütroman, dessen Lektüre keine einfache zu werden versprach, die Buchbeschreibung ließ nichts Anderes erwarten. Erzählt wird die Geschichte einer orthodox-calvinistischen Familie in den Niederlanden zu Beginn der 2000er Jahre. Matthies, ältester Sohn der Familie, bricht beim Schlittschuhlaufen im Eis ein und stirbt. Jas, seine Schwester und Ich-Erzählerin des Romans, hatte vorher zu Gott gebetet, dass er ihr Kaninchen verschonen möge, das der Vater für das Weihnachtsfest gemästet hatte, und lieber ihren Bruder zu sich nehmen. Ihr Gebet wird erhört. Jas gibt sich die Schuld.

In der Familie wird über den Tod des Bruders kaum geredet, jede*r von ihnen ist mit seiner bzw. ihrer Trauer allein. Die Mutter hört auf zu essen, der Vater geht stoisch seiner Arbeit auf dem Bauernhof nach und kümmert sich nur noch um die Rinder. Jas’ Bruder Obbe beginnt, Tiere zu quälen, Jas selbst weigert sich, ihre Jacke auszuziehen. Der Roman wirkt oftmals ein wenig aus der Zeit gefallen: Obwohl in der jüngeren Vergangenheit angesiedelt, hat man oft das Gefühl, die Geschichte spiele deutlich früher, eher irgendwann mitten im 20. Jahrhundert.

Es gibt keinen Trost in „Was man sät“. Alle Familienmitglieder sind allein mit ihrer Trauer um den Bruder und den Sohn, dessen Fehlen einerseits stets präsent ist, andererseits ignoriert wird. Sie alle drohen, an dem Verlust und der Schuld, die jeder von ihnen fühlt, zu zerbrechen, sind aber nicht dazu fähig, darüber zu sprechen. Die ungeschriebenen Regeln verbieten es.

Rijneveld schreibt bildgewaltig und gnadenlos über diese Familie, deren Leben sich so sehr von dem anderer unterscheidet. Die Kinder träumen davon, wie es „auf der anderen Seite“ wohl ist, doch ein Entkommen aus ihrer geschlossenen Welt scheint unmöglich oder zumindest sehr schwierig. Die tiefe Religiosität ist dabei kein Trost in der Not – der Gott, zu dem hier gebetet wird, ist eher zornig und strafend denn behütend und verzeihend – sie verbindet die Familie nicht, vielmehr isolieren sich alle voneinander und in ihrem Schmerz, mit dem sie nicht umgehen können.

Die verbleibenden drei Kinder, es gibt neben Jas und Obbe auch noch die jüngere Schwester Hanna, befinden sich irgendwo in einer vorpubertären Phase, entdecken ihre Sexualität, worüber in dieser streng religiösen Familie, in der die Kinder die Eltern siezen, natürlich nicht gesprochen wird (niemand hat sie aufgeklärt). Rijneveld benennt dabei auch konkret die Körperlichkeit ihrer Figuren, Körperöffnungen und Ausscheidungen sind kein Tabu, was mich in dieser direkten Offenheit an die Romane von Ottessa Moshfegh erinnert hat, in denen es auch oft sehr körperlich und sinnlich zugeht.

Insgesamt ist „Was man sät“ teilweise schwebend-unkonkret, dann legt Rijneveld wieder schmerzlich genau den Finger in die Wunde. Der Tod bleibt auch in weiteren Zusammenhängen den gesamten Roman über Teil der Geschichte. Rijneveld findet Worte für eine Trauer, für die es eigentlich keine Worte gibt, so tief sitzt der Schmerz über den Verlust in dieser Familie, dass sie daran zu zerbrechen droht. „Was man sät“ ist schonungslos und erschütternd, zutiefst traurig und sehr lesenswert.

Im Herbst erscheint bei Suhrkamp mit „Mein kleines Prachttier“ der zweite Roman Rijnevelds in der Übersetzung von Helga van Beuningen.

Marieke Lucas Rijneveld: Was man sät, aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen, Suhrkamp Taschenbuch, 2021, 316 Seiten