#metoo – Mary Adkins: Das Privileg

Das PrivilegAls die junge Annie an der Uni den gutaussehenden Tyler kennenlernt, kann sie zunächst nicht glauben, dass er sich für sie interessiert. Bisher hat sie kaum Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht und war eher unsicher und schüchtern, was auch daran lag, dass sie nach einem Unfall Narben an ihren Beinen zurückbehielt, für die sie sich schämte. Durch eine kosmetische OP fallen die Narben inzwischen kaum noch auf, und Annie ist selbstbewusster geworden. Doch nach einer Party im Wohnheim ist alles anders: Annie bezichtigt Tyler der Vergewaltigung. Der jedoch besteht darauf, dass der Sex einvernehmlich gewesen sei. Dass beide betrunken waren, macht die Sache noch komplizierter, als sie ohnehin schon ist.

Bea ist Jura-Studentin und lernt Tyler im Rahmen seiner Anhörung zu Annies Anschuldigungen kennen. Sie fungiert als seine Rechtsberaterin, und Tyler ist ihr erster „Fall“. Für Bea ist es schwierig, professionell zu bleiben und die nötige Distanz zu wahren und Tyler gleichzeitig behilflich zu sein, zumal sie nicht weiß, wem sie nun eigentlich glauben soll: Tylers Schilderung der Ereignisse scheint ebenso glaubwürdig wie die Schilderungen Annies. Oder ist ihre Meinung zu dem Ganzen am Ende wirklich so unwichtig, wie man ihr immer sagt?

Dritte weibliche Hauptfigur schließlich ist Stayja. Sie arbeitet als Kellnerin auf dem Campus und lernt Tyler als charmanten, witzigen Typen kennen, der ihr gefällt und dem egal ist, dass sie nur eine einfache Angestellte ist. Doch ist Tyler wirklich so, wie sie glaubt?

„Das Privileg“ von Mary Adkins ist ein #metoo-Roman, in dessen Zentrum einerseits die Frage stellt, ob Tyler denn nun getan hat, was ihm vorgeworfen wird, und der andererseits die Folgen beleuchtet, die die Anschuldigungen Annies für alle Beteiligten haben. Da ist zunächst die Verzweiflung und Scham Tylers, der befürchtet, dass seine akademische und berufliche Laufbahn, aber auch sein privates Leben für immer von der seinen Aussagen nach falschen Anschuldigung geprägt sein wird, wobei im Laufe der Geschichte deutlich wird, das seine privilegierte Herkunft ihm eine Art von Macht verleiht, die Annie, Bea und Stayja nicht haben. Annie dagegen ist am Campus nun in der Rolle des Opfers, sie ist wie abgestempelt, und es scheint fast unmöglich, diesen Stempel wieder loszuwerden. Auch auf Bea und Stayja haben die Ereignisse ihren Einfluss, wenn ihr Bezug zum Geschehen auch ein anderer ist.

Mary Adkins bringt in ihrem Roman noch einige weitere Themen unter, die in verschiedenem Ausmaß ihre drei Protagonistinnen betreffen. Da scheint auch stets ein bisschen Coming-of-Age durch, denn alle drei Frauen sind zwar ihrem Alter nach bereits erwachsen, suchen aber noch nach ihrem Weg in die Welt, der von den Geschehnissen am Campus mehr oder weniger stark beeinflusst wird. Manchmal bewegt sich die Geschichte dadurch weit von der Haupthandlung weg, andererseits werden die Fragen, die die Frauen umtreiben, dann wieder weniger vertieft als es wünschenswert wäre. Vielleicht wäre es besser gewesen, weniger in der Geschichte unterzubringen und sich dafür auf die verbleibenden Aspekte zu konzentrieren.

Insgesamt bleibt mir die Geschichte und vor allem der Umgang mit dem eigentlichen, kaum lösbaren Konflikt aber zu oberflächlich. In der zweiten Hälfte des Romans wirkt es auf mich, als habe die Autorin für den Fortlauf der Handlung einen „einfachen Weg“ genommen. Ich möchte über den Plot hier nicht mehr verraten, empfand die Geschichte aber auch hier eher undifferenziert. Dennoch: Insgesamt gelingt es Adkins, aufzuzeigen, dass es bei Annies Vorwurf gegen Tyler um viel mehr geht, als es zunächst den Anschein hat und dass Tylers wohlhabender und privilegierter Hintergrund eine größere Rolle spielen als es der Fall sein sollte. In die Tiefe geht der Roman meinem Empfinden nach aber nicht, so dass ich „Das Privileg“ nur bedingt empfehlen kann.

Mary Adkins: Das Privileg, aus dem Englischen von Mary Rahn, Kindler Verlag, 2021, 432 Seiten