Flucht – Louis-Philippe Dalembert: Die blaue Mauer

Die blaue MauerDrei Frauen fliehen über das Mittelmeer, in der Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa. Dima, Semhar und Chochana kommen aus verschiedenen Ländern, aus völlig unterschiedlichen Lebenssituationen, doch auf dem Schiff, das sie nach Italien bringen soll, teilen sie das gleiche Schicksal. Die strapaziöse Flucht, die Ungewissheit und Angst, das völlige Ausgeliefertsein eint sie – auch wenn es an Bord des Boots noch Unterschiede gibt, man die afrikanischen Flüchtlinge unter Deck unterbringt, während man die arabischen Flüchtenden oben überfahren lässt.

Dima ist Syrerin und Muslima, und sie hatte ein privilegiertes Leben, das sie ohne den Krieg niemals aufgegeben hätte. Semhar kommt aus Eritrea, sie entstammt einer christlichen Familie, ihre Zukunftspläne zerschlugen sich, als die Armee sie einzog. Und die Jüdin Chochana kommt aus Nigeria, sie flieht vor Dürre und Hunger.

Dalembert erzählt abwechselnd aus der Vergangenheit der drei Frauen und beleuchtet so die Gründe zur Flucht und wechselt dann jeweils zum Geschehen auf dem Boot, wo sich Chochana und Semhar bald kennenlernen, während Dima schon durch die örtliche Trennung zunächst mit den beiden anderen nicht in Kontakt kommt.

Jean-Philippe Dalembert widmet sich in „Die blaue Mauer“ einem wichtigen Thema. Ein wahres Ereignis im Jahr 2014, als ein Flüchtlingsboot von einem dänischen Öltanker gerettet wurde, hat ihn zu seinem Roman inspiriert. Diese Rettung haben viele der Flüchtlinge allerdings nicht überlebt, zum Teil ertranken sie, andere wurden von den Schleppern umgebracht, als es zu einem Aufstand an Bord kam. Leider konnte mich die Umsetzung des Stoffs bei Dalembert nur bedingt überzeugen und fesseln, was mehrere Gründe hat.

Dalembert schreibt nicht aus unmittelbarer Erfahrung und Nähe, das Buch ist Produkt seiner Recherche, und ein bisschen hat man das Gefühl, das dem Roman anzumerken. Die Protagonistinnen decken jeweils ein Land und vor allem eine Religion ab, als hätte der Autor unbedingt gleichberechtigt Christentum, Islam und Judentum abbilden wollen. Das Ganze wirkt teilweise sehr schematisch und dadurch leblos, die Figuren bleiben schablonenhaft, jede von ihnen scheint ein Thema bzw. ein Schicksal repräsentieren zu müssen und so kommt man ihnen nicht richtig nah. Vor allem Dima ist sehr stereotyp und einseitig gezeichnet.

Noch mehr ins Gewicht fällt die Sprache: Mal ist sie flapsig und umgangssprachlich, dann wieder poetisch und blumig, plötzlich technisch, als wäre der Text kein Roman, sondern ein Bericht. Das fällt besonders an den Stellen auf, als der Autor sehr bemüht zu sein scheint, Wiederholungen zu vermeiden und stattdessen die Figuren mit „die Eritreerin“, „die junge Frau“ etc. zu bezeichnen, was sehr ungelenk wirkt. Das sprachliche Hin und Herr ist bei der Lektüre irritierend, da der Roman dadurch sehr unausgeglichen wirkt, so als hätte man eine frühere Version des Textes stehen lassen, die eigentlich noch intensiv überarbeitet gehört hätte. Inwiefern diese Ungleichheit schon im Original vorhanden war, lässt sich schwer sagen, es wäre interessant, zu sehen, ob das Französische eleganter und gleichmäßiger wirkt, doch dafür reichen meine Sprachkenntnisse nicht aus. Immerhin wurde „Die blaue Mauer“ für den Prix Goncourt nominiert.

Besonders ärgerlich ist in dem Zusammenhang auch das unzureichende Korrektorat, zumindest in der mir vorliegenden ersten Auflage. Das beginnt schon im Klappentext, wo zu lesen ist: „Sie wollte Jura studieren, Jura zu studieren, bevor Dürre und Armut sie zwangen,…“ Fehler wie dieser ziehen sich durch den gesamten Roman, es fehlen Buchstaben, Konstruktionen sind grammatikalisch falsch, Wörter doppelt etc.

So gibt es leider Einiges, was die Lektüre von „Die blaue Mauer“ stört, sowohl was die stereotype Figurenzeichnung und das dem Roman unterlegte sehr deutlich sichtbare Schema angeht, als auch die sprachlichen Holprigkeiten und vielen Fehler, die stehengeblieben sind. Thematisch sicherlich ein wichtiges Buch, doch konnte mich die Umsetzung leider nicht überzeugen.

Eine weitere Besprechung gibt es bei literaturreich.

Louis-Philippe Dalembert: Die blaue Mauer, aus dem Französischen von Christine Ammann, Verlag Nagel und Kimche, 2021, 320 Seiten


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